Wirtschaft : Kann das nicht die Frau machen?

Viele Vorgesetzte tun sich noch schwer mit der Elternzeit für Väter. Doch der Bedarf ist da.

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Qualitätszeit. Viele Väter wünschen sich mehr Zeit mit dem Nachwuchs. Und sie haben einen Rechtsanspruch auf die Elternzeit. Foto: dpa
Qualitätszeit. Viele Väter wünschen sich mehr Zeit mit dem Nachwuchs. Und sie haben einen Rechtsanspruch auf die Elternzeit. Foto:...Foto: picture alliance / dpa

Markus hat mit seinem Chef eigentlich alles geklärt: Der Verkaufsleiter möchte nach der Geburt seines Sohnes zwölf Monate Elternzeit nehmen. Doch dann bekommt er kurz vor dem Termin einen neuen Vorgesetzten – und der zeigt ihm deutlich, dass er von diesem Plan nichts hält: „Drei Monate seien schlimm, sechs Monate der Gipfel, aber zwölf Monate seien eine Unverschämtheit und Illoyalität, vergleichbar mit Werkspionage“ erinnert er sich an die Antwort des Chefs. Markus ist einer von zehn Männern, die Antje Diller-Wolff in ihrem Buch „Rabenmütter und Heimchenväter“ vorstellt. Sie alle berichten davon, welche Hürden und Vorurteile Väter vor und während ihrer Elternzeit erlebt haben. Während zehn Frauen schildern, welche Schwierigkeiten den sogenannten „Rabenmüttern“ – die in der Tierwelt als besonders liebevolle Eltern bekannt sind – begegnen, weil sie „trotz ihrer Kinder“ noch arbeiten gehen.

Alle vorgestellten Protagonisten haben sich mit ihren Partnern ausführlich darüber Gedanken gemacht, wie sie die Betreuung ihrer Kinder organisieren – und beschlossen, dass sie diese Aufgabe untereinander aufteilen wollen. Die Männer äußern immer wieder, dass es „Verschwendung“ wäre, wenn ihre Frauen nach der Geburt der Kinder nicht mehr arbeiten würden. Väter, die sich für die Elternzeit entscheiden, stoßen nach Ansicht der Autorin vor allem dann im Beruf auf Unverständnis, wenn ihre Chefs entweder deutlich älter und kinderlos sind – oder die Kindererziehung komplett den Müttern überlassen haben. Oder, wenn die Vorgesetzten sehr jung sind und noch keine eigene Familie haben.

Antje Diller-Wolff rät dazu, sich vor dem Gespräch mit dem Chef auf den „schlimmsten Fall“ vorzubereiten: „Man sollte sich überlegen, warum der Chef es furchtbar finden wird, dass man in Elternzeit geht.“ Und dann nach Argumenten suchen, die ihn doch noch überzeugen können – und ihm einen durchdachte Planung präsentieren: Deutlich werden sollte in diesem Gespräch, wie lange man wegbleibt, wie die Kinderbetreuung nach der Rückkehr in die Firma organisiert ist, und vor allem: dass das Interesse am Unternehmen ungebrochen ist. Die Autorin empfiehlt, Kontakt zum Unternehmen zu halten. Sie warnt allerdings davor, den Kollegen regelmäßig Babyfotos zu mailen oder unangekündigt im Unternehmen aufzutauchen, um das neue Familienmitglied vorzustellen.

Ein Beispiel für organisiertes Kontakthalten ist die Barmer GEK: Die Krankenkasse bietet ihrer Belegschaft Seminare und ein spezielles Patenschaftsprogramm an. Während der Elternzeit werden Mütter und Väter von Kollegen, den ausgewählten „Paten“, über Neuigkeiten informiert. Außerdem werden angehende Führungskräfte in Managementtrainings für das Thema sensibilisiert. Das soll Müttern und Vätern den beruflichen Wiedereinstieg erleichtern.

