Einbalsamierer : In aller Stille

In der Bestattungsbranche werden Spezialisten wie Einbalsamierer und Kremationstechniker gesucht.

Anne Meyer
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Die letzte Ruhe. Bislang arbeiten vor allem Kaufleute und Tischler als Bestatter. Doch seit einigen Jahren professionalisiert sich...

Manchmal kann nur noch Detlef Mock weiterhelfen. Zum Beispiel, wenn eine Leiche ins Ausland überführt werden soll oder wenn sich Angehörige von ihrem verstorbenen Verwandten am offenen Sarg verabschieden möchten. In diesen Fällen müssen die Toten nämlich einbalsamiert werden. In Berlin und Umgebung ist das die Aufgabe von Detlef Mock aus Zeuthen, 40 Jahre alt. Er ist nicht nur einfacher Bestatter, sondern ausgebildeter Thanatologe.

„In den 90er-Jahren habe ich ein Praktikum bei einem Bestatter im Ruhrgebiet gemacht, der gerade an einer Weiterbildung zum Einbalsamierer teilnahm“, erzählt Mock. Was er sah, faszinierte ihn so sehr, dass er sich einige Jahre später selber zum Thanatologen weiterbilden ließ. Zuvor war er in seiner beruflichen Laufbahn immer wieder an Grenzen gestoßen – etwa dann, wenn Verstorbene im offenen Sarg aufgebahrt werden sollten.

Wegen hygienischer Probleme und meist auch aus ästhetischen Gründen konnte er die Wünsche von Angehörigen nach dieser Art des Abschieds nicht erfüllen. Heute kann er Verstorbene nicht nur für solche Zwecke oder für die Überführung ins Ausland konservieren, sondern auch Unfallopfer wieder herrichten. „Wo ein Bestatter aufhören muss, fängt der Thanatologe erst an“, erklärt Mock.

Dass man sich für Berufe in der Bestattungsbranche über eine Aus- und Weiterbildung qualifizieren kann, ist in Deutschland relativ neu. „Bei den meisten Bestattern verlief die Lehrzeit nach dem Motto ,learning by doing’“, so Dieter Naß, Ausbildungsbeauftragter des Berliner Landesverbands der Bestatter. „Oft übernehmen Kinder das Unternehmen von den Eltern und lernen die Arbeit von kleinauf.“ Im ländlichen Raum sind viele Bestatter gelernte Tischler, in den Städten haben viele eine kaufmännische Ausbildung. Doch seit einigen Jahren professionalisiert sich die Branche, seit 2003 gibt es eine staatlich anerkannten Ausbildung zur „Bestattungsfachkraft“.

Wer sich in Berlin dafür ausbilden lässt, muss jedoch weite Wege auf sich nehmen: Der schulische Teil der Lehre findet in Münnerstadt in Unterfranken statt, dem Ausbildungszentrum des Bundesverbands Deutscher Bestatter. Dort werden auch Fortbildungen zum Bestattermeister sowie zum Kremationstechniker angeboten. Letzteres sind technische Mitarbeiter in einem Krematorium, die Verstorbene fachgerecht einäschern. „Bis 2005 mussten sie sich die richtige Technik entweder selbst aneignen oder wurden von erfahrenen Mitarbeitern eingewiesen“, sagt Naß. Heute können sie einen Kurs besuchen, der an vier Wochenenden in Münnerstadt stattfindet und mit einer Prüfung vor der Düsseldorfer Handwerkskammer abschließt. Auf dem Lehrplan stehen Themen wie Immissionsschutz, Hygiene, Planung und Bau von Krematorien sowie Buchführung. Seit 2006 legen pro Jahr um die zwölf Kremationstechniker ihre Prüfung ab.

Trotz der neuen Ausbildungsmöglichkeiten ist Dieter Naß überzeugt, dass der Beruf des Bestatters auch für Quereinsteiger geeignet ist. „Das Handwerkliche ist zwar wichtig, und man muss auch mit Zahlen umgehen können“, sagt Naß. „Das Wichtigste ist aber das Menschliche: Für den Umgang mit Angehörigen muss man Lebensreife mitbringen.“ Darum ist er auch der Ansicht, dass man ein gewisses Alter und vielleicht auch schon Berufserfahrung erlangt haben sollte, bevor man im Bestattungswesen anfängt.

„Als 16-Jähriger kann man sich nicht unbedingt in die Angehörigen hineinversetzen“, sagt Dieter Naß. Als Bestatter berge man Verstorbene und erlebe oft Extremsituationen. „Wenn man nicht eine gewisse Reife besitzt, nimmt auch die eigene Seele Schaden“, warnt Naß. Er liebt seinen Beruf ebenso wie Detlef Mock, weil er Menschen in einer schwierigen Stunde beistehen kann.

Mit einer Fortbildung könne man sich in der Bestattungsbranche besser behaupten, mutmaßt Naß. „Es kommt natürlich darauf an, wie sich der Bedarf entwickelt.“ Zurzeit gibt es in Berlin keinen einzigen Einbalsamierer. Wenn einer gebraucht wird, rufen die Bestatter bei Mock in Zeuthen an. „Im Gegensatz zu anderen Ländern hat die Einbalsamierung in Deutschland keine Tradition.“

In England werden 65 und in Frankreich 40 Prozent aller Verstorbenen thanatologisch behandelt, in Deutschland nur ein Prozent. Deshalb findet die Weiterbildung zu großen Teilen in Großbritannien statt. In einem Praktikum lernen die künftigen Thanatologen unter anderem, wie man die Körperflüssigkeit in einem Dialyse-ähnlichen Verfahren mithilfe einer Pumpe austauscht. Der theoretische Teil umfasst Anatomie, Histologie und Pathologie.

Dass er so viel mit Toten zu tun hat, macht Detlef Mock keine Angst. Er findet, dass er mit seiner Weiterbildung nicht nur eine neue Technik erlernt hat. „Ich habe den menschlichen Körper intensiv kennen gelernt und weiß, welche Prozesse nach dem Tod ablaufen.“

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