Wirtschaft : Mehr als nur Akten

Über Buchhalter gibt es viele Klischees. Doch eine Weiterbildung in diesem Bereich kann neue Berufsmöglichkeiten eröffnen.

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Mauerblümchen hinter Ordnern. So stellen sich Laien oft den Beruf des Buchhalters vor. Dabei können Weiterbildungen in Buchhaltung für Menschen in kaufmännischen Berufen einen Karrieresprung bringen. Viele Anbieter von Seminaren spielen aber gern extra mit den Klischees. Foto: dpa
Mauerblümchen hinter Ordnern. So stellen sich Laien oft den Beruf des Buchhalters vor. Dabei können Weiterbildungen in Buchhaltung...Foto: picture-alliance / dpa/gms

Mit 42 Jahren dachte sich Anja Amiralai: „Wenn du noch etwas Neues willst, dann jetzt.“ Sieben Jahre lang hatte sie im Berufsleben pausiert, hatte sich um drei Kinder, den Haushalt und den Mann gekümmert. „Dann habe ich wieder ins Berufsleben reingeschnuppert.“ Die ausgebildete kaufmännische Angestellte übernahm in verschiedenen Betrieben buchhalterische Aufgaben. Nach einigen Jahren aber wollte sie „die Karten neu mischen“ und beschloss, sich weiterzubilden. Sie begann ein Fernstudium. Drei Jahre später ist die 45-Jährige nun Geprüfte Bilanzbuchhalterin mit staatlich anerkanntem IHK-Abschluss.

Weiterbildungen zum Buchhalter werden von den Internationalen Handelskammern (IHK) und von Volkshochschulen angeboten, außerdem von vielen privaten Anbietern, meist im Fernstudium. Dazu gehören auch die Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD), das Institut für Lernsysteme (ILS), die Hamburger Akademie für Fernstudien (HAF) und die AKAD-Hochschulen. Die Preise für eine solche Weiterbildung reichen laut Stiftung Warentest von 1500 bis 5500 Euro. Dabei ist die Berufsbezeichnung Buchhalter nicht rechtlich geschützt, jeder kann sich Buchhalter nennen. Wer einen staatlich anerkannten Abschluss vorweisen möchte, muss die IHK-Prüfung zum Bilanzbuchhalter ablegen. Damit ergeben sich nochmal bessere Chancen in einem sowieso schon aussichtsreichen Berufsfeld - Buchhalter werden immer gebraucht.

Der Weg Anja Amiralais ähnelt dem vieler Menschen, die sich über Umwege für eine buchhalterische Weiterbildung entscheiden. Sie haben pausiert, wegen der Kinder, oder kämpften längere Zeit mit Arbeitslosigkeit. Sie finanzieren sich die Weiterbildung aus eigener Tasche oder mit Unterstützung des Arbeitsamts, durch die sogenannte Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung (AZAV). Dieser Bildungsgutschein gilt für AZAV-zertifizierte Bildungsträger. Diejenigen, die sich in einer Anstellung für die Weiterbildung entscheiden, haben die Möglichkeit, dass der Betrieb ihnen die Weiterbildung finanziert.

Dabei spielen viele der Angebote schon in ihrer Internetpräsenz mit dem Klischee der Buchhalter als „Mauerblümchen", „mit dicken Brillengläsern“ und Büchern „mit einer noch dickeren Staubschicht“. Doch der Buchhalter erhält einen entscheidenden Einblick in das Unternehmen und kann der Unternehmensleitung wichtige Vorschläge machen, wie das Geschäft effizienter werden kann. Bilanzbuchhalter übernehmen oft Führungspositionen.

Anja Amiralai wollte schon immer mehr. Bereits als sie am Anfang ihrer Karriere als kaufmännische Angestellte arbeitete, holte sie im Abendgymnasium das Abitur nach. Nach der jahrelangen Pause für die Familie machte sie sich irgendwann selbstständig und erledigte Büroarbeiten für Unternehmen. „Dabei bin ich immer weiter in die Buchhaltung reingerutscht.“ Amiralai fand es schon immer spannend, mit Zahlen umzugehen. „Das ist manchmal wie ein Detektivspiel: Weshalb sind die Kosten hier auf einmal so hoch, wie ist diese Zahl entstanden?“

Für ein Fernstudium bei der HAF hat sie sich entschieden, weil sie nicht wollte, dass die Familie zu den Kurszeiten auf sie verzichten muss. Über zweieinhalb Jahre hinweg war sie zehn bis 15 Stunden pro Woche mit den Lehrheften beschäftigt.

