Kampf gegen den Stress : Keine E-Mails im Urlaub, keine Anrufe

Immer mehr Unternehmen wollen ihre Mitarbeiter schonen. Nur die Politik spielt nicht mit: Eine Anti-Stress-Verordnung wird es vorerst nicht geben.

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Wenn die Arbeit zu viel wird. Viele Mitarbeiter klagen über ständige Erreichbarkeit und zu viele Arbeitsaufträge.
Wenn die Arbeit zu viel wird. Viele Mitarbeiter klagen über ständige Erreichbarkeit und zu viele Arbeitsaufträge.Foto: picture alliance / dpa

Es fühlt sich an wie ein Befreiungsschlag. Wenn Daimler-Mitarbeiterin Sabrina Schrimpf frisch erholt aus dem Urlaub an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt und den Rechner hochfährt, wird ihre gute Laune nicht mehr wie bisher von einer Flut von E-Mails jäh zunichte gemacht. Wo normalerweise hunderte Mails pro Woche aufploppen, findet die Personalerin nach ihren Ferien – nichts. Ein digitaler Abwesenheitsassistent des Unternehmens verschiebt während ihres Urlaubs alle E-Mails in den virtuellen Mülleimer, vollständig, unwiederbringlich. Der Absender erhält eine Warnung, dass seine Post den Adressaten vorübergehend nicht erreicht und erfährt zugleich, an wen im Betrieb er sich vertretungsweise wenden kann. Schrimpfs Postfach bleibt leer.
Mit dem hausinternen Mitarbeiterprogramm „Mail on Holiday“ wirkt Daimler einer Verhaltensweise entgegen, die viele Arbeitnehmer und Arbeitgeber in Deutschland aus professionellen Gründen für unverzichtbar halten: Erreichbarkeit rund um die Uhr. Seit Januar dieses Jahres können alle rund 100.000 Mitarbeiter des süddeutschen<NO>Automobilkonzerns in Deutschland während des Urlaubs ihre digitale Post löschen lassen; laut Schrimpf machen von der Regelung einfache Beschäftigte, aber auch Vorstände und leitende Angestellte Gebrauch. „Unsere Mitarbeiter sollen sich im Urlaub erholen und keine geschäftlichen E-Mails lesen“, sagt Wilfried Porth, Personalvorstand und Arbeitsdirektor bei Daimler. „Mit Mail on Holiday starten sie nach den Ferien mit einem sauberen Schreibtisch. Das ist eine emotionale Entlastung.“


