Wirtschaft : Kostet viel, kann wenig

Jeder Kassenpatient erhält eine neue Chipkarte. Zunächst ändert sich kaum etwas, aber das bleibt nicht so

Julian Mieth
Vor Ort. Patienten
Vor Ort. PatientenFoto: ddp

Eigentlich sollte sie schon vor fünf Jahren in den Portemonnaies der Deutschen stecken. Doch die elektronische Gesundheitskarte (EGK) kommt erst jetzt. Derzeit werden die ersten Exemplare verschickt. Damit soll vieles einfacher werden. „Die elektronische Gesundheitskarte wird durch die schnellere Verfügbarkeit von Notfall- und sonstigen Behandlungsdaten zu einer wesentlichen Verbesserung der medizinischen Behandlung führen“, glaubt Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP). Bis diese Vision Wirklichkeit wird, dürfte aber noch mehr Zeit vergehen. Bislang kann die EGK nämlich nur unwesentlich mehr als die alte Krankenversichertenkarte. Das Projekt zieht sich nun schon seit Jahren in die Länge. Querelen unter den Akteuren und technisch-organisatorische Probleme hatten die Einführung immer wieder verzögert.

600 MILLIONEN EURO KOSTEN

Mindestens 600 Millionen Euro kostete das Projekt bislang. Glaubt man Experten, soll noch viel mehr Geld in die Entwicklung der Karte geflossen sein. Zwar müssen Versicherte nicht direkt für die Karte zahlen. Letztlich tragen sie und die Arbeitgeber aber die Kosten über ihre Beiträge. Der Großteil der Ausgaben – mindestens 300 Millionen Euro – entfällt auf die Betreibergesellschaft Gematik. Die Karten selbst, die für 70 Millionen Kassenpatienten ausgestellt werden müssen, schlagen mit 139 Millionen Euro zu Buche. Die Ausstattung der Praxen und Kliniken mit Lesegeräten verschlingt 156 Millionen Euro. Hinzu kommen Kosten für Entwicklung und Datenpflege.

DIE AUFGABEN

Mit der EGK soll in Zukunft alles einfacher werden. „Sie ist intelligent und lernfähig“, betont Doris Pfeiffer, Chefin des GKV-Spitzenverbands. Doch zunächst sind die Neuerungen recht bescheiden. Die EGK dient wie das jetzige Modell vor allem als Versicherungsnachweis. Allerdings hat die neue Karte ein Passbild des Karteninhabers, um Missbrauch zu verhindern. Auf einem Mikrochip werden Name, Alter oder Anschrift gespeichert. Außerdem sollen dort auf Patientenwunsch wichtige Informationen über Vorerkrankungen und Allergien für den Notarzt abgespeichert werden können. Zudem könnte auf der Karte eine Erklärung zur Organspende vermerkt werden (siehe Kasten).

DIE VORTEILE

Das Ziel: Eines Tages soll man mit der Karte über eine Onlineverbindung auf einen Server zurückgreifen können, auf dem medizinische Unterlagen zur Patientenakte hinterlegt sind. Geschützt wird der Zugriff mit einer Geheimnummer (Pin). Diese Lösung würde vieles vereinfachen. Befunde, Röntgenbilder und andere Daten könnten übermittelt und abgerufen werden. Das ist wichtig, wenn bei der Behandlung einer Krankheit mehrere Ärzte beteiligt sind. Experten sprechen von einer elektronischen Fallakte: Kliniken und Praxen sollen sich die Daten gegenseitig zur Verfügung stellen und so die Kommunikation verbessern. Jedoch sind die technischen Voraussetzungen dafür noch nicht gegeben. Die Patientenakten in den Praxen werden wie bisher weitergeführt. Zudem sollen dann auch die Stammdaten der Versicherten problemlos geändert werden können – etwa die Adresse, wenn der Karteninhaber umzieht. Bislang musste man dafür in vielen Fällen extra in eine Filiale seiner Krankenkasse gehen. Angedacht sind unter anderem auch elektronische Rezepte für Medikamente und medizinische Anwendungen. Bislang fehlen dafür praxistaugliche und sichere Lösungen.

EINFÜHRUNG UND GÜLTIGKEIT 

Die ersten sieben Millionen Karten – das sind zehn Prozent – sollen bis zum Jahresende verteilt sein, sonst drohen den Kassen saftige Strafen. Wann die restlichen Karten verschickt werden, ist bislang unklar. Den Kassen zufolge sollen 70 Prozent bis Ende kommenden Jahres bei den Versicherten ankommen. Der Rest soll 2013 folgen. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums gelten die alten Krankenversichertenkarten neben der neuen Karte noch eine Zeit lang parallel. Ablehnen kann man den Umtausch von alt in neu übrigens nicht.

Nach einer jüngsten Umfrage des Hightechverbandes Bitkom sprechen sich 70 Prozent der Menschen für die Karte aus. Je jünger die Befragten, desto stärker der Zuspruch. „Die Bürger sehen die Vorteile offenbar sehr deutlich. Dies ist ein Auftrag an die Politik und alle Beteiligten, die Karte schnellstmöglich einzuführen und ihre Potenziale mit neuen Funktionen auch wirklich auszuschöpfen“, sagt Bitkom-Chef Dieter Kempf.

EUROPAWEITE NUTZUNG

Auf der zunächst leeren Rückseite können die Kassen die europäische Krankenversichertenkarte aufdrucken. Pflicht ist das nicht, für die Versicherten hätte das aber Vorteile. Denn damit wäre eine unbürokratische medizinische Versorgung im Ausland gesichert. Neben den 27 EU-Staaten gilt die Karte in Island, Liechtenstein, Norwegen und der Schweiz.

DATENSCHUTZ

Zwar attestieren Behörden und Datenschützer der EGK ein hohes Maß an Sicherheit. Alle Daten werden verschlüsselt gespeichert. Will man Informationen abrufen, sind die Patientenkarte und der Arztausweis nötig. „Für Unberechtigte bleiben diese Daten unlesbar, da sie nur mit der EGK einer Person zugeordnet werden können“, erklärt die Gematik.

Kritiker schließen Missbrauch dennoch nicht aus. Der Chaos Computer Club meint etwa, dass die Betreibergesellschaft auf die Daten zugreifen könnte. Damit hätten theoretisch auch die Behörden Zugriff. Auch Bürgerinitiativen machen gegen die Karte mobil. Grundsätzlich sollen Versicherte aber ihre Gesundheitsdaten freiwillig zugänglich machen. Sie können ihre Angaben jederzeit löschen. Dafür sollen sie in einem „E-Kiosk“ selbst auf ihre Daten zugreifen und sie dort einsehen können. Das ist aber noch – wie so vieles – Zukunftsmusik.

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