Der Markt : Der richtige Typ

Üppiges Gehalt, frühe Verantwortung: Eine Karriere beim Discounter klingt verlockend. Doch nicht jeder Hochschulabsolvent ist für Aldi & Co. gemacht.

Kirsten Ludowig
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Den vollständigen Beitrag finden Sie in der Juniausgabe der „Jungen Karriere“. Weitere Themen sind: „Neue Karrierechancen in der Gesundheitsbranche“ und „Wie bereitet man sich auf Assessment-Center vor“.



Schon während Patrick Redmann, dunkler Anzug, weißes Hemd, gestreifte Krawatte, aus dem Auto steigt, lässt er seinen Blick prüfend über den Parkplatz schweifen. Liegt irgendwo Müll? Stehen Einkaufswagen herum? Sehen die Grünpflanzen ungepflegt aus? Auf dem Weg zum Eingang des hellen Gebäudes geht es weiter: Ist der Schaukasten schmutzig? Hängt gar die Aktionswerbung von letzter Woche noch darin? Quillt der große Abfalleimer über? Im Kopf hakt der 31-jährige Diplom-Kaufmann mit den struppig gegelten Haaren seine persönliche Checkliste Stück für Stück ab.

Seit zweieinhalb Jahren arbeitet der Bereichsleiter Filialorganisation bei Aldi Süd in der Regionalgesellschaft Kerpen. Vier Filialen im Großraum Köln mit 40 Mitarbeitern betreut er, und er ist jeden Tag vor Ort, um nach dem Rechten zu sehen. Dazu gehört in erster Linie der Rundgang, der schon auf dem Parkplatz beginnt und sich drinnen fortsetzt. „Alles muss sauber, ordentlich und klar strukturiert sein“, sagt Redmann, geht durch die gläserne Schiebetür – nicht ohne zuvor einen zerknüllten Einkaufszettel vom Filzvorleger zu pflücken – und hält bei der ersten Palette mit Brot, Brötchen und Kuchen. „Ich habe immer die Kundenbrille auf und stelle mir die schlichte Frage: Würde ich hier gerne einkaufen?“ Über den Status seiner Filialen berichtet er dem Leiter Verkauf in Kerpen. Eine klassische Karriere in der Welt der Discounter: schneller Einstieg, viel Verantwortung und doch längst nicht jedermanns Sache. „Der Job ist eine Typfrage“, sagt Redmann.

In den 60er-Jahren führte Aldi als erstes Handelsunternehmen in Deutschland das Discountprinzip ein, andere Einzelhändler zogen nach. Im vergangenen Jahr hatten die Discounter laut der Gesellschaft für Konsumforschung einen Anteil von 44 Prozent auf dem deutschen Lebensmittelmarkt. Aldi gilt als Marktführer, mit einem geschätzten Umsatz von 23 Milliarden Euro. Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts AC Nielsen von 2007 kennen 99 Prozent aller Deutschen Aldi, 86 Prozent kaufen dort ein.

„Das Ziel der Discounter ist ein möglichst hoher Warenumschlag in möglichst kurzer Zeit“, erklärt Branchenexperte Matthias Queck vom Marktforschungsinstitut Planet Retail. Der Weg dahin führt über ein flaches Produktsortiment, einfache Präsentation und niedrige Preise. „Zu den Discountern im klassischen Sinne zählen die großen Lebensmittelketten Aldi, Lidl, Netto und Plus, Penny sowie Norma“, sagt Queck. Längst hat das Discountprinzip aber auch auf andere Branchen wie Textil, Schuhe, Möbel oder Elektro übergegriffen.

„Die Discounter sind in den letzten Jahren stark gewachsen“, sagt Matthias Queck. „Das Prinzip ist den Deutschen in Fleisch und Blut übergegangen. Der Normalpreis, an dem sie sich orientieren, ist der Discountpreis.“ Mittlerweile müssen sich sogar große Supermarktketten den Preissenkungswellen der Discounter beugen. So verwundert es nicht, dass Aldi und Co. relativ gut dastehen, während der deutsche Einzelhandel in der Wirtschaftskrise stark leidet.

Allerdings gehören die Discounter auch nicht zu den Krisengewinnern schlechthin, wie man vermuten könnte. „Aktuell ist die Konzentration auf dem deutschen Markt hoch und Wachstum nur noch über Verdrängung möglich“, sagt Queck. 2008 überrollte den Discounthandel eine große Konsolidierungswelle – Netto etwa kaufte über 2300 deutsche Plus-Filialen. „Trotzdem expandieren viele Discounter gerade in der Wirtschaftskrise stark im Ausland und haben deshalb Nachwuchssorgen.“ Und so bieten die großen Discounter allein bei den Trainee-Programmen zum Bereichs- oder Verkaufsleiter einige Hundert Plätze in diesem Jahr an.

Der gelernte Versicherungskaufmann Patrick Redmann ist Ende 2006 bei Aldi Süd eingestiegen. Der Kontakt kam auf dem Tag des Handels der Uni Köln über Eckhardt Otte zustande, den Geschäftsführer in Kerpen.

