Kampfparolen und Gefühligkeit : Bsirske wird als Verdi-Chef wiedergewählt

Frank Bsirske wird als Chef der Gewerkschaft Verdi wiedergewählt. Er agitiert gegen das Vermögen, ist aber auch pragmatisch.

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Siegerpose. Frank Bsirske wurde mit 94,7 Prozent der Stimmen wiedergewählt.
Siegerpose. Frank Bsirske wurde mit 94,7 Prozent der Stimmen wiedergewählt.Foto: dapd

Leipzig - Es ist ein bisschen wie auf der Südtribüne des Dortmunder Stadions, wo die Fans vor jedem Spiel mit der Mutmacherhymne „You’ll never walk alone“ die Kicker auf dem Platz begrüßen. Im Multifunktionsbau der Leipziger Messe dröhnt der Song zum Ende der Pausen und signalisiert den 1000 Verdi-Delegierten, dass es weitergeht mit dem Palaver. Unter dem Motto „Vereint für Gerechtigkeit“ beschäftigen sich die Gewerkschafter mit 1339 Anträgen, gegliedert in 17 Sach- und 60 Untersachgebiete. Das heißt: Eine Woche lang Klassenkampf, aber mit vielen Leerformeln, wie „Wir brauchen konsequente Zuspitzung“, oder „wir müssen Prioritäten setzen“. Und immer wieder gibt es Bekenntnisse und Appelle zu mehr „Systemkritik“.

Keiner kann Systemkritik so gut wie Frank Bsirske. Deshalb führt er seit zehn Jahren diesen etwas wilden und etwas wirren Haufen. Am Montag haben sie ihn zum vierten Mal gewählt. Sie lieben ihren Frank: der linke Spinner aus Bayern genauso wie die eher unpolitische Krankenschwester aus Neumünster, der schlaumeiernde Verwaltungsfachangestellte aus Stuttgart oder der Busfahrer aus Recklinghausen. 1000 Berufe umfasst Verdi, 2 082 362 Mitglieder, aufgeteilt in 13 Fachbereiche und elf Landesbezirke.

Bsirske hält den Laden zusammen. Mit enormem Einsatz ist er ständig unterwegs zu irgendwelchen Gremiensitzungen und Konferenzen. Ein großer Kommunikator. Im ersten Halbjahr hatte der 59-Jährige nicht ein freies Wochenende. Die Basis will gepflegt werden. Zur Vorbereitung des Leipziger Bundeskongresses gab es in den vergangenen anderthalb Jahren rund 2500 Versammlungen und Konferenzen. Häufig mit Bsirske. Er arbeite „bis zur Entgrenzung“, hat er einmal gesagt. Von wegen 35-Stunden-Woche. Er selbst macht mindestens 80. Im Februar wird er 60. Ein Kämpfer und Malocher, ein Steher, der auch seinen schwersten Gegner überlebt hat: Gerhard Schröder.

Der Arbeitersohn wuchs in Helmstedt auf und studierte mit Hilfe der DGB-Stiftung Politische Wissenschaften. Das merkt man bei jedem zweiten Satz. Schröder kriegte die Krise, wenn Bsirske mit seinem Politologen-Deutsch beim Bündnis für Arbeit referierte. Und Berthold Huber, als Chef der IG Metall noch etwas mächtiger als der Kollege von Verdi, machte sich einmal Luft: „Frank, du musst mich nicht agitieren.“

Bsirske arbeitete zehn Jahre als Bildungssekretär der „Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken“, machte dann Karriere in der Gewerkschaft für Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, kurz: ÖTV. 1997 wurde er auf dem Ticket der Grünen, deren Mitglied er ist, Personaldezernent in Hannover. Im Herbst 2000 trat ÖTV-Chef Herbert Mai zurück, zermürbt von den Auseinandersetzungen über die Fusion der Gewerkschaft mit vier anderen, kleineren Organisationen. Über Nacht holten die Krisenmanager Bsirske aus Hannover. Der brachte die ÖTV auf Fusionslinie und wurde wenige Monate später, im Frühjahr 2001, erster Vorsitzender der vereinten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Seitdem hat er ein Jahreseinkommen von 177 000 Euro. Nicht schlecht, verglichen mit der Verkäuferin bei Lidl. Aber für den Hauptverantwortlichen einer Organisation mit mehr als 3000 Beschäftigten und einem Milliardenvermögen, für einen, der in Tarifverhandlungen über die Arbeitsbedingungen und Einkommen sehr vieler Menschen entscheidet, ist das eher bescheiden. Zumal hierzulande jeder mittelmäßige Geschäftsführer eines mittelständischen Betriebs mit 500 Leuten mehr kassiert.

