Wirtschaft : Margot Kippenberger

(Geb. 1924)||Als NS-Verfolgte bekam sie in der DDR eine kleine Pension. Schweigegeld.

Gregor Eisenhauer

Als NS-Verfolgte bekam sie in der DDR eine kleine Pension. Schweigegeld. Als sie zwölf Jahre alt war, wurde sie während des Unterrichts von zwei Geheimpolizisten aus der Klasse geholt. Zusammen mit ihrer jüngeren Schwester und drei anderen Kindern aus dem internationalen Kinderheim nahe Moskau, verschickte man sie in ein Auffangheim für Trotzkistenkinder. An dem hohen Gitter, das das Heim umgab, war ein roter Fahnenstoff angebracht: „Dank dem lieben Stalin für unsere glückliche Kindheit.“

Das Heim war überfüllt. Viele Kinder waren Bettnässer. Die Strohsäcke, auf denen sie schliefen, faulten. Hungrige Ratten liefen nachts über die Körper.

Mit vierzehn schrieb sie an eine Freundin der Mutter: „Ich schreibe dir jetzt, weil ich wissen will, was mit Mutti ist. Lotte, antworte mir schnell, ich werde sehr warten. Ich habe nämlich Mutti ein Telegramm geschickt und habe noch keine Antwort. SCHREIBE SCHNELL!“

Hans Kippenberger, ehemaliger Reichstagsabgeordneter der KPD, war im Oktober 1937 nach einem Geheimprozess wegen angeblicher Spionage erschossen worden. Einer von vielen kommunistischen Emigranten, denen das Exil in Moskau zum Verhängnis wurde. Die Mutter Thea, auch in der KPD, wurde wenige Monate später gleichfalls verhaftet und starb im Arbeitslager. Die genaueren Umstände von der Verhaftung ihrer Eltern und der Hinrichtung des Vaters, erfuhr Margot erst 22 Jahre später.

Sie selbst wurde 1942 zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in das Lager Wologodskaja überstellt. Sägespäne einsammeln, die bei den Waldarbeiten anfielen. Bei jedem Wetter, auch bei vierzig Grad Frost.

400 Gramm lehmiges Schwarzbrot und ein Napf wässrige Kohlsuppe. Ein arbeitsfreier Tag im Monat, der zur Entlausung diente.

Alice, die Freundin auf der Pritsche unter ihr, die ihren Sohn so schmerzlich vermisste, ließ in einer Zigarettenpause das Wort fallen, Stalin sei der „Thermidor“, die Gegenrevolution in Person.

Sie wurde denunziert und abgeholt. Wochenlang verhört. Keine Schlaferlaubnis. Und obwohl sie kein Geständnis ablegte, verurteilte man sie zum Tod. Sechs Monate saß sie in der Todeszelle. Der Sohn sagte sich derweil von der trotzkistischen Mutter los. Erst Jahrzehnte später trafen sich die beiden Freundinnen wieder, aber da war Alice eine gebrochene Frau.

Nach dem Krieg heiratete Margot den einzig ansehnlichen Mann in dem Dorf nahe der Strafkolonie. Ein ehemaliger Flieger, der in die Verbannung geschickt worden war, weil er sich von den Deutschen hatte abschießen lassen und in Kriegsgefangenschaft geraten war.

Fünf Kinder gebar sie, und blieb dennoch die Fremde, „die Deutsche“. Sie schrieb die Behörden an, wurde bei Stalin vorstellig und bat brieflich um die Ausreise, die Jahr um Jahr hinausgezögert wurde.

1958 war es soweit, sie durfte sich eine neue Heimat wählen – und entschied sich für die DDR. Sie übernahm die alte Wohnung von Walther Ulbricht und fand Arbeit als Übersetzerin. Im Jahr darauf kam ihr Mann nach. Ein glücklicher Zufall, denn die Stasi unterstellte ihr bereits die Absicht, „illegal in die BRD übersiedeln“ zu wollen, und bat daher die russischen Behörden seine Ausreise „anzuhalten“. Aber da war er bereits unterwegs. In der DDR wurde er nie heimisch. Er kehrte nach kurzer Zeit in seine Heimat zurück.

Margot Kippenberger erhielt den Ehrentitel „Verfolgte des Nationalsozialismus“ und bezog eine kleine Pension. „Schweigegeld“, wie sie selbst sagte, denn sie war angehalten worden, über Stalins Verbrechen zu schweigen. Aber sie dachte gar nicht daran, sich einschüchtern zu lassen, und diese Zivilcourage gab sie an ihre Kinder weiter. Als die Arbeiter in Danzig streikten, schloss sich ihr ältester Sohn den Streikenden an – und wurde verhaftet.

Dank einer alten Klassenkameradin, die später die erste Frau von Markus Wolf wurde, bekam sie ihren Sohn wieder frei. Aber die Schikanen gegen die Familie gingen weiter.

Als dann Ende 1979 die Professorin Gertraud Teschner, Autorin des Buches „50 Jahre Triumph des Marxismus-Leninismus“, eine Eloge auf Stalin im „Neuen Deutschland“ veröffentlichte, in der seine Verbrechen unerwähnt blieben, war das Maß voll. Margot Kippenberger schrieb an die Zeitung und verlangte eine Klarstellung. Mehrfach.

Die unterblieb, also schrieb sie an Erich Honecker persönlich und bat um aufklärende Worte über Stalins Opfer. Keiner der Briefe kam je an, die Stasi hatte sie unterschlagen.

1980 konnte sie endlich ausreisen und bezog eine kleine Wohnung in West-Berlin.

Die Bundesrepublik verweigerte ihr eine Ehrenrente für die Jahre im Gulag, Tenor: „Wenn Sie in Russland gearbeitet haben, müssen Sie in Russland die Rente beantragen …“

Ihr zweiseitiges Antwortschreiben an das betreffende Ministerium schloss mit den Worten: „Nahezu mein ganzes Leben war ich gezwungen, Entscheidungen von Gremien zu schlucken, deren ,Weisheit’ einzig darin bestand, Paragraphen oder Doktrinen oder beides zusammen wiederzukäuen. Meist passte mein Leben nicht in ein gegebenes Schema hinein, deshalb argumentierte man gegen mich und mein Leben.“

Dem wiederholten Antrag auf Ehrenrente wurde nicht stattgegeben.

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