Jürgen Fitschen, Chef der Deutschen Bank : "Vom Wohlstand dürfen nicht nur Reiche profitieren"

Arbeitnehmer müssen finanziell besser gestellt werden, fordert Deutschlands mächtigster Banker. Im Tagesspiegel-Interview verteidigt Jürgen Fitschen zudem den Einstieg des Emirats Katar bei der Deutschen Bank.

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Jürgen Fitschen ist neben seinem Vorstandskollegen Anshu Jain Deutschlands mächtigster Banker.
Jürgen Fitschen ist neben seinem Vorstandskollegen Anshu Jain Deutschlands mächtigster Banker.Foto: dpa

Herr Fitschen, die Bundesregierung hat die Prognose fürs Wirtschaftswachstum nach unten korrigiert. Wie schlecht steht es um Deutschland?

Wir sind in einer herausfordernden Situation. Einige überrascht das. Mir ist schon länger klar, dass wir uns von den vielen ungelösten Problemen in Europa nicht so schnell befreien können. Trotz des vielen billigen Geldes ist es der EZB, der Europäischen Zentralbank, nicht gelungen, ein nachhaltiges Wachstum in Gang zu setzen. Deshalb müssen wir die Zeit, die wir durch die Geldpolitik der EZB gewonnen haben, besser nutzen. Die EU-Staaten müssen ihre Strukturen verbessern und wettbewerbsfähiger werden, dies gilt auch für uns.

Ist es falsch, dass Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble so vehement an der schwarzen Null festhält?

Sparen ist nicht grundsätzlich falsch. Schließlich haben wir uns in Europa dem Ziel verschrieben, die Verschuldung der Staaten nachhaltig auf ein gesünderes Maß zu reduzieren. Das Problem ist, dass wir dieses Ziel jetzt unter verschärften Umständen erreichen müssen. Sparen alleine ist keine Antwort auf unser Kernproblem, und das ist das fehlende Wachstum. In der EU gibt es derzeit einen Grundsatzstreit. Die einen sagen, erst kommt das Sparen, dann das solide Wachstum. Die anderen sagen, wir müssen noch mal einen Anschub leisten, auch wenn das die Schulden erhöht. In weiten Teilen Europas und in den USA steht Deutschland mit seiner Sparpolitik ziemlich isoliert da.

Was empfehlen Sie?

Wir müssen einen intelligenten Weg finden, für notwendig erachtete Investitionen zu finanzieren, und dennoch das Ziel, mehr zu sparen, nicht aus den Augen zu verlieren. Aber das ist zugegebenermaßen sehr schwer.

Sie sind Mitglied in der von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel eingesetzten Kommission, die neue Konzepte für Investitionen in die Infrastruktur entwickeln soll. Ziel ist, mehr private Investoren zu finden. Aber diese Investoren, etwa die Versicherungsunternehmen, wollen Rendite sehen. Zahlt der Bürger am Ende die Zeche?

Die Frage ist doch: Was sollte der Staat selbst finanzieren und was sollte er dem Privatsektor überlassen? Damit verbunden ist eine weitere Frage, nämlich die, wofür der Staat unsere Steuern nutzt. Die Menschen wollen darauf eine Antwort. Sie sind bereit, Steuern zu zahlen, auch höhere Steuern, wenn sie den Eindruck haben, dass das Geld sinnvoll eingesetzt wird. Der Staat hat Rekordsteuereinnahmen, trotzdem sollen Privatinvestoren die Infrastruktur finanzieren. Das verstehen viele Bürger nicht.

Sollten Reiche höhere Steuern zahlen?

Auch diese Frage steht im Raum – etwa in Zusammenhang mit dem Spitzensteuersatz und der kalten Progression. Wichtig ist: Das, was am Ende herauskommt, muss politische Akzeptanz haben. Sonst passiert bei uns das Gleiche wie in Frankreich. Dort hat die Politik den Spitzensteuersatz so stark angehoben, dass die Menschen wegziehen. Sie zahlen ihre Steuern lieber in Belgien oder London. Das ist keine Lösung. Das Gleiche gilt für die kalte Progression. Es lohnt sich für viele Menschen nicht, sich anzustrengen, weil Gehaltserhöhungen von der Steuer aufgefressen werden. Hier müssen Antworten gefunden werden.

Die Reichen werden immer reicher. Müssen sie mehr an die Gesellschaft abgeben, etwa über eine Vermögensteuer oder eine höhere Erbschaftsteuer?

Wer sich dieser Diskussion entzieht, schadet sich selbst. Die Reichen dürfen ihre Augen nicht vor den Sorgen der anderen verschließen. Viele Menschen haben in den vergangenen zehn Jahren keine Reallohnerhöhung gesehen. Dass sie das mitgetragen haben, muss gewürdigt werden – ebenso wie der Beitrag, den die Gewerkschaften dabei geleistet haben. Aber irgendwann fragen sich die Menschen: Was hat uns das gebracht? Irgendwann könnte der Geduldsfaden reißen, wenn die Vermögenden in Zukunft immer mehr verdienen, während zu viele Bürger das Gefühl entwickeln, nicht angemessen teilhaben zu können an dem gemeinsam erwirtschafteten Mehrwert. Es stellt sich also die Frage, wie man ein Höchstmaß an Leistungsmotivation für alle, natürlich auch für die Leistungsträger, erzielen kann.

Das klingt nach einer Bewerbungsrede für die SPD …

Diese Einstellung ist keine Frage des Parteibuchs. Vor allem diejenigen, denen es gut geht, müssen sich dieser Frage stellen. Auf Dauer müssen alle Mitglieder der Gesellschaft vom wachsenden Wohlstand profitieren. Alles andere ist nicht gesund.