DAS ENDE DES JUGENDWAHNS Auch über 50 hat man jetzt gute Jobchancen NACHRICHTEN : Wieder zurück

Lange Zeit waren sie auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt. Doch inzwischen stellen viele Unternehmen auch ältere Mitarbeiter ein: Sie punkten mit Qualifikationen, die Jüngere oft nicht haben

Martin Wohlrabe

Ingrid Junge hat beruflich einiges mitgemacht. Vor neun Jahren verlor die Einzelhandelskauffrau ihren Job in einem Industriebetrieb in Marzahn. Wie zehntausende ältere Arbeitslose in Berlin machte sie sich auf die Suche nach einer neuen Stelle und musste dabei manchen Umweg gehen: Die heute 55-Jährige nahm an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Umschulungen teil, bekam Hartz-IV und arbeitete in Ein-Euro-Jobs. Doch jetzt, im Herbst 2007, hat es endlich geklappt. Ingrid Junge fand einen Verwaltungsjob in einem Unternehmen in Steglitz.

Ihre Geschichte steht beispielhaft für die neuen Chancen, die sich für ältere Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt aufgetan haben. Allein in Berlin gab es im Oktober 19,5 Prozent weniger Arbeitslose über 55 als im Vorjahreszeitraum. Bundesweit waren im Oktober 183 000 ältere Menschen weniger erwerbslos als im Oktober 2006. Viele Personaler entdecken die Stärken der Älteren und den Gewinn, den sie für ihr Unternehmen bedeuten.

Ältere profitieren überdurchschnittlich vom aktuellen Wirtschaftsaufschwung, erklärt das eine jüngst publizierte Studie der Bundesagentur für Arbeit (BA). „Der Jugendwahn lässt ein wenig nach“, meint Heinrich Alt aus dem Vorstand der Bundesagentur.

Für die Arbeitssuchenden jedoch zählt: Welche Qualifikationen sind gefragt und in welchen Branchen haben sie jetzt gute Chancen?

Vor allem in Handwerksbetrieben, in der Metallverarbeitung, im Bankensektor, bei Versicherungsgesellschaften und in der Verwaltung greifen Personaler laut Bundesagentur für Arbeit gern auf Ältere zurück. Gesucht sind sie außerdem im Servicebereich, sagt die Arbeitsmarktexpertin Cornelia Sproß vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarktforschung (IAB). Um ältere Kunden zu erreichen, seien ältere Mitarbeiter besonders geeignet, da ihnen die Kunden mehr vertrauten als jüngeren Kollegen.

„Solide Fachkenntnisse, eine ordentliche Ausbildung und hohe Motivation – dadurch zeichnen sich ältere Mitarbeiter aus“, ist die Erfahrung von Ortwin Malchereck. Er ist Personalchef des Solar- und Windkraftanlagenbauers Conergy-AG. Das Unternehmen sucht für sein neues Werk in Frankfurt (Oder) mittelfristig bis zu 1000 Mitarbeiter – darunter Schichtleiter, Produktingenieure, Einkäufer, Laboranten und Controller – und setzt dabei auch auf erfahrene Arbeitskräfte über 50.

Was gerade ältere Arbeitnehmer für Betriebe so wertvoll macht ist, dass sie neben einem besonderen Maß an Loyalität auch über einen großen Erfahrungsschatz verfügen. Damit seien Schwächen im Bereich der Schnelligkeit oder Flexibilität leicht Wett zu machen, sagt Viktor Itkin von der Arbeitsagentur Berlin Nord. Viele Unternehmen würden die Älteren in so genannten Mentorenprogrammen einsetzen. Im vergangenen Jahr sei immer wieder speziell nach älteren Arbeitskräften gesucht worden, um jüngere Angestellte besser betreuen zu können.

Der Wiedereinstieg in den Job ist dennoch für viele nicht leicht. Es gibt Branchen, in denen sie nach wie vor keinen Einstieg finden, zum Beispiel in der Werbung. „Mit jedem Lebensjahr mehr fehlt der Zugang zur Jugend“, sagt Geza Schenk von der Berliner Agentur Lohmüller. Welcher über 50-Jährige könne wirklich etwas mit Web2.0 anfangen? Der Jugendkult mache den Einstieg für Ältere schwer, denn nichts sei wichtiger, als die Zielgruppe zu verstehen.

Dazu kommt ein anderes Problem, das gerade Langzeitarbeitslose betrifft: „Wenn man jahrelang arbeitslos ist, schwindet das Selbstvertrauen“, weiß Ingrid Junge. Und nicht nur das: Auch das Fachwissen verliert an Wert. Gerade in technischen Berufen ist es für Arbeitslose schwer, auf dem neuesten Stand zu bleiben. „Wir legen den Arbeitslosen dringend ans Herz, sich fortzubilden und das große Angebot von Textverarbeitung über Fremdsprachen bis zu Buchführung wahrzunehmen“, sagt Itkin. Gerade in hochspezialisierten Berufen sei es entscheidend, sich im eigenen Job weiterzuqualifizieren. Das bestätigt auch Steffi Anders, Sprecherin des britischen Triebwerkherstellers Rolls Royce in Dahlewitz. Als Fluggerätemechaniker oder Luft- und Raumfahrtingenieur sei es entscheidend, am Ball zu bleiben. „Wichtiger als das Alter ist uns die Qualifikation“, sagt sie, „aber die muss eben stimmen.“