In deutschen Unternehmen sind mehr als 300000 Buchhalter angestellt, etwa 60000 Buchhalter arbeiten selbstständig. Daniela Zeller, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit beim Bundesverband selbstständiger Buchhalter und Bilanzbuchhalter (bbh), schätzt die Zahl der Bilanzbuchhalter unter den Selbstständigen auf etwa ein Viertel – ein IHK-Abschluss ist für die Selbstständigkeit nicht zwingend. Voraussetzung ist im Allgemeinen eine kaufmännische Ausbildung. Um die IHK-Prüfung zum Bilanzbuchhalter zu absolvieren, müssen die Teilnehmer entweder eine abgeschlossene kaufmännische Ausbildung mit entsprechender Berufserfahrung von drei Jahren, ein wirtschaftswissenschaftliches Studium und eine Berufspraxis von zwei Jahren oder mindestens sechs Jahre einschlägige Berufserfahrung vorweisen.

Ob Finanz-, Debitoren-, Anlagen- oder Lohnbuchhaltung - die Zuständigkeitsbereiche für Buchhalter sind vielfältig. Um als kaufmännischer Angestellter in die Buchhaltung einzusteigen, ist eine Weiterbildung kaum zu vermeiden. „Man muss die Systematik der Buchhaltung verstehen“, sagt Volker Hedderich, Fachbereichsleiter Wirtschaft bei der SGD. Das gelte auch für in der Buchhaltung mithelfende Familienangehörige, etwa in einem Handwerksbetrieb. Zudem lernt man in den Kursen den Umgang mit Standard-Buchhaltungs-Software. Die Buchhalter-Kurse dauern meist etwa 15 Monate, die Kurse zum Bilanzbuchhalter mindestens zwei Jahre, hier ist auch eine Förderung durch Meister-Bafög möglich. Informationen zu Fördermöglichkeiten können Teilnehmer durchaus auch von den jeweiligen Bildungseinrichtungen erfragen. Oft haben sie einen Ansprechpartner, der den Kunden auf der Suche nach einer geeigneten Förderung hilft.

Der Bilanzbuchhalter verdient im Angestelltenverhältnis monatlich etwa 1000 Euro mehr als der Buchhalter, schätzt Daniela Zeller. Volker Hedderich sieht bei vielen Teilnehmern einen weiteren Grund für die Weiterbildung zum Bilanzbuchhalter: „In den letzten Jahren ging es auch um eine berufliche Absicherung in Krisenzeiten.“ Um sich noch weiter zu qualifizieren, bleibt nach dem Bilanzbuchhalter noch die Weiterbildung für internationale Rechnungslegung für Buchhalter, die mit dem internationalen Markt zu tun haben. Doch damit ist es nicht getan. Daniela Zeller sagt: „Es ist nicht so, dass man einen Kurs zum Buchhalter macht und dann bleibt man das für 30 Jahre. Gesetze ändern sich, man muss immer auf dem Laufenden bleiben.“

Anja Amiralai bezahlte ihre Weiterbildung mit rund 3000 Euro aus eigener Tasche. Es hat sich gelohnt. Nach ihrem IHK-Abschluss bekam sie auf acht Bewerbungen fünf Einladungen zum Gespräch. Eines ist es dann geworden - im November beginnt sie als Bilanzbuchhalterin bei einem Insolvenzverwalter in Hamburg. „Ich möchte in meinem Beruf nicht versauern. Ich will wissen, was ich tue“, sagt sie. Sie freut sich auf eine künftige Aufgabe, in der sie auch dazu angeregt ist, dem Unternehmen „Denkanstöße“ zu geben, wie sie es nennt, damit es mit dem Unternehmen aufwärts geht.

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