Karneval : Das närrische Konjunkturpaket

Beim Karneval in Deutschland wechseln Milliarden Euro die Besitzer. Auch der Staat und öffentliche Sender mischen kräftig mit.

Kevin P. Hoffmann (Berlin),David C. Lerch (Köln)
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Astronautische Umsätze. Ein Karnevalist aus dem Weltraum zieht sich frisches Bargeld am Bankautomaten. -Foto: Imago

Nur jeder Dritte mag Karneval. Das hat eine aktuelle Umfrage ergeben. 52 Prozent der Deutschen stehen diesen Tagen „gleichgültig“ gegenüber, 15 Prozent finden sie gar „schrecklich“. Bleiben 33 Prozent Karnevalfans. Hinter dieser Minderheit stecken aber immer noch rund 27 Millionen Menschen: Narren sind Trinker – aber auch Kostümekäufer, Restaurantbesucher, Hotelgäste, Bahnfahrer und TV-Zuschauer. Kurzum: Die Faschingsfreunde sind ein milliardenschwerer Wirtschaftsfaktor. Deshalb darf man annehmen, dass der ein oder andere, der bei der Umfrage „schrecklich“ angegeben hätte, trotzdem mitmischt, um bei dem Geschäft dabei zu sein.

(KEINE) NARREN IM BERLINER SENAT

Wenn es ums Geschäft mit dem Frohsinn geht, verstehen Berliner Narren keinen Spaß: Martin Hortig zum Beispiel ist sauer auf den Senat. Hortig kümmert sich um Werbung und das Marketing beim „Karnevalszug Berlin e.V.“ und er hat Monate gebraucht, um genügend Sponsoren zu finden für den Umzug, der am heutigen Sonntag bis zu eine Million Menschen in die Berliner City-West locken dürfte. 50 000 bis 60 000 Euro musste er auftreiben, um Straßenschilder, Reinigung und Sicherheitskräfte zu bezahlen. Unterstützung vom Land Berlin gab es angeblich nicht. „Es ist mir ein Rätsel, warum der Senat sich weigert, die wirtschaftliche Dimension des Karnevals zu erkennen“, sagt er.

Unverständlich sei auch, dass der Senat befürworte, dass der Karneval der Kulturen im Mai sechsstellige Summen aus Lotto-Mitteln erhalte, der „echte“ Karneval aber leer ausgehe. Vor vier Jahren habe Hortig beim Wirtschaftssenator auch ein Konzeptpapier eingereicht, das skizziert, wie man den Karneval zu einem Standortfaktor ausbauen könnte. Wolf habe darauf nie geantwortet.

REIBACH AN RHEIN UND RUHR

Das Beratungsunternehmen Boston Consulting Group hat vergangene Woche ein Papier vorgelegt. Aus der Studie geht hervor, dass allein die Kölner 2009 rund 460 Millionen Euro mit dem Karneval erwirtschaftet haben. 5000 Arbeitsplätze soll das Fest dort sichern. Eine Million Narren ließen 2009 rund 48 Millionen Euro für Bier am Tresen, weitere 165 Millionen für Speisen in Restaurants. Und der Taxiverband zählte 540 000 Fahrten. Auch die Stadtverwaltung nahm vier bis fünf Millionen zusätzliche Gewerbesteuer ein – von Straßenhändlern. „Der Karneval in Köln ist unverzichtbar“, stellt man bei der dortigen Industrie- und Handelskammer (IHK) nüchtern fest.

Und dann sind da noch Düsseldorf, Bonn und ja: Berlin. Bundesweit werden mit dem Karneval jährlich Umsätze von vier bis fünf Milliarden Euro erwirtschaftet, rechnet der Bund Deutscher Karneval (BDK), der 4800 Vereine vertritt, vor.