Für zwei Drittel der Berufstätigen ist Arbeit der größte Stressfaktor

Glaubt man der aktuellsten Stressstudie „Bleib locker, Deutschland“ der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2013, ist der Job für die Deutschen die größte Belastung im Leben überhaupt. Von den Berufstätigen nennen fast zwei Drittel ihre Arbeit als größten Stressfaktor. Das Personal leidet neben ständiger Erreichbarkeit nach Feierabend auch unter zu vielen Arbeitsaufträgen, Termindruck, unfreiwilligen Arbeitsunterbrechungen, Informationsflut, ungenauen Arbeitsanweisungen, ungerechter Bezahlung, mangelnder Anerkennung oder kann Beruf und Familie nur schwer vereinbaren.
Immer und überall auf der Welt für seinen Arbeitgeber erreichbar zu sein, gehört der Studie zufolge zu den Faktoren am Arbeitsplatz, die Beschäftigte besonders stark unter Druck setzen. Vier von zehn berufstätigen Deutschen sind demnach selbst in ihren Ferien auf Standby – sieben von ihnen setzt das unter Stress, macht sie nervös oder gereizt. Doch wer stets erreichbar ist, leidet öfter unter seelischen Beschwerden wie Burn-out oder Depressionen. Und das kann mittelfristig nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Unternehmen zum Problem werden. Denn psychische Erkrankungen dauern nämlich wesentlich länger als andere Leiden – betroffene Mitarbeiter stehen dem Betrieb häufig nicht nur über einige Tage, sondern gleich über Wochen oder Monate nicht zur Verfügung.
Die Initiative Gesundheit und Arbeit der gesetzlichen Kranken- und Unfallversicherung kommt in einer Umfrage zu einem ähnlichen Ergebnis: Demnach muss gut ein Viertel der Beschäftigten in der Bundesrepublik auch nach Feierabend für die Arbeit zur Verfügung stehen. Jeder Fünfte ist zu erledigt, um sich nach Dienstschluss noch zu privaten Aktivitäten mit Familie oder Freunden aufzuraffen. Neben Daimler lassen auch andere Unternehmen ihre Leute deshalb in der Freizeit zur Ruhe kommen. Der Autobauer Volkswagen hat etwa eine E-Mail-Pause nach Feierabend eingeführt. Der Berliner Krankenhausbetreiber Vivantes, der 15.000 Mitarbeiter beschäftigt, plant für 2015 eine neue Regelung, um das Personal vor allzu vielen E-Mails zu schützen. Darüber hinaus bietet das Unternehmen seinen Mitarbeitern Kurse zum Stressabbau und Zeitmanagement sowie Yoga oder Shiatsu an. Bei der Telekom haben sich leitende Angestellte verpflichtet, Mitarbeitern nach Dienstschluss, am Wochenende und im Urlaub keine Mails zu schicken. Der Autozulieferer Continental hat dazu nach eigenen Angaben einen „Leitfaden mit Ratgeber-Charakter“. Der Softwarekonzern SAP setzt indes auf Online-Plattformen: Dort könnten Teams ihre Ergebnisse sicher und Dokumente fortlaufend bearbeiten. Wer im Urlaub sei, bleibe außen vor und könne den Fortschritt bei Rückkehr einsehen.

Ein Gesetz gegen Stress kommt frühestens in drei Jahren

Unternehmen wie Daimler oder Vivantes greifen politischen Ambitionen zur Bekämpfung von Stress am Arbeitsplatz vor. Seit der vergangenen Legislatur ist im Bundestag die Einführung einer Anti-Stress-Verordnung im Gespräch, die vor allem von SPD-Politikern wie Familienministerin Manuela Schwesig und Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Guntram Schneider aber auch von Gewerkschaftsvertretern favorisiert wird. Schneider fordert ein Gesetz, welches es Arbeitgebern verbietet, Personal zu bestimmten Zeiten zu kontaktieren.
Allerdings müssen Deutschlands Arbeitnehmer auf eine solche Regelung wohl noch einige Zeit warten. Die Bundesregierung hat die baldige Umsetzung einer Anti-Stress-Verordnung gerade in der Antwort auf eine Anfrage der Linksfraktion ausgeschlossen. „Für eine eigenständige Verordnung liegen derzeit noch keine hinreichend konkreten Gestaltungsanforderungen vor, die als Handlungsaufforderungen an den Arbeitgeber gestellt werden können“, heißt es darin. Inwiefern psychische Belastungen durch Arbeit bedingt seien und wie Unternehmen gegenwirken könnten, werde in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) lässt den Forschungsstand zum Thema „Arbeit und Stress“ derzeit von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin untersuchen. Die Institution soll daraus innerhalb von drei Jahren Handlungsempfehlungen ableiten, die dann in eine Verordnung münden könnten.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hält von dieser Vorgehensweise wenig. „Es ist immer gut, wenn weiter und noch präziser geforscht wird, welche Auswirkungen Stress bei der Arbeit auf die Gesundheit hat“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach dem Tagesspiegel. „Aber das darf kein Vorwand sein, eine Anti-Stressverordnung auf die lange Bank zu schieben, die wir dringend brauchen, um die Gesundheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer besser zu schützen.“ Seit Jahrzehnten schon sei bekannt, dass psychischer Stress die Gesundheit stark beeinträchtige und zu Volkskrankheiten wie Diabetes, Herzinfarkt oder Burn-out führe. „Wir wissen mehr als genug, um zu handeln, und zwar jetzt!“, sagte Buntenbach.

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