In der technischen Branche sind aber nicht nur Ingenieurs- oder IT-Kenntnisse gefragt. Europas zweitgrößter Webhoster Strato AG zum Beispiel stellt durchaus auch Ältere ein. Denn: „In der IT-Branche wird nicht nur programmiert, es sind vielfältige Aufgaben zu erfüllen. Gerade Fachkräfte über 50 bringen als gereifte Persönlichkeiten Talente mit, die einen wertvollen stabilisierenden Faktor für das Unternehmen darstellen“, sagt der Vorstandsvorsitzende Damian Schmidt. Zurzeit sucht Strato in der Kundenbetreuung, in der Entwicklung und im Bereich Consulting nach neuen Arbeitskräften. Manche Firmen setzen inzwischen sogar ganz auf Ältere. Schon seit 1999 gibt es zum Beispiel einen Netto-Discountmarkt, der ausschließlich Mitarbeiter über 45 beschäftigt. „Wir sind mit dem Ergebnis so zufrieden, dass es jetzt in Neuruppin einen zweiten solchen Markt gibt“, sagt Personalreferentin Britta Müller.

Gerade kleine und mittelständische Firmen sind an älteren Mitarbeitern interessiert, sagt der Beschäftigungsexperte vom IAB, Lutz Bellmann. Die aber würden sich dort oft gar nicht um eine Stelle bemühen. Er rät, einfach die Bewerbungsmappe einzureichen.

Ingrid Junge hat es probiert und ihr Einsatz hat sich gelohnt: Sie arbeitet jetzt in einem mittelständischen Handwerksbetrieb für Fußbodentechnik.

Wirtschaft legt kaum Wert auf osteuropäische Sprachen

Die Kenntnis von Sprachen aus Osteuropa ist bei Arbeitgebern in der Wirtschaft so gut wie nicht gefragt. Das geht aus einer Auswertung von Stellenanzeigen der vergangenen drei Monate durch die Personalberatung Personal Total in München hervor. Nur 0,75 Prozent der Anzeigen enthielt eine Forderung nach solchen Kenntnissen. Untersucht wurden rund 50 000 Stellenangebote in 71 deutschsprachigen Print- und Onlinemedien. Am meisten gefragt sind noch Kenntnisse des Russischen: In der Hälfte der Anzeigen mit osteuropäischem Bezug wurde diese Qualifikation gefordert. Vor allem die Maschinenbaubranche habe Bedarf an Mitarbeitern, die russisch sprechen. In 18 Prozent der Fälle wurden Polnischkenntnisse verlangt. dpa

Firmen mit Mitsprache der Angestellten sind innovativer

Unternehmen, die ihren Mitarbeitern Mitgestaltungsmöglichkeiten einräumen, sind innovativer als andere. Das geht aus einer Studie der Universität Kassel unter 500 nordhessischen Unternehmen hervor. Dabei standen die Mitbestimmung durch den Betriebsrat, die Mitwirkungsmöglichkeiten der Beschäftigten im Rahmen der Arbeitsorganisation und der innerbetriebliche Wissensaustausch im Vordergrund. Vor allem eine „partizipative Arbeitsgestaltung“ und ein Wissensmanagement hätten deutliche positive Effekte auf Produkt- und Prozessinnovationen, so die Forscher. dpa

Große Unternehmen suchen Bewerber verstärkt im Internet

Deutsche Unternehmen setzen bei der Suche nach Bewerbern verstärkt auf das Internet. Fast zwei Drittel aller Vakanzen werden in Online-Stellenportalen ausgeschrieben, ergab eine Studie des Centre of Human Resources Information Systems der Universitäten Frankfurt und Bamberg. Darauf weist das Jobportal Monster in Eschborn hin. Demnach resultieren nahezu zwei Drittel aller Neuanstellungen aus einer Stellenanzeige im Internet. Bei den europäischen Großunternehmen sieht es ähnlich aus. Der Studie zufolge werden mehr als 70 Prozent aller Stellen online ausgeschrieben. Für die Studie „Recruiting Trends 2007 - European Union“ wurden 1000 Großunternehmen in Europa befragt. dpa

Frauen starten im neuen Job mit mehr Vorbehalten als Männer

Frauen starten in neue Jobs mit mehr Vorbehalten als Männer. So haben 55 Prozent der Frauen Angst vor einer Isolation am Arbeitsplatz, und 53 Prozent fürchten, die Erwartungen des Chefs nicht erfüllen zu können. Das geht aus einer repräsentativen Studie der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) hervor. Bei den Männern fürchten sich nur 36 Prozent vor Isolation, 34 Prozent haben Angst davor, den Anforderungen nicht zu genügen, berichtet das von der BGW in Hamburg herausgegebene Magazin „Young Help“. Für die Studie wurden 1889 Frauen und Männer befragt. dpa

Internet wird beim Fernunterricht immer wichtiger

Beim Fernunterricht spielt das Internet eine immer größere Rolle. Das hat eine Umfrage des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn unter mehr als 400 Anbietern in Deutschland ergeben. Rund zwei Drittel nutzen die Onlinewelt inzwischen. Positiv bewertet werden dabei vor allem die einfachere Kommunikation und die Möglichkeit, individuell zu lernen. dpa

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