Lebensversicherer : „Ich bin nicht sicher, ob alle überleben“

Einige deutsche Lebensversicherer könnten bald in Bedrängnis geraten, warnt die Finanzaufsicht.

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Lebensversicherer haben aufgrund der Niedrigzinsen große Probleme die garantierten Beträge zu zahlen.
Lebensversicherer haben aufgrund der Niedrigzinsen große Probleme die garantierten Beträge zu zahlen.Foto: dpa

Normalerweise ist die Finanzaufsicht Bafin für ihre Zurückhaltung in der Öffentlichkeit bekannt. Doch nun hat Felix Hufeld, oberster Versicherungsaufseher der Behörde, mit seinen Äußerungen in einer Diskussionsrunde für Aufregung gesorgt. Demnach könnten die neuen Eigenkapitalregeln für die europäischen Versicherer für einige deutsche Lebensversicherungsunternehmen das Aus bedeuten. „Ich bin nicht sicher, ob es alle Versicherer schaffen werden“, sagte Hufeld bei einer Veranstaltung an der Universität in Frankfurt am Main. Die Versicherer litten unter den niedrigen Zinsen und könnten deshalb das nötige Eigenkapital für die neuen Vorschriften Solvency II nicht aufbauen. „Es könnten fünf oder zehn sein, ich weiß es nicht“, sagte Hufeld. Die Bafin beaufsichtigt in Deutschland mehr als 90 Lebensversicherer.

Für Notfälle hat die Bafin ihren Werkzeugkasten parat, von erzwungenen Änderungen in der Anlagepolitik bis zur Übertragung der Policen auf die Auffanggesellschaft der Branche, Protektor, wie Hufeld sagte. „Wir müssen vorbereitet sein.“

Am Mittwoch versuchte die Behörde, die Äußerungen von Hufeld zu relativieren. „Die Bafin schlägt keinesfalls Alarm und spekuliert nicht über mögliche Insolvenzen von Versicherern“, teilte sie mit. Die Bafin wolle vielmehr im Rahmen ihrer präventiven Aufsicht frühzeitig einen möglichst genauen Überblick über die Solvenzsituation der Lebensversicherer unter dem neuen Eigenkapitalregime erhalten. Dabei könne niemand vorhersagen, „ob eventuell keiner, einer oder zehn Versicherer in Schwierigkeiten kommen könnten.“ Darum werde die Behörde im Spätsommer 2014 eine Branchenabfrage unter den Lebensversicherern durchführen. Auf der Grundlage der Ergebnisse werde sie die ihr zur Verfügung stehenden Aufsichtsinstrumente prüfen, um so für alle Eventualitäten gerüstet sein. Eine mögliche Unterschreitung der Solvenzvorgaben sei nicht gleichzusetzen mit einem Ausfall des Versicherers. „Die Aussage, dass die Lebensversicherer ihre Garantieversprechen kurz- bis mittelfristig werden erfüllen können, gilt weiterhin“, hieß es.

Die EU hatte sich Mitte November auf die Einführung von Solvency II geeinigt. Nach dem neuen Regelwerk müssen Versicherungen künftig für alle Risiken bestimmte Eigenmittel vorweisen. Wer hohe Risiken eingeht oder in Aktien investiert, muss mehr Eigenkapital vorhalten. Zudem gibt es neue Berichtspflichten und eine schärfere Aufsicht. Auf diese Weise will die EU Pleiten verhindern und Kunden schützen. Das Regelwerk tritt 2016 in Kraft, gewährt den Versicherern aber eine Übergangsfrist von 16 Jahren für die Umstellung ihrer Altbestände.

Seit die Zinsen so niedrig sind, wird über die Lage der Lebensversicherer diskutiert. Das Problem ist, dass viele Gesellschaften ihren Kunden in der Vergangenheit hohe Zinsen von bis zu vier Prozent jährlich garantiert haben. Die sind aber bei dem niedrigen Zinsniveau nur schwer zu erwirtschaften. Einigen Versicherern könnte so langfristig die Zahlungsunfähigkeit drohen. Die Regeln von Solvency II seien nicht perfekt, aber es gebe keine Alternative, und die Versicherer müssten sich damit abfinden, sagte Hufeld. „Wir müssen jetzt springen – und Solvency II in der Realität etwas besser machen.“ Den Vorwurf von EU-Politikern, das Regelwerk sei zu zahm, ließ Hufeld nicht gelten: „Es ist sicher nicht branchenfreundlich.“

Nach Berechnungen der Bafin muss die Branche über 16 Jahre drei bis fünf Milliarden Euro zusätzliches Kapital pro Jahr aufbauen, um ihre langfristigen Garantien mit ausreichend Kapital zu unterlegen. Der Branchenverband GDV wies die Hochrechnung zurück: „Wir haben keine Anhaltspunkte“ für die Milliarden-Kapitallücke, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Jörg von Fürstenwerth.

Doch auch die Ratingagentur Standard & Poor’s ist überzeugt, dass manchem deutschen Lebensversicherer wegen der niedrigen Zinsen schwere Zeiten bevorstehen. Einige Anbieter müssten ihr Geschäftsmodell radikal umstellen, heißt es in einer aktuellen Studie von S & P. Große Anbieter wie Allianz und Ergo haben seit Mitte des Jahres Lebensversicherungen im Angebot, die keine lebenslangen Zinsgarantien mehr bieten, dafür aber mit höheren Renditen locken. mit rtr

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