Das Statistische Bundesamt hat im Mai die jüngsten Zahlen zur Väterbeteiligung beim Elterngeld veröffentlicht. Sie beziehen sich auf das Jahr 2011 und verzeichnen einen neuen Höchststand: Bundesweit haben im Schnitt 27,3 Prozent der Väter das Elterngeld in Anspruch genommen, damit ist die Beteiligung im Vergleich zu Vorjahr noch einmal um zwei Prozentpunkte angestiegen. In Berlin waren es sogar 32,2 Prozent. Allerdings bezögen bundesweit drei von vier Vätern das Elterngeld nach wie vor für maximal zwei Monate, lediglich sieben Prozent der Väter nutzen die Leistung zwölf Monate – während es neun von zehn Müttern tun.

Diesen Eindruck bestätigt auch das Berliner Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer (Sowitra), das gerade eine Untersuchung zur „Elterngeldnutzung durch Väter – langfristige Effekte für Betrieb und Partnerschaft“ durchgeführt hat. Die Veröffentlichung der Daten ist im kommenden Jahr geplant, doch der Wissenschaftler Stefan Reuyß kann bereits einen ersten Vergleich zur 2009 veröffentlichten Vorgängerstudie ziehen. „Unser Eindruck ist, dass sich zwei Monate Elternzeit bei Vätern mittlerweile als neuer Standard etabliert haben.“ Anders sieht es aus, wenn Väter die Zwei-Monats-Grenze überschreiten – oder zum Beispiel langfristig in eine Teilzeitbeschäftigung wechseln wollen. „Auf diese Wünsche wird oft mit Unverständnis reagiert.“ Oder die Männer würden gefragt: „Wieso machst du das, hast du keine Frau zu Hause?“ Viele Vorgesetzte machten ihren Beschäftigten auch klar, dass ihre Karriere pausieren müsse, solange sie nicht zum „Vollzeitstandard“ zurückkehrten.

Antje Diller-Wolff hat zu ihrem Buch viele Rückmeldungen bekommen – und dabei unter anderem erfahren, dass sich auch in der Verwaltung beschäftigte Männer oft nicht trauen, Elternzeit zu nehmen. Sondern lieber ihren Jahresurlaub nehmen, um möglichst viel Zeit mit den Kindern zu verbringen. „Viele Arbeitgeber denken immer noch, dass Männer verweichlichen und ihren Verstand ausschalten, sobald sie in Elternzeit sind.“ Dabei könne man in diesen Monaten vieles lernen, was einem später auch im Job helfe: Organisation, Flexibilität und die Fähigkeit, sich selbst zurückzunehmen und auch in stressigen Situationen gelassen zu bleiben. Neben den beruflichen Schwierigkeiten geht es ihrem Buch auch darum, wie das nicht-berufliche Umfeld auf die Väter reagiert: Die Männer beschreiben, wie einsam sie sich manchmal gefühlt haben – etwa, wenn die Frauen in ihrer Krabbelgruppe zeigten, dass sie mit einem Mann nicht über Kindererziehung sprechen.

Für Antje Diller-Wolff beginnt die Ausgrenzung der Väter oft schon in den Geburtsvorbereitungskursen. „Diese Kurse sind oft nur für die Schwangeren konzipiert.“ In viele Regionen sei es kaum möglich, einen Platz in einem Partnerkurs zu bekommen. Oft grenzen auch die Fachkräfte, also etwa die Kinderärzte, die Väter aus: Das beschreibt auch Markus, der sich in der Arztpraxis nicht wie ein denkender und fühlender Vater gefühlt hat, sondern eher wie ein Handlanger. Denn der Kinderarzt wollte lieber die doch sicherlich mitgebrachte Frageliste der Mutter abarbeiten, statt mit ihm zu reden.

Trotz vieler Auseinandersetzungen nennen alle Väter ihre Elternzeit einen Gewinn: Für den Krankenpfleger Thorsten war es das Schönste, „live dabei zu sein“, wenn seine Kinder neue Entwicklungsschritte gemacht haben. Das sieht auch Markus so, der nach weiteren Differenzen mit seinem Chef inzwischen den Job gewechselt hat. Diese intensive Zeit mit dem Kind sei eine tolle, einmalige Chance. Und jeden Kampf mit dem Arbeitgeber wert.

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