Karriere : Lernen mit Weitblick

Was es bringt, für einige Zeit im Ausland zu arbeiten: Drei Absolventen eines internationalen Austauschprogramms berichten.

Annette Leyssner
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Fernweh. Bastian Neumann war mit dem Asa-Programm weltweit unterwegs. - Foto: David Heerde

Ab kommenden Freitag wird auf dem Karneval der Kulturen wieder getanzt, gelacht und gefeiert. Internationale Begegnungen können Spaß machen - aber auch lehrreich sein. Das wissen die Teilnehmer des Programms für Arbeits- und Studienaufenthalte (Asa), das von der Gesellschaft für internationale Weiterbildung und Entwicklung Inwent getragen wird. Jedes Jahr gehen rund 250 Berufstätige zwischen 21 und 30 Jahren auf Reise, um einige Monate in Entwicklungs- und Schwellenländern zu arbeiten. Egal, ob als Jugendarbeiter in Namibia oder bei einer Initiative für ökologische Landwirtschaft in Peru - ihre Kompetenz in Teamarbeit und Projektmanagement verbessern die Teilnehmer in jedem Fall. Drei Absolventen erzählen, was sie in Peru, Vietnam und Namibia erlebt haben - und wie die Erfahrungen ihr Berufsleben veränderten.

Christoph Hinske ist in Aufbruchstimmung: In ein paar Tagen setzt sich der 29-Jährige aus Berlin in den Flieger in die USA, um in Boston zu forschen. Dass er sich für Global Change Management begeistert, hat er zu einem großen Teil dem Asa-Programm zu verdanken. "Ich werde daran forschen, wie man Führungskräfte aus Politik , Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenbringt, um Veränderungen hin zu mehr Nachhaltigkeit zu erwirken", sagt er.

Während seines dreimonatigen Aufenthaltes in Peru informierte der studierte Förster mit einheimischen Kollegen über Umweltthemen. "Wir haben in Schulen Zusammenhänge erklärt; zum Beispiel, weshalb Mülltrennung sinnvoll ist", sagt er. Ein Teil seiner Arbeit war praktisch orientiert. "Es gibt viele Volksküchen, in denen Anwohner gemeinsam kochen. Für die Abfälle haben wir Komposthaufen angelegt und Tipps gegeben, wie die Leute ihre Gärten ohne Pestizide bewirtschaften können."

Entscheidend dabei sei immer, dass sich die Bevölkerung mit ihrem vorhandenen Wissen einbringt. "Man darf nicht die Einstellung haben: Wir fliegen da runter und zeigen den Ortsansässigen, wo es langgeht", betont Hinske. Er rät, die Landessprache zumindest in Grundzügen zu beherrschen. "Sonst bewegt man sich wie in einer rosaroten Blase. Das frustriert", sagt er.

Generell haben die Vorbereitungsseminare Hinske Kenntnisse vermittelt, die für seinen Berufsalltag nützlich sind. In Seminaren über Projektmanagement lernen die Teilnehmer beispielsweise, eine große Aufgabe in kleine Schritte herunterzubrechen. Auch das Interesse an der Frage, wie sich der Klimawandel auf die Länder des Südens auswirkt, wuchs während seines Auslandsaufenthaltes.

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"Man kann 1000 Bücher über ein Land lesen", sagt Bastian Neumann. "Doch nur wer dort lebt, fängt an, es zu verstehen." Der 28-Jährige hat sich während seines Praktikums in Vietnam mit der Gesundheitsversorgung beschäftigt. Korruption sei ein Problem, sagt er. "Es gibt Warteschlangen vor Krankenhäusern; und es ist üblich, Ärzten zu bestechen, um behandelt zu werden." Der junge Deutsche hat nicht nur Fakten gesammelt, sondern auch Fotos gemacht und daraus eine Broschüre erstellt. Ziel war es, Geldgeber zu motivieren, in das Gesundheitssystem zu investieren. Beim Fotografieren im Gastland sei es entscheidend, wie man die Menschen ablichte, sagt Neumann. "Würdevoll, das ist ganz wichtig. Wenn jemand aus den Slums von seinen Erfahrungen erzählt hat, habe ich von ihm ein Portrait gemacht - ohne seine Verletzungen zu zeigen."

In Vietnam war Neumann zunächst vom Verkehrschaos entsetzt. Dann beobachtete er die Einheimischen und merkte, dass der Verkehr durchaus nach Regeln funktioniert. So sei es üblich, zu hupen, um alle wissen zu lassen: Hier bin ich! Nach einigen Wochen kurvte Neumann selber auf dem Motorrad durch die Straßen von Hanoi.

Mittlerweile hat Neumann seinen Abschluss in Politik und Entwicklungsökonomie in der Tasche und arbeitet als Tutor beim Asa-Programm. Wer sich bewerben möchte, solle sich ernsthaft mit globale Zusammenhängen beschäftigen, erläutert Neumann die Kriterien, nach denen er Programmteilnehmer auswählt. "Ich frage mich: Ist der Bewerber wirklich motiviert? Oder will er mit einem Auslandsaufenthalt nur seinen Lebenslauf aufpimpen, weil das Personalchefs gerne sehen?"

Das Beste aus einer Situation zu machen, auch wenn nicht alles nach Plan funktioniert - das hat Katharina Timm während ihres dreimonatigen Aufenthalts in Namibia gelernt. Die 27-jährige Kommunikationsdesignerin leitete ein Projekt für Jugendliche. Die Idee: Die jungen Menschen sollten sich Einkommensquellen erschließen, indem sie traditionelles Kunsthandwerk an Touristen vermarkten. "Sie sollten Stolz und Selbstbewusstsein aus ihren Traditionen ziehen, zum Beispiel ihr Wissen über die Natur in geführten Wanderungen mit Touristen teilen", sagt Timm.

"Wie viele Teilnehmer war ich total projektfixiert. Aber oft läuft während des Aufenthalts nicht alles so, wie man sich das gedacht hat", gibt Timm zu bedenken.

Als sie merkte, dass die Gruppe nicht interessiert daran war, Kooperationen mit Hotels aufzubauen, bot sie den Jugendlichen Workshops und Weiterbildungsmaßnahmen an, vom Computer-Training bis zu Grundkursen in Fotografie und Deutsch. Durch diese Erfahrung sei sie flexibler geworden, sagt Timm. Ihre Kompetenz für Teamarbeit habe sie ebenfalls ausgebaut. "Ich habe drei Monate lang eng mit einer Projektpartnerin zusammengelebt. Wir waren weit weg von der nächsten Stadt, mussten miteinander klar kommen", erinnert sie sich.

Zusammen mit einer Lettin Afrika zu erleben, habe nicht nur zur Nord-Süd, sondern auch zur Ost-West Verständigung beigetragen. Durch die Asa-Vorbereitungsseminare hat Timm viel über Projektmanagement, Organisation und Pädagogik gelernt, zum Beispiel, wie man Inhalte durch Rollenspiele vermittelt. "Das war cool, da wollte ich dranbleiben." Seit ihrer Rückkehr nach Deutschland bereitet sie Asa-Teilnehmer auf ihren Einsatz vor. Seminare mit bis zu 80 jungen Erwachsenen zu leiten - das hätte sie sich ohne ihre Erfahrungen aus Namibia nie zugetraut.

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