Studium : Türöffner Betriebswirtschaftslehre

Wer weiß, wie man ein Unternehmen aufbaut, analytisch denkt und mit Zahlen umgehen kann, ist in vielen Firmen gefragt. Das Studium allein reicht aber nicht, um Karriere zu machen.

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Master oder Bachelor? Für eine wissenschaftliche Laufbahn ist der Master sinnvoll.
Master oder Bachelor? Für eine wissenschaftliche Laufbahn ist der Master sinnvoll.Foto: ddp

Thomas Fritz ist den klassischen Weg gegangen. Er hat ein Diplom in Betriebswirtschaftslehre (BWL), arbeitet seit 2001 bei der Unternehmensberatung McKinsey und ist dort mittlerweile zum Director of Recruiting aufgestiegen.

Mit Volkswirtschaft hat er an der Universität Bonn angefangen, wechselte dann zu BWL und studierte nach seinem Vordiplom an der Uni Köln weiter. Nach dem Diplom-Abschluss stieg er als Junior-Berater bei McKinsey ein, nach zwei Jahren wurde er für eine Promotion freigestellt, seit 2008 rekrutiert er mit seinem Team den Nachwuchs der Firma.

Unternehmensberatungen stehen bei BWLern auf der Liste der beliebtesten Arbeitgeber weit oben. Jedes Jahr bewerben sich allein bei McKinsey 10 000 Hochschulabsolventen auf eine Stelle; jeder zweite hat BWL studiert.

Dabei ist Unternehmensberater zu werden nur einer von zahlreichen Wegen. Ein BWL-Studium kann in viele Bereiche führen – wenn man es richtig angeht.

„Der große Vorteil des Studiums ist, dass die Absolventen in praktisch allen Firmenbereichen einsetzbar sind, ob Controlling, Marketing, Rechnungswesen, Einkauf, Öffentlichkeitsarbeit, Projektleitung oder Strategiearbeit“, sagt Thomas Friedenberger vom Staufenbiel Institut in Köln, das Personalmarketing und Recruiting anbietet und junge Akademiker berät. Im Gegensatz zu anderen Fächern befähige BWL für viele Branchen: Dienstleistung, Werbung, Medien oder eben Wirtschaft, sagt der Karriereexperte.

Wer weiß, wie man ein Unternehmen aufbaut, strukturiert und leitet, analytisch denkt und mit Zahlen umgehen kann, wird schließlich bei einer Filmproduktionsfirma genauso gebraucht wie bei einem Finanzunternehmen.

Auch deshalb ist das Studium beliebt. „BWL ist ein Massenstudium“, sagt die Hamburger Karriereberaterin Svenja Hofert. Es ziehe junge Menschen an, die beruflich noch unentschlossen sind und nichts falsch machen wollen. Das Studium sei sehr breit angelegt. „Am Ende kann man damit alles – oder nichts machen“, so Hofert. Selbst Absolventen seien oft noch orientierungslos. Die Frage sei, wohin die Interessen gehen. „Wer im Studium nur durchpaukt, von einer Prüfung zur nächsten, ohne eine Idee für das Danach, hat es schwer.“

Zwar öffnet BWL viele Türen in die unterschiedlichsten Branchen – doch nur, wenn man frühzeitig die nötigen Weichen stellt, sagt Professor Joachim Gassen. Er leitet den Bereich Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung an der Humboldt Universität (HU). Zunächst muss man sich für Volkswirtschaftslehre (VWL) oder BWL entscheiden. Bei VWL geht es um Fragen der Gesamtwirtschaft, BWL geht innerbetrieblichen Fragen nach, erklärt er. Die Grenzen seien natürlich fließend.

Der Wirtschaftsprofessor rät, sich im Laufe des Studiums zu spezialisieren. Bei Studenten seien die Schwerpunkte Marketing, Personal, Organisation und Controlling sehr beliebt. „Solche Fächer sind zugänglicher, aber auch überlaufen“, so Gassen. Finanz- und Rechnungslehre, sprich die zahlenlastigen Fächer, hätten dagegen weniger starken Zulauf. Die Nachfrage nach solchen Experten sei aber groß, die Jobs krisenfester. Bessere Karten hätten Absolventen auch, wenn sie bereits eine Berufsausbildung absolviert haben.

