Wirtschaft : Leo Roth

Geb. 1920

Gregor Eisenhauer

Er hatte eine großartige Stimme. Und nutzte sie, um Gott zu loben Der Kantor ist die Stimme der jüdischen Gemeinde, und ihr Gedächtnis, denn er kennt ihre Gesänge. Die Feiertagsliturgien wie die Lieder des Alltags.

Von den Chasanim, den Vorsängern, wird vorbildhaftes Verhalten und tiefe Frömmigkeit erwartet. In einer Dienstordnung für Kantoren, 1628 in der Frankfurter jüdischen Gemeinde erstellt, wird ihnen auferlegt, „dass sie sich von Frauengesellschaft völlig fern halten, nicht spielen, außer Schach und Dame, und vermeiden, häufig aus der Gasse zu gehen“.

Fromm war Leo Roth schon, auf seine Weise. Aber von ihm, dem bekennenden Wagnerianer, zu verlangen, sich von Opern – und Opersängerinnen – fern zu halten, wäre unmenschlich gewesen.

Der Rabbi von Wien sah das anders.

Der verzieh ihm weder die christliche Freundin noch seine Schlagfertigkeit. Denn als der Rabbi Leo Roth unbedeckten Hauptes auf der Straße sah, stellte er ihn streng zur Rede. Was Leo Roth nicht weiter verdross: „Rabbi, entschuldigen’s, das hat mir der Arzt verboten wegen meiner empfindlichen Kopfhaut!“

So kam er 1957 nach Berlin. Hertha Müller nahm ihn auf. Eine unbesungene Heldin, so der Ehrentitel für jene, die während des Krieges Juden versteckt hatten. Hertha Müller umsorgte ihn, mütterlich streng, und beging nur einen Fehler: Sie starb vor ihm.

Auf ihrem Begräbnis ließ er ein Lied singen, dessen Text der katholische Heimatdichter Rosegger verfasst hat: „,Gute Nacht, ihr Freunde, ach wie lebt ich gern, dass die Welt so schön ist, dankt ich Gott dem Herrn.‘“

Christlich-jüdische Ökumene: Leo Roth profilierte seine Religiosität gern, nicht auf Kosten, sondern in amüsierter Konkurrenz zu seinen christlichen Freunden. Die begrüßte er in der Synagoge schon mal mit den Worten: „Nur herein, wir vergießen heute kein Christenblut.“

Unorthodox. Aber einer, der in der Synagoge auf den Tisch haut, wenn zu viel geschwatzt wird und der andächtige Respekt für seinen Gesang ausbleibt.

Leo Roth hatte kein sonderlich pathetisches Verständnis von Religion. Er wusste, ohne es begründen zu können – letzte Wahrheiten gibt es nicht. Die eine ausgenommen: Auf zehn Gerechte kommen Tausend Selbstgerechte. Aber überhaupt: Warum groß über Gott nachdenken, wenn man seinen Lobpreis singen kann.

Ein Österreicher eben.

Geboren in Graz. Als Kind verschickt nach Shanghai. Eine erträgliche Diaspora, in den Augen Außenstehender, zumal der Vater nichts gegen eine Gesangsausbildung einzuwenden hatte. Dabei war Leo Roth von Statur her durchaus kein Heldentenor.

„Wie, mit dem Liedel will der sein Geld verdienen? Der hat doch koa Stimm!“

Doch, eine Gesangsstimme hatte er. Hell, angenehm, musikalisch sauber. Aber als er nach Berlin kam, traf er auf Estrongo Nachama, der Auschwitz überlebt hatte, dank seiner Stimme. Und der ein wunderbarer Sänger war mit einem anrührenden Timbre.

Ein Wettstreit der Kantoren, der auch kuriose Züge trug. Der eine wurde nur im Rias, der andere nur im SFB gespielt. Ein Gentlemen Agreement, das beide von Zeit zu Zeit trickreich auszuhebeln versuchten.

Die Auseinandersetzungen bedrückten Leo Roth, sie trieben ihn schließlich in die Depression, aus der er nur sehr schwer wieder herausfand.

Als der Nachama gestorben war, spätestens da ist es ihm wieder gut gegangen – so wurde gescherzt. Solche Witze hat er selbst gern erzählt. Über Gott und die Welt, auch über Adolf Hitler, den er grotesk genau imitieren konnte.

In solchen Dingen benahm er sich, als sei jüdisches Leben in Berlin wieder etwas ganz Normales und Antisemitismus längst kein Problem mehr.

Er hatte es halt einfach, er konnte sich bei Männern wie Frauen auf seine gewinnende Art verlassen. Wer ihn sah, musste lächeln: Ein kleiner Mann mit Wangenbart, der in den fünfziger, sechziger Jahren chic gewesen war. Da das seine besten Jahre gewesen waren, rasierte er ihn nicht mehr ab. Und behielt auch die Brille aus dunklem Horn, die langsam aus der Mode geriet. Uneitel eben, immer dankbar für die Schönheit anderer, und dank dieser natürlichen Art unerhört lebensfromm und liebenswert. Eine Frau, die sich seiner annahm, fand er immer.

Auch zum Ende hin. Sie nahm ihn mit nach Baden-Baden, sodass er in ihrer Nähe wohnen konnte. Als ein Freund ihn dort besuchte, klagte er, der über Achtzigjährige, ein wenig kokett und ganz und gar aufrichtig: „Du weißt, es ist ja nichts, aber sie ist so eifersüchtig!“

In einem seiner Testamente hatte er verfügt, auf einem christlichen Friedhof beerdigt zu werden – „sind sonst zu viele Juden um mich herum“. Aber das widerrief er kurz vor seinem Tod.

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