Obwohl Aldi Süd – wie viele Discounter – extrem öffentlichkeitsscheu ist, gibt das Unternehmen Gas, wenn es darum geht, Akademiker für sich zu gewinnen. „Discounter wie Aldi und Lidl sind schon seit ein paar Jahren mit großen Ständen auf unserem Absolventenkongress vertreten“, sagt Jens Reufsteck. Er ist Leiter Marketing & Online beim Karrieredienstleister Staufenbiel, der Deutschlands größte Jobmesse veranstaltet.

Die Discounter gehören zu den beliebtesten Einkaufszielen der Deutschen, haben sich auf dem Markt etabliert und bieten auch in der Wirtschaftskrise Jobs. Dennoch kämpfen die Discounter seit Jahren mit einem großen Imageproblem. Bei Aldi und Co. zu arbeiten, erscheint vielen Absolventen, die frisch von der Uni oder FH kommen und nach einem ersten Job suchen, nicht gerade glamourös. „Der Absolvent, der bei einem Discounter anfängt, muss anpacken können und vor allem auch wollen. In diesem Job ist sehr viel praktische Problemlösung gefragt“, sagt Marlies Bröckers vom Karrieredienstleister Access, gesucht werde der Hands-on-Typ. Ein „impulsiver Macher“ wie Eckhardt Otte von Aldi Süd in Kerpen es nennt – zumindest für das Trainee-Programm zum Bereichs- oder Verkaufsleiter, wie es viele Billigheimer in Deutschland anbieten.

Vom Aufbau her ähneln sich die Konzepte: Die Trainees lernen die Aufgabenbereiche eines Filialleiters kennen. Dabei werden sie in einer oder mehreren Filialen eingearbeitet, begleiten aber auch erfahrene Verkaufs- oder Bereichsleiter. Schließlich übernehmen sie – meist in Vertretung für Kollegen – erste Verantwortung für eine oder mehrere Filialen. Zum Teil sind Stationen in der Zentrale, etwa in der Verwaltung, Disposition oder IT, vorgesehen.

Und das Geld? „Beim Gehalt ist Aldi Süd der Porsche unter den Discountern“, sagt Bröckers von Access. Ein Trainee bei Aldi Süd bekommt einen Audi A4 als Dienstwagen und verdient 62 000 Euro brutto jährlich. Im zweiten Berufsjahr sind es 73 200 Euro, im dritten 81 700 Euro und im vierten 95 000 Euro. Es verwundert also nicht, dass das Unternehmen so offen über Gehälter spricht, während sich andere Discounter bedeckt halten. Aber auch Lidl und Netto werben mit überdurchschnittlichen Gehältern. Bei Norma gibt es etwa 54 000 Euro brutto jährlich zum Einstieg.

Andererseits erwarten die Unternehmen auch viel von ihren Mitarbeitern. Wer nach dem Studium bei einem Discounter anfängt, hat keinen Nine-to-five-Job. 60- bis 70-Stunden-Wochen sind keine Seltenheit, die Samstage gelten als normale Arbeitstage, und jeder muss ganz unten anfangen.

Patrick Redmann hat gute Chancen auf eine schnelle, harte Karriere beim Discounter. In zwei oder drei Jahren würde er gerne eine Zeit lang ins Ausland gehen – vielleicht nach Großbritannien, in die USA oder nach Australien. Das ist bei Aldi Süd möglich, aber nicht die Regel. Auch hier gilt: Man fragt nicht, man wird gefragt. Die Geschäftsführung spricht nur den Bereichsleiter an, den sie für geeignet hält. Redmann muss also hoffen, dass es für einen Auslandsaufenthalt reicht; denn der ist die Eintrittskarte für einen weiteren Aufstieg bei Aldi Süd.

ALDI SÜD

unterhält in Deutschland etwa 1740 Filialen. Nach dem 12-monatigen Trainee-Programm sind die Bereichsleiter Filialorganisation verantwortlich für etwa 6 Filialen und 50 bis 70 Mitarbeiter. Aldi Süd plant, 2009 rund 70 bis 100 Trainees einzustellen. www.aldi-sued.de/karriere

LIDL

(Schwarz-Gruppe) besitzt rund 3000 Filialen in Deutschland. Nach dem 9-monatigen Trainee-Programm sind die Verkaufsleiter verantwortlich für etwa 5 Filialen mit 80 Mitarbeitern. www.lidl.de.

PENNY

(Rewe-Gruppe) machte keine Angaben.

NETTO UND PLUS

(Edeka-Gruppe) haben rund 4000 Filialen in Deutschland. Nach dem 12-monatigen Trainee-Programm sind die Verkaufsleiter verantwortlich für 5 bis 7 Filialen. Netto will 2009 40 bis 50 Trainees einstellen. www.netto-online.de/karriere

NORMA

führt etwa 1300 Filialen in Deutschland. Nach dem 6- bis 8-monatigen Trainee-Programm sind die Bereichsleiter Verkauf verantwortlich für 5 bis 7 Filialen und 40 bis 60 Mitarbeiter. Norma plant, 80 Trainees einzustellen. www.norma-online.de jk

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