Junge Unternehmen : Wie Berliner Start-ups künstliche Intelligenz entwickeln

Schlaue Systeme, die dazu lernen können: Immer mehr Unternehmen arbeiten an künstlicher Intelligenz. Auch Berliner Start-ups machen das zum Geschäftsmodell

von
Maschinen, die dazu lernen: Das ist die Zukunft.
Maschinen, die dazu lernen: Das ist die Zukunft.Foto: jim Fotolia

Es ist ein kleiner weißer Knoten, der auf dem dunklen Röntgenbild der Brust klar zu sehen ist. Der Befund: „Tumor, bösartig“. Erstellt hat ihn aber kein Arzt, sondern eine Reihe von Algorithmen, entwickelt vom Berliner Start-up Heuro Labs. Am nördlichen Ende von Charlottenburg arbeitet das Unternehmen an einer künstlichen Intelligenz, kurz KI. „Wir trainieren das System so, dass es alle möglichen Daten, wie Text, Video oder Audio, verstehen und Schlüsse daraus ziehen kann“, sagt Mitgründer Mohamed Sayed. Auf seinem Laptop speist er jetzt das Bild eines Wolfs ins System ein. „Wolf, Säugetier, jagt in Rudeln“ steht kurz darauf umgeben von Programmiersprache auf seinem Bildschirm. Auch die Abbildung einer Staude Weintrauben erkennt das System und liefert die Kalorienangabe dazu.

„Weltweit, aber auch in Deutschland, kommen immer mehr Start-ups auf den Markt, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen. Die USA und China sind uns trotzdem weit voraus“, sagt Fabian Westerheide. Der Berliner Investor hat sich mit seinem Venture-Capital-Fonds namens Asgard auf eben solche KI-Unternehmen spezialisiert – auch Drohnen, Roboter und das Internet der Dinge wecken sein Interesse. Auslöser für den KI-Boom sei der Verkauf des Londoner Unternehmens DeepMind vor zwei Jahren gewesen, das nun zu Google gehört. Aktuell macht es Schlagzeilen, weil seine Software AlphaGo sich im hochkomplexen Strategiespiel Go gegen den Südkoreaner Lee Sedol am Samstag nach drei von fünf Partien den Gesamtsieg holte. Der Weltmeister war ohne Chance.

Welche Systeme gelten als intelligent?

In Berlin ist es bislang nur ein sehr kleiner Teil der gut 3000 Tech-Start-ups, die daran arbeiten, intelligente Systeme zu entwickeln. Dazu gehört neben Heuro Labs etwa das auf lernende Systeme spezialisierte Start-up Autumn und die Firma Micropsi Industries, die KI-getriebene Softwarelösungen entwickelt. Das Unternehmen Fred Knows aus Prenzlauer Berg bietet ein System, das Nutzern die Fragen zu ihren IT-Problemen beantwortet.

Ein Problem besteht schon in der Abgrenzung: Welche Systeme dürfen als intelligent gelten? Und welche spulen nur voreingestellte Programme ab? Schließlich ist bereits umstritten, was eigentlich Intelligenz bedeutet. Bei Google DeepMind bedient man sich der Definition aus der Encyclopædia Britannica: Intelligenz sei „die Fähigkeit, aus Erfahrung zu lernen, sich neuen Situationen anzupassen, abstrakte Konzepte zu verstehen und Wissen zu nutzen, um seine Umwelt zu beeinflussen.“ Apples digitale Assistentin Siri oder Microsofts Cortana gelten demnach nicht als intelligent, weil sie nur auf vorher programmierte Situationen reagieren können. Dennoch sind Erkennung und Verarbeitung von Sprache wichtige Voraussetzungen für künftige Intelligenzen.

"Den Arzt unterstützen, nicht ersetzen"

Viele der jungen KI-Unternehmen konzentrieren sich derzeit darauf, ein System zu entwickeln, das eigenständig lernt und in der Lage ist, sich Wissen anzueignen. Eine Art Grundalgorithmus, der nicht für jeden Zweck neu programmiert werden muss. Gut erklären lässt sich das bei Heuro Labs. Damit das System Tumore erkennen und zwischen gut- und bösartigen Formen unterscheiden kann, werden ihm hunderte Aufnahmen gezeigt. „Es lernt aus diesen Daten und von uns Menschen“, sagt Gründer Sayed. Ziel ist, dass das System immer weniger Beispiele braucht, um etwa die grundlegenden Merkmale eines Tumors zu verstehen.

Wenn das Programm getestet wird, erhält es außerdem Feedback für seine Antworten – und verbessert sich so noch weiter. „Reinforcement Learning“ nennt sich dieses Prinzip. Über die Zeit erfährt das System auch, wie groß ein Tumor werden kann, wie er sich behandeln lässt und wer davon betroffen ist. „Es soll den Arzt aber nicht ersetzen, sondern ihn unterstützen“, sagt Sayed. Denn je mehr Geräte Daten sammeln würden, desto größer sei die kognitive Aufgabe, diese wahrzunehmen und auszuwerten.

Seite 1 von 2Artikel auf einer Seite lesen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben