Mehr Geld für Kitas : Erziehen soll sich wieder lohnen

Die Gewerkschaften fordern für Kita-Mitarbeiter zehn Prozent mehr Geld. Nach Ostern sind Streiks wahrscheinlich.

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Alles hübsch? Keineswegs, meinen die Gewerkschaften, und wollen mit einem fetten Gehaltsaufschlag die Kita-Arbeit aufwerten.
Alles hübsch? Keineswegs, meinen die Gewerkschaften, und wollen mit einem fetten Gehaltsaufschlag die Kita-Arbeit aufwerten.Foto: dpa

Das Getöse ums Geld hat begonnen, und bei dem Erfindungsreichtum der Werbeagenturen bleibt kein Arbeitgeberauge trocken. Am schönsten feiert der Beamtenbund die Kolleginnen und Kollegen im Sozial- und Erziehungsdienst. „Der Mensch steht stets im Mittelpunkt. Jeden Tag vollbringen die Beschäftigten Höchstleistungen, damit unsere Gesellschaft auch eine Gemeinschaft bleibt.“ Bei der Lehrer- und Kindergärtnergewerkschaft GEW heißt der Slogan „ErzieherInnen verdienen mehr – für ein besseres EGO“, wobei mit EGO sowohl die persönliche Wertschätzung als auch ganz schnöde die Entgeltordnung gemeint ist, die die Bezahlung der sozialen Berufe regelt. Der Dritte im Bunde der Gewerkschaften ist Verdi. Hier heißt die Parole für dieses Frühjahr „Richtig gut – Aufwerten jetzt!“

Für die Kommunen wären das 500 Millionen Euro mehr

Es geht um Geld, im Schnitt sollen die Gehälter um rund zehn Prozent steigen. Allein für die Kommunen wären das der GEW zufolge rund 500 Millionen Euro zusätzlich. Selbstverständlich wollen die Arbeitgeber das nicht zahlen. Auch deshalb nicht, weil nach ihren Angaben die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst bereits „eine herausgehobene Stellung einnehmen“, ihre Gehälter seien in den vergangenen Jahren stärker gestiegen als die von anderen Beschäftigten im öffentlichen Dienst. In manchen Entgeltgruppen liege das Erzieherinnengehalt sogar um rund 30 Prozent höher als 2009. Also gebe es keine Veranlassung für eine Sonderbehandlung. Da die Gewerkschaften das anders sehen, bereiten sie ihre Mitglieder in den Kitas auf einen Arbeitskampf vor. Zwischen den Oster- und den Sommerferien wird es Demos und Streiks geben – und eine eingeschränkte Kinderbetreuung.

Bei dem Streit geht es nicht um eine „normale“ Einkommenserhöhung durch einen neuen Tarif, sondern um neue Entgelttabellen. Diese entsprechenden Eingruppierungen für die sozialen Berufe nach Tätigkeitsmerkmalen waren zuletzt 2009 angehoben worden – nach einem mehrwöchigen Streik, der vor allem Kitas betraf. Nun wollen die Gewerkschaften weitere Verbesserungen in den Tabellen. Eine Erzieherin mit staatlicher Anerkennung und verantwortlicher Tätigkeit, etwa als Gruppenleiterin, könnte zum Beispiel einen Sprung machen von 2703 auf 2921 Euro. Sofern sich die Gewerkschaften durchsetzen. Die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) rechnet dagegen: Allein durch die Tarifabschlüsse für den öffentlichen Dienst seien die Einkommen seit 2010 um 12,4 Prozent gestiegen. Die meisten Erzieherinnen hätten ein Monatsgehalt von knapp 3700 Euro. Kurzum: Eine weitere, gewissermaßen außerplanmäßige Erhöhung durch eine Veränderung der Tabellen ist nicht erforderlich.

Vor allem im Osten gibt es viel Teilzeit

Die Gewerkschaften begründen ihre Forderung mit den gestiegenen Anforderungen an das Betreuungspersonal und dem Fachkräftemangel – wenn es nicht mehr Geld gibt, gibt es bald keine Leute mehr für die Kitas. Dabei hätten Erzieher und Sozialarbeiter, Pfleger und Pädagogen aus verschiedenen Gründen immer mehr zu tun. „Die hohe Arbeitslosigkeit und die steigende Zahl von Geringverdienern, zunehmende Altersarmut und Perspektivlosigkeit von Jugendlichen sowie veränderte Familienkonstellationen“ haben der staatlichen Betreuung und damit den sozialen Berufen eine zunehmende Bedeutung gebracht, heißt es bei Verdi. „Die Gesellschaft erwartet immer mehr, zahlt aber nicht mehr“, ergänzt die GEW.

Mit gut 527 000 haben die Kitas die weitaus meisten Beschäftigten in sozialen Berufen, davon 355 000 Erzieher und knapp 61 000 Kinderpfleger. Etwa 40 Prozent der Kita-Beschäftigten arbeiten Vollzeit, im Osten sogar nur 25 Prozent. Der hohe Teilzeitanteil in den neuen Ländern hängt mit der Sondersituation nach der Wende zusammen: Die Geburtenrate stürzte ab und weniger Kinder kamen in den Kindergarten. Um Entlassungen zu vermeiden, wurde die Arbeitszeit verkürzt. Bundesweit gab es dann 2008 einen Schub durch die Entscheidung des Bundestages, allen Kindern nach Vollendung des ersten Lebensjahres einen Kitaplatz anzubieten und bis 2013 eine Betreuungsquote von 35 Prozent für Kinder unter drei Jahren zu erreichen.

Mehr als 96 Prozent des Personals sind weiblich

Den zunehmenden Bedarf decken in der Regel Frauen: Mehr als 96 Prozent des Personals in den Kitas sind weiblich. Erstaunlich ist dabei der geringe Anteil von pädagogischen Fachkräften mit Migrationshintergrund (neun Prozent), was nach Einschätzung der GEW damit zusammenhängt, dass die Kultusminister auf Englisch als Prüfungspflichtfach beharren. Und damit, dass „der Erzieherberuf geringe Wertschätzung in den Migrantenmilieus erfährt“, wie GEW-Vorstand Norbert Hocke sagt. Aber vielleicht wird das jetzt anders, wenn die Kampagne richtig anläuft und das Theater beginnt: In Zusammenarbeit mit dem Ensemble des Frankfurter Theaters „Grüne Sosse“ hat die GEW eine „einmalige Revue“ auf die Bühne gebracht, um den Erzieherinnenberuf „schwungvoll und mitreißend, provokativ und nachdenklich“ in 13 Szenen und Liedern zu spielen. Für 1000 Euro (ohne Reisekosten) kann man die drei Schauspielerinnen und einen Techniker buchen.

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