Welche Qualifikationen von den Arbeitgebern gesucht sind, hängt entscheidend von der Branche ab. Beratungsfirmen schauen auf andere Dinge als die Medien, die Kreativbranche oder Verbände. „Wir legen großen Wert darauf, dass sich Bewerber neben der Uni engagieren und Chancen ergriffen haben, Verantwortung zu übernehmen“, sagt Recruiter Thomas Fritz von McKinsey. Bis zum Abitur werde zurück geschaut, wie sich der Bewerber entwickelt hat. Ist er Risiken eingegangen oder hat er eher den sicheren Weg gewählt und etwa am Heimatort studiert? Will er etwas voranbringen? Zeigt er Spaß und Verantwortung? Das alles seien Indizien für geistige und räumliche Mobilität. Sein Tipp: möglichst viele Lernchancen und Aktivitäten bewusst auswählen, in und neben dem Studium.

Ob Medien, Kreativbranche oder Menschenrechtsorganisation: Das Studium allein führt nicht dorthin. Entscheidend seien Kontakte und Berufserfahrung, durch Praktika gebe man die Richtung vor, sagt Karriereberaterin Hofert: „Nichtregierungsorganisationen werden einen Bewerber nur einstellen, wenn schon vor der Bewerbung Berührungspunkte erkennbar sind, durch ehrenamtliches Engagement oder eben Praktika“. Vieles, was man im Beruf brauche, lerne man nicht an der Uni.

Recruiter Thomas Fritz geht davon aus, dass Absolventen abstraktes und analytisches Denken beherrschen und es auf wirtschaftliche Kontexte anwenden können. „Was man im Studium weniger lernt, ist Verantwortung, Teamarbeit und der Umgang mit schwierigen Situation in der Praxis“, weiß Fritz. Es werde erwartet, dass Absolventen diese Fähigkeiten neben der Uni erworben haben.

Auch der Abschluss ist entscheidend für die Karriere. Wer sich für den Master entscheide, wählt eher die Laufbahn eines Generalisten mit stark konzeptioneller wissenschaftlicher Ausbildung. Mögliche Arbeitsbereiche sind dann Hochschulen, Marktforschung oder Beratung. Wer sich dagegen spezialisieren will und eher praxisorientiert ist, sollte sich für den Bachelor entscheiden, rät Gassen.

Noch mehr Spezialisierung bringt ein Schwerpunktstudium. So sei es etwa sinnvoll, BWL mit den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik zu kombinieren, sagt Gassen, um etwa die Produktseite kennen zu lernen. Wirtschaftsingenieure und -informatiker hätten sehr gute Berufschancen.

Kombinationen wie BWL und Kultur gehen dem Hochschulprofessor aber zu weit: „Dann ist man hinterher weder Betriebswirt noch Kulturwissenschaftler.“ Solche Kreuzungen im Bachelor-Studium machten es zudem schwer, einen Master in BWL zu machen, da die theoretischen Anforderungen oft nicht ausreichten. Auch von Nebenfächern rät er ab. Wirtschaftswissenschaften seien ein umfangreiches Studium, mit einem Nebenfach lerne man zu wenig im Kerngebiet. „Man muss sich entscheiden. Alles machen zu wollen geht nicht, sonst hat man hinterher nichts in der Hand“, sagt Gassen.

Es ist durchaus eine Bereicherung, BWL mit Ansätzen aus der Kunst oder Philosophie zu kombinieren, meint dagegen Johanna Telieps. Sie ist Juniorprofessorin für Nachhaltiges Wirtschaften und Umweltökonomie an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn. Die Hochschule bietet Bachelor- und Masterstudiengänge in BWL kombiniert mit Kunst- und Kulturwissenschaften und einem hohen Praxisanteil an (siehe Kasten). „Durch die Vernetzung von Kunst und BWL erreichen wir mehr Beweglichkeit im Denken“, sagt Johanna Telieps. Im Gegensatz zur klassischen BWL betrachte man Wirtschaftsunternehmen in Alfter ganzheitlich. „Wir sehen das Unternehmen in seinem gesellschaftlichen Umfeld“, sagt sie. Arbeitgeber seien sehr an den Absolventen interessiert.

Abiturienten, die darüber nachdenken, BWL zu studieren, gerade weil sie noch keine konkrete Berufsvorstellungen haben, sollten sich einfach durch die Vorlesungsverzeichnisse blättern und verschiedene Veranstaltungen besuchen, rät Gassen. BWL sei eine Massenausbildung – in einem Hörsaal mit 200 Studenten falle man da gar nicht auf.

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