Bsirske ist Verdi. Er steht für die Integration von Organisationen, die eigentlich nicht zusammenpassten. Die dominante und krawallfreudige ÖTV (Heinz Kluncker!) fand nur schwer zusammen mit den drögen Angestellten der DAG, der selbstbewussten Postgewerkschaft, der linken IG Medien und der renitenten HBV (Handel, Banken, Versicherungen).

In den ersten Jahren war Verdi sehr mit sich selbst beschäftigt. Dann kam Schröders Agendapolitik. Die junge Gewerkschaft zerriss es geradezu, als der traditionelle Bündnispartner der Arbeitnehmer, die SPD, plötzlich durchregierte. Die Sozialdemokraten stürzten ab, die Linke wurde auch im Westen stark – nicht zuletzt wegen des Engagements vieler Gewerkschafter. Bsirske drohte der Laden um die Ohren zu fliegen. Doch trotz oder vielleicht auch gerade wegen seiner eigenwilligen Rhetorik behielt er die Fliehkräfte bei Verdi unter Kontrolle.

„Wir (kleine Pause) zwingen (Pause) die Konzerne (längere Pause, dann lauter werdend und mit der rechten Handkante sich selbst den Takt schlagend:) Gewerkschaftsrechte einzuhalten.“ Punkt. Ausrufezeichen. „Kolleginnen und Kollegen!“

Ziel der Agitation sind die Reichen und Vermögenden. Den doppelten Stinkefinger zeigt Bsirske den gierigen Bankern. Das regt ihn richtig auf: Die seit Jahren auseinanderlaufende Einkommens- und Vermögensverteilung in einem Land, das „für die Reichen eine Steueroase ist“.

Ja, Bsirske kann Klassenkampf. Auf der Bühne, am 1. Mai oder bei Streikkundgebungen. Trotzdem schätzen ihn die Arbeitgeber als Tarifpartner. Denn er ist auch: pragmatisch, zielorientiert, zuverlässig. Bsirske und Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt waren im vergangenen Jahr die Protagonisten einer Gesetzesinitiative zur Festschreibung der Tarifeinheit. Sie wollten solchen Berufsgruppen, die wie Ärzte, Piloten oder Lokführer ihr eigenes Tarifgeschäft betreiben, den Spielraum einschränken – auch mit einer Begrenzung des Streikrechts. Doch dabei hatte der große Vorsitzende die Empfindlichkeit seiner bunten Truppe unterschätzt. Vor drei Monaten zog Bsirske zurück – gerade rechtzeitig vor dem Bundeskongress und der Wiederwahl – und ließ sich für die Niederlage eine hübsche Gewinnerformulierung einfallen: „Wer führen will, muss folgen können.“

Also noch einmal vier Jahre führen. Der Höhepunkt der nächsten Wahlperiode liegt für Bsirske in der Mitte, die Bundestagswahl 2013. Er hofft auf Rot-Grün, doch diesmal ohne Schröder und bitte nicht mit Peer Steinbrück. Was für eine Genugtuung für den Agenda-Kritiker, wenn die Fehler der ersten rot-grünen Regierung durch eine zweite korrigiert würden. Die „Entsicherung“ des Arbeitsmarktes rückgängig machen durch die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns und gleiches Geld für gleiche Arbeit in der Leiharbeit. Soziale Dienstleistungen in Pflege und Erziehung besser bezahlen und das nötige Geld dafür durch Steuererhöhungen bei den Wohlhabenden eintreiben. Griechenland und den Euro retten, aber den „Angriff auf die Löhne und den Sozialstaat“ abwehren und stattdessen die Mittel der „Geldvermögensbesitzer“ abschöpfen und einsetzen.

„Das Kreuz lassen wir uns nicht brechen. Und von der Deutschen Bank schon gar nicht“, ruft Bsirske den Leuten zu. Die freuen sich und klatschen, weil der Schnauzbart da vorne ihnen aus dem Herzen spricht. Er trifft den richtigen Ton, eine Mischung aus Kampfparole und Gefühligkeit, wenn er die 92-jährige Anni würdigt, die älteste Delegierte und seit vielen Jahrzehnten aktive Gewerkschafterin. „Wir können stolz sein, Gewerkschafter zu sein“, ruft Bsirske, „lasst uns an die Arbeit gehen.“ Er vorneweg. Mit einem Wahlergebnis von 94,7 Prozent.

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