STEUERGELD IN JECKENHAND

Die Stadt Köln überweist dem Festkomitee Kölner Karneval jährlich zwischen 160 000 und 180 000 Euro. Die genaue Summe wird im Nachhinein berechnet, je nachdem wie viel Müll der traditionelle Festumzug an Rosenmontag verursacht hat. Die meisten Kommunen, auch Berliner Bezirke, fördern örtliche Karnevals- oder Faschingsvereine. Zu Recht, wenn man die Narren fragt. „Nicht nur Theater und Oper sind Kulturgüter, auch Karneval“, sagte Michael Danz, Vizepräsident beim BDK dieser Zeitung.

GEZ UND GEMA IM SCHUNKELFIEBER

Allein die Sendungen „Düsseldorf Helau“ und „Mer losse d’r Dom in Kölle“ bescherten dem WDR vergangene Woche jeweils mehr als 5,7 Millionen Zuschauer und Marktanteile von 18 Prozent. Karneval beschert den über die GEZ finanzierten Öffentlich-Rechtlichen Tagesquotensiege ohne Ende. Welche Beträge genau die Sendeanstalten WDR und SWR den Karnevalsvereinen für die Übertragung der Sitzungen überweisen, sagen sie nicht. Es sind Hunderttausende sagen Experten. Die Sprecherin des Kölner Festkomitees räumt ein: „Der WDR ist einer unserer wichtigsten Partner.“

Auch Musiker verdienen kräftig mit: Ob Höhner, Wolle Petri oder Klaus und Klaus – sobald eines ihrer Lieder von CD ertönt oder live gespielt wird, treibt die Verwertungsgesellschaft Gema Gebühren ein. Das reicht von 18,48 Euro, die jeder Umzugswagen zahlen muss, der CDs abspielt, bis 1545,50 Euro, die ein Veranstalter zahlt, wenn er in seiner Halle Livemusik spielt und mehr als 20 Euro Eintritt verlangt. Das läppert sich: Von den 4500 bei der Gema registrierten Karnevalsvereinen nahm die Gesellschaft 2009 vier Millionen Euro für Musik auf Umzügen, Paraden und Faschingsbällen ein. 14 Prozent davon behielt die Münchener Zentrale für Verwaltung ein, den Rest schüttete sie an die Komponisten der gespielten Karnevalslieder aus.

HÄNDLER IM GLÜCK

Einer der größten Profiteure sind Verkäufer von Kostümen. Mit Masken, Perücken und Konfetti haben deutsche Karnevalsfirmen dem Branchenverband zufolge im vergangenen Saison 290 Millionen Euro umgesetzt – 13 Millionen mehr als im Vorjahr. Auch dieses Jahr läuft das Geschäft. Davon kann man sich etwa bei Deiters in Köln-Marsdorf überzeugen: In einer grauen Lagerhalle am Stadtrand drängen sich am Samstag vor Karneval unzählige Jecken durch lieblos aufgestellte Reihen von Kostümen. „Im Moment können wir uns vor Kunden kaum retten, aber dafür haben wir dann auch zehn Monate gar nichts“, sagt Geschäftsführer Herbert Geiss. Mit einer kleinen Unterbrechung durch Halloween beginnt an Aschermittwoch die Planung für das nächste Jahr. Ein Höhepunkt der Branche ist die Messe „Inter Karneval“, die am 25. Juni beginnt – natürlich in Köln.

HÄNDLER IM PECH

Weil es an den tollen Tagen immer zahlreiche Verletzte durch Glasscherben gab, hat Kölns Stadtverwaltung dieses Jahr Glasflaschen aus der Innenstadt verbannt. Vier Kioskbesitzer aus der Verbotszone haben dagegen geklagt. Den Anwalt soll ihnen der mächtige Brauereiverband vermittelt haben, der massive Umsatzverluste fürchtet. Von Pech spricht man derweil beim Verband Blumenversand: Der rechnet mit Einbußen, da der heutige Valentinstag erstmals seit langem wieder mitten in den Karneval fällt. Einige Einzelhändler entscheiden sich aber auch bewusst gegen das Geschäft mit den Narren: Obwohl heute bis zu eine Millionen Menschen durch Berlins City West spazieren, bleiben das KaDeWe, Peek & Cloppenburg und Karstadt geschlossen.

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