Kommentar zu Rohstoffpreisen : Das billige Öl bringt nicht nur Gutes

Das Öl wird immer billiger und ist nun auf das Niveau der Finanzkrise 2009 gefallen. Was die Verbraucher freut, verschärft den Trend zur Deflation. Ein Kommentar.

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Druck auf die Preise. Einem hohen Angebot an Öl steht eine nach wie vor verhaltene Nachfrage gegenüber.
Druck auf die Preise. Einem hohen Angebot an Öl steht eine nach wie vor verhaltene Nachfrage gegenüber.Foto: AFP

Das Öl ist ein vorzüglicher Stoff für Verschwörungstheoretiker. Auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise hieß es, die USA und ihr Verbündeter Saudi-Arabien hätten sich darauf verständigt, die Ölförderung hoch zu halten, dadurch den Preis zu drücken und in der Folge dem russischen Aggressor die Luft abzudrücken. Die Kombination aus geringen Öl- und Gaserlösen mit Sanktionen hat Russland dann auch in eine Rezession gestürzt.

Eine andere Theorie sieht wiederum Saudi-Arabien an der Seite der Opec-Staaten gegen die USA agieren. Denn je geringer der Ölpreis, desto unwirtschaftlicher sind die alternativen Fördertechnologien, die in den vergangenen Jahren die USA extrem forciert haben. Fracking und Ölschiefernutzung lohnt sich nur, wenn Öl teuer ist. Mit einer hohen Förderquote macht die Opec also ihre Wettbewerber klein. Das macht Sinn, hat aber einen Haken: Für die Opec selbst wird es teuer. Zum Beispiel für Saudi-Arabien, den wichtigsten Spieler im Öl-Kartell. Nach Schätzungen des IWF fehlen den Saudis in diesem Jahr 120 Milliarden Dollar im Haushalt. Das muss nicht schlecht sein, wenn die Saudis kein Geld mehr haben für militärische Interventionen im Jemen oder Unterstützungen des IS.

Kein anderer Rohstoff hat eine ähnliche geopolitische Bedeutung wie das Öl. Das wurde das erste Mal den westlichen Industriestaaten in den 1970er Jahren deutlich, als die Araber das Öl als Druckmittel in den Auseinandersetzungen um Israel einsetzten. Die von Kanzler Helmut Schmidt 1973 verordneten autofreien Sonntage waren ein drolliger Versuch, sich aus der Abhängigkeit zu lösen.

Damals funktionierte das Kartell, heute ist die Opec ein zerstrittener Haufen, dem der Ölpreis entglitten ist. In den nächsten Wochen wird sich das nicht ändern. Im Gegenteil. Die Schwäche der chinesischen Wirtschaft drückt die Nachfrage und die Re-Integration des Iran in das Ensemble der Förderländer erhöht das Angebot. Es gibt Schätzungen, wonach die Rückkehr des Iran den Barrelpreis um zehn Dollar drücken könnten. Dann wären wir bei 30 Dollar für ein Fass (159 Liter). Unglaublich.

Die Konjunktur fühlt sich besser an, als sie wirklich ist

Aber eine schöne Sache für die Verbraucher – und die deutsche Wirtschaft überhaupt. Da Öl und mithin auch Benzin und Diesel so günstig sind wie zuletzt Anfang 2009 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, sparen die Autofahrer mindestens zehn Milliarden Euro in diesem Jahr. Das Geld steht, ebenso wie die nicht ausgegebenen Euros für die Heizung, für andere Anschaffungen zur Verfügung. Und tatsächlich ist es ja der private Konsum, der die Wirtschaft stützt. Das wird auf Dauer aber nicht funktionieren, weil zu wenig investiert wird. Vom Staat und von den Unternehmen.

Derzeit fühlt sich die Konjunktur besser an, als sie wirklich ist. Das Exportwachstum schwächt sich ab – trotz günstigem Wechselkurs. Das extrem billige Geld schlägt nicht richtig auf die Investitionstätigkeit durch und das billige Öl kann die Tendenz zur Deflation verschärfen sowie die ökologische Transformation bremsen. Kurzum: Es hat auch Vorteile, wenn das Öl irgendwann wieder teurer wird.

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