Wirtschaft : Kandidaten in der Kulisse

Aus allen Ecken der Welt kommen Bewerbungen für den IWF-Chefposten

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CHRISTINE LAGARDE (FRANKREICH)

Als sie im März des vergangenen Jahres die Exportstärke Deutschlands anprangerte und damit auf die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Eurozone aufmerksam machte, hätte man meinen können, dass es sich Christine Lagarde mit Berlin verspielt hat. Doch das Gegenteil geschah: Im Verlauf der Eurokrise hat die 55-Jährige bei ihren europäischen Partnern großes Ansehen erworben, das Verhältnis der französischen Finanzministerin zu ihrem Amtskollegen Wolfgang Schäuble gilt als hervorragend. Die Juristin kam erst relativ spät in die Politik. Bevor sie mehrere Ministerämter bekleidete und 2007 als erste Frau Chefin im mächtigen Wirtschafts- und Finanzministerium wurde, hatte sie schon Karriere an der Spitze einer globalen Anwaltskanzlei gemacht. Eine sichere Sache ist ihre Berufung dennoch nicht. In Frankreich droht ihr ein Verfahren, bei dem es um eine umstrittene Entschädigungszahlung an den schillernden Unternehmer Bernard Tapie geht. ame

KEMAL DERVIS (TÜRKEI)

Er gilt als aussichtsreicher Kandidat für den Fall, dass kein Europäer den Job bekommt. Dervis ist ein Weltbürger: Sohn einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters, fließend in vier Sprachen, geboren auf der Prinzeninsel Büyükada vor Istanbul, aufgewachsen in der Schweiz; ein Europäer, zugleich aber Vertreter eines Schwellenlandes. An seiner fachlichen Qualifikation gibt es keinen Zweifel: Dervis studierte Ökonomie in Princeton sowie an der renommierten London School of Economics, promovierte im Alter von 24 Jahren mit Auszeichnung und brachte es bis zum Vizepräsidenten der Weltbank. Der 62-Jährige lebt in Washington. Von der Denkfabrik Brookings Institution, wo Dervis seit 2009 arbeitet, ist es nicht weit zum Gebäude des IWF. öhl

AGUSTIN CARSTENS (MEXIKO)

Der 52-Jährige ist seit Anfang 2010 Chef der mexikanischen Notenbank, der er zuvor als Chefvolkswirt diente. Unter seiner Führung wurde die Unabhängigkeit der Zentralbank infrage gestellt, nachdem Carstens den Finanzminister zur Teilnahme an den geldpolitischen Entscheidungen eingeladen und eine enge Zusammenarbeit mit der Regierung zugesagt hatte. Von 2003 bis 2006 war Carstens Vizechef des IWF. Der Zentralbankgouverneur kann auf Unterstützung durch Washington und einige Schwellenländern hoffen. Problem für den Ex-Finanzminister ist, dass mit Angel Gurría bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bereits ein Mexikaner eine wichtige Wirtschaftsinstitution leitet. AFP/rtr

ARMINIO FRAGA (BRASILIEN)

Der 54-Jährige gilt als erfolgreichster Notenbankchef Brasiliens. Er stand von 1999 bis 2002 in wirtschaftlich turbulenten Zeiten an der Spitze der Zentralbank. Ihm gelang es, die Abwertung der Währung in den Griff zu bekommen, indem er den Leitzins bis auf 42 Prozent hochschraubte. Fraga arbeitete sechs Jahre lang für den Milliardär George Soros und hat gerade seinen eigenen Hedgefonds verkauft. Gegen Fraga sprechen seine Hedgefonds-Verbindungen. rtr

TREVOR MANUEL (SÜDAFRIKA)

Der 55-Jährige ist in Finanzkreisen sehr anerkannt. Von 1996 bis 2009 war er Finanzminister in Südafrika, wo er in den 80er Jahren vom Apartheid-Regime wegen seiner politischen Aktivitäten verfolgt und inhaftiert worden war. Als Chef der Nationalen Planungskommission hat er noch immer großen Einfluss auf die Geschicke seines Heimatlandes, das zu den am schnellsten wachsenden Schwellenländern gehört. Manuel gilt als Vertrauter von Ex-Präsident Nelson Mandela. Ob er eine breite Unterstützung auf dem afrikanischen Kontinent hat, ist aber unklar.

GRIGORI MARSCHENKO (KASACHSTAN)

Der kasachische Zentralbankchef wurde laut seiner Regierung durch die Staaten der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) zum Kandidaten für den IWF gekürt. Der 52-jährige Marschenko steht nach einem ersten Mandat seit 2009 wieder an der Spitze der kasachischen Zentralbank. AFP

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