Kaviarschmuggel : Die teuersten Eier der Welt

Wildkaviar aus dem Kaspischen Meer wird knapper. Das sichert auch Schmugglern ein Millionengeschäft.

Edda Schlager

Almaty - Für Phaedra Doukakis, Stör-Expertin vom Pew Institute for Ocean Science in New York, hat das Jahr 2007 eine wenig erfreuliche Prognose bestätigt. „Die Zukunft der Störe im Kaspischen Meer sieht ziemlich düster aus.“ Mit Sorge hatte die amerikanische Forscherin Anfang des Jahres zur Kenntnis genommen, dass Cites, die UN-Konvention, die weltweit den Handel mit gefährdeten Arten überwacht, neue Quoten für Wildkaviar aus dem Kaspischen Meer veröffentlichte. Anders als im Vorjahr ist der Handel mit Kaviar aus der Region damit in diesem Jahr wieder freigegeben.

2006 hatte es keine Quoten gegeben, weil die Anrainerstaaten des Meeres keine Schutzmaßnahmen benannt hatten, mit denen sie die sechs kaspischen Störarten vor Überfischung bewahren wollten. Dieses Jahr haben Russland, Kasachstan, Aserbaidschan, Turkmenistan und der Iran das Cites-Sekretariat offensichtlich überzeugt, genügend für die Erhaltung der Fische zu tun.

Phaedra Doukakis dagegen glaubt weniger an den guten Willen der weltweit wichtigsten Exporteure für Wildkaviar. Sie fürchtet um die prominentesten Störarten aus dem Kaspischen Meer, um Ossietra- und Sevruga-Störe und um den Beluga, den größten der urzeitlichen Knochenfische. Er wird so groß wie ein Weißer Hai und liefert den begehrtesten und teuersten Kaviar überhaupt. „Allein der Bestand der Belugas ist in den letzten zwanzig Jahren um 90 Prozent geschrumpft“, sagt Doukakis. Kaum besser sähe es bei den anderen Störarten aus. „Mit den Stören steht erstmals nicht nur eine Art, sondern eine gesamte Familie von Fischarten vor dem Aus.“

Seit vier Jahren kommt die Zoologin regelmäßig nach Atyrau in Kasachstan, um hier – an der Mündung des Ural-Flusses ins Kaspische Meer – das Leben der Störe zu erforschen. Bisher konnte sie sich der Unterstützung der Fischereibetriebe und Aufzuchtstationen sicher sein. „Dieses Jahr jedoch“, sagt sie, „sind wir das erste Mal von den kasachischen Behörden an unserer Arbeit gehindert worden.“ Vorsichtig äußert Doukakis einen Verdacht: „Wir haben an Staatsgeheimnisse gerührt. Kaviar ist ein Millionengeschäft.“

Und zunehmend werden diese Millionen nicht mehr legal, sondern durch illegalen Fang und Schmuggel gemacht. Ein für die Störe tödlicher Teufelskreis ist entstanden. Der Markt für Wildkaviar wird immer enger, weil die Fischbestände durch unkontrollierte Wilderei weiter schrumpfen. Dadurch wird der Kaviar nur noch teurer. Am Kaspischen Meer ist ein Kilo Beluga-Kaviar für 200 Euro zu haben. „In Europa bringt dieselbe Menge mittlerweile bis zu 7500 Euro ein“, sagt Markus Rüsch vom Altonaer Kaviar-Import, der seit Jahren auch das Berliner KaDeWe beliefert.

Rüsch pflegt enge Kontakte zu seinen Lieferanten vom Kaspischen Meer, und er begrüßt die Quoten. „Gefangen wird sowieso“, sagt er. „Mit Quoten geht der Erlös der Verkäufe zumindest dorthin, wo finanzielle Ressourcen für die Zucht und den Wiederbesatz der Fische im Kaspischen Meer bereitgestellt werden.“ Kasachstan darf in diesem Jahr offiziell etwa 16 Tonnen Wildkaviar produzieren, Russland rund 25 Tonnen und Aserbaidschan drei Tonnen. Wie viel zusätzlich illegal über die Grenzen geschafft und in Russland oder Europa landen wird, lässt sich kaum erahnen.

„Zehn Tonnen“, schätzt Natalja, die ihren Nachnamen nicht nennen will, „gehen jährlich illegal allein von Atyrau nach Russland.“ Die Russin betreibt in Uralsk nördlich von Atyrau als Friseurin ein kleines Geschäft. Und ein etwas größeres – als Schmugglerin. Den Kaviar von kasachischen Fischern bringt sie, schon in die typischen blauen Dosen verpackt, über die Grenze nach Samara in Russland. „Dort wird er offen auf dem Basar verkauft, oder er geht weiter nach Europa“, sagt Natalja.

Professionelle Banden schleusen die Ware bis in die EU, versteckt in Tiefkühlboxen, umgebauten Pkw-Rücksitzbänken oder Tanks. „Kaviarschmuggel ist mittlerweile mit der organisierten Kriminalität beim Drogen- und Zigarettenhandel vergleichbar“, sagt Bernd Marx, Ermittler vom Zollfahndungsamt in Köln. Je knapp eine Tonne illegalen Kaviars wurde in den vergangenen beiden Jahren allein in Deutschland konfisziert. 15 Tonnen, schätzt Kaviarimporteur Rüsch, werden jährlich europaweit illegal abgesetzt.

Rüsch fühlt sich durch den Schmuggel nicht bedroht. Die Qualität der illegalen Ware sei durch den unprofessionellen Transport oft sehr schlecht. Aufgrund des eingeschränkten Markts für Wildkaviar ist er nun, zumindest teilweise, auch auf Zuchtkaviar umgestiegen. Aber auch der sei keineswegs billig zu haben. „Den Züchtern geht es zurzeit sehr gut.“ Wenn der Trend so weitergehe, befürchtet Rüsch, könne der Markt für Zuchtkaviar bald übersättigt sein. An das Original komme er aber nicht heran. „Die Qualität von Kaviar aus Aquafarming ist nicht vergleichbar mit der von Wildkaviar.“

Die Hoffnung auf Kaviar aus dem Kaspischen Meer hat Rüsch noch längst nicht aufgegeben. Der Händler setzt auf eine professionelle Bewirtschaftung der wilden Störe. „Die legalen Anbieter aus den traditionellen Gebieten müssen von uns finanziell und strukturell unterstützt werden“, sagt er. „Nur so können sie Zuchtbetriebe aufbauen und Jungfische ins Meer aussetzen, damit sich die Bestände erholen.“ Edda Schlager

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