Wirtschaft : Kaffee mit gutem Beigeschmack

Anbieter von Fair-Trade-Produkten verzeichnen Rekordumsatz – doch Deutschland hinkt hinterher

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Existenzsichernd. Kaffee ist das populärste Fair-Trade-Produkt. Trotzdem sind insgesamt nur 1, 2 Prozent davon fair gehandelt. Foto: dpa Foto: AFP
Existenzsichernd. Kaffee ist das populärste Fair-Trade-Produkt. Trotzdem sind insgesamt nur 1, 2 Prozent davon fair gehandelt....Foto: AFP

Berlin - Deutsche greifen immer häufiger zu Produkten aus fairem Handel: 2010 gaben Verbraucher hierzulande 91 Millionen Euro mehr für Fair-Trade-Produkte aus als im Vorjahr. Das sei ein Rekordzuwachs, sagte Antje Edler, Geschäftsführerin des Forums Fairer Handel (FFH) am Freitag in Berlin. FFH ist das Netzwerk aller Fair-Trade-Anbieter. Demnach setzte die Branche im vergangenen Jahr 413 Millionen Euro um. Das waren 28 Prozent mehr als noch 2009. Binnen sechs Jahren habe sich der Absatz sogar vervierfacht, erklärte der Verband.

Dabei macht mit 32 Prozent der Kaffee den größten Anteil am Gesamtumsatz aus: Hier stieg der Absatz um 38 Prozent. Deutlich zugelegt haben auch Tee, Zucker und Schokolade. „Das Bewusstsein für die globalen Zusammenhänge von Konsum und Produktion steigt“, sagte FHH-Geschäftsführerin Edler. Ihr Netzwerk fördert langfristige Handelspartnerschaften und setzt sich für Preise ein, die Kleinbauern in den Produktionsländern ein anständiges Einkommen sichern. Darüber hinaus unterstützt es den Aufbau von Infrastrukturen und kämpft gegen ausbeutende Zwischenhändler.

Der steigende Absatz ist aber wohl auch eine Folge von wachsender Verfügbarkeit: Mittlerweile führen rund 33 000 Geschäfte bundesweit Artikel aus fairem Handel. Nicht unerheblich ist dabei das Engagement von Supermärkten. „Viele Menschen möchten möglichst bei einem Einkauf alles erledigen“, heißt es bei der Verbraucherzentrale Brandenburg. Laut FFH haben die Billiganbieter ihr Fair- Trade-Sortiment zuletzt um durchschnittlich zehn Prozent erweitert. „Ein wichtiger Anfang“, sagte Edler.

Denn Deutschland hinkt trotz einer positiven Entwicklung im internationalen Vergleich eher hinterher: Rechnet man die 413 Millionen Euro auf den jährlichen Pro-Kopf-Umsatz um, sind das gerade einmal fünf Euro. In Dänemark sind es elf. Als Vorreiter der Bewegung gilt Großbritannien. Dort haben mehrere große Hersteller ihre Produktion umgestellt und die Bedingungen für Rohstofflieferanten verbessert. Die beliebteste britische Schokoladenmarke Cadbury etwa arbeitet mit Kakao aus fairem Handel. „In Deutschland ist Fair-Trade leider noch immer eine Nischenerscheinung“, sagte Edler. Ein Gegenbeispiel: Beim sonst oft wegen seiner Verdrängungsstrategie kritisierten Einzelhandelsunternehmen Starbucks basieren alle Kaffeespezialitäten auf Kaffee aus fair entlohntem Anbau.

Fraglich ist, ob und wann andere nachziehen. Denn auch wenn Kaffee das beliebteste Fair-Trade-Produkt ist: Gemessen am Gesamtverzehr in Deutschland machen die fair gehandelten Sorten gerade einmal 1,2 Prozent aus. Dass es reichlich Luft nach oben gibt, bekräftigt auch der Verband der „Weltladen“-Fachhändler: „Fair Trade ist mehr als Kaffee und Tee“, sagte eine Sprecherin. Von den in Deutschland konsumierten Südfrüchten kommen lediglich fünf Prozent aus fairem Handel. Im Nachbarland Schweiz ist es schon jede zweite Banane. Auch das Bewusstsein für Textilien und Handwerksprodukte aus fairem Handel, Körbe und Spielzeug etwa, sei noch eher schwach. 10 000 verschiedene Fair- Trade-Produkte hat das Forum Fairer Handel in Deutschland ermittelt. Im übrigen: Nur etwa die Hälfte der immer stärker nachgefragten Bio-Artikel sind auch fair gehandelt.Die Aktivisten empfehlen, Etiketten zu studieren und gezielt nachzufragen.

Neben den Konsumenten nimmt das Netzwerk aber auch den Staat in die Verantwortung: „Politische Veränderungen sind dringend notwendig“, mahnte Edler am Freitag. Demnächst steht die Reform der europäischen Agrarpolitik an. „Unsere Partnerschaften verhelfen Menschen zu mehr Selbstständigkeit und einer gesicherten Existenz. Allerdings können sie nur dort ansetzen, wo stabile Rahmenbedingungen geschaffen sind.“ In den aktuell unter der Hungersnot leidenden Regionen Nordafrikas sei das nicht der Fall, bedauerte der Verband. Nutznießer des Programms seien von daher in erster Linie Kleinbauern in Lateinamerika und Asien.

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