Mifa-Chef im Interview : „Ein cooles Rad ist ganz wichtig“

Der deutsche Fahrradmarkt ist gesättigt, sagt Mifa-Chef Peter Wicht. Im Tagesspiegel-Interview erklärt er, wie sich mit Billigrädern, E-Bikes und der neuen Fahrrad-Oberklasse dennoch Geld verdienen lässt.

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Peter Wicht. „Jetzt haben wir die Struktur und die Marken, um organisch zu wachsen. Und irgendwann gibt es auch eine Dividende.“
Peter Wicht. „Jetzt haben wir die Struktur und die Marken, um organisch zu wachsen. Und irgendwann gibt es auch eine Dividende.“Foto:promo

Herr Wicht, haben Sie das kalte und nasse Frühjahr gut überstanden?

Wir haben schon unter dem langen Winter gelitten. Doch mit dem Halbjahr bin ich sehr zufrieden. Trotz eines wie geplant geringeren Absatzes haben wir unseren Umsatz gesteigert. Der Trend zu höherwertigen Produkten und zur Marke macht sich bemerkbar.

Die traditionelle Mifa-Strategie mit Billigprodukten für Discounter und Baumärkte hat sich überlebt?

Nein, der Vertrieb von Fahrrädern im Preiseinstiegssegment bleibt unser Brot-und-Butter-Geschäft, das uns im Einkauf und bei der Produktionseffizienz stark macht. Allerdings bedienen wir mit unseren Eigenmarken Grace und Steppenwolf nun verstärkt höhere Preissegmente. Die großen Discounter haben Marktanteile verloren, da die Kunden beim Fahrradkauf preisbereiter werden.

Und wie entwickeln die sich?

Die E-Bike-Marke Grace ist das erste Jahr voll auf dem Markt. Hier werden wir die Stückzahlen auch im Ausland deutlich erhöhen. Für die Premiummarke Steppenwolf haben wir eine neue Marketingstrategie und ein neues Design entwickelt. Für beide Marken erwarten wir in den kommenden Jahren saftige Umsatzsteigerungen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Steppenwolf für 800 Euro und einem Discounter-Fahrrad für 150 Euro?

Natürlich sind die Margen im Fachhandel höher, dort gibt es auch keine Preisgrenzen nach oben. Aber auch die Fahrräder im Discounter sind von hoher Qualität. Der große Unterschied liegt im Einsatz der Komponenten. Ein Shimano-Schaltwerk etwa kann 15 Euro kosten oder 200 Euro.

Der Durchschnittspreis für ein neues Rad ist seit 2009 von 446 auf 513 Euro gestiegen. Geht der Trend zum Hochpreisrad?

Jein. Es gibt nach wie vor den Standardnutzer, der nur 150 oder 200 Euro ausgeben will. Hier liegt unser Vorteil, weil wir in Sangerhausen die effizienteste Produktion haben und deshalb auch Fahrräder im Preiseinstiegsbereich anbieten können. Mit unseren Eigenmarken wie Steppenwolf bedienen wir das höhere Preissegment, das günstigste Rad kostet schon 500 Euro.

Gut 70 Millionen Räder gibt es in Deutschland, jedes Jahr werden vier Millionen neu verkauft. Wie viel Potenzial hat der Markt?

Der Markt ist seit vielen Jahren gesättigt. 1991 hat man in Deutschland mehr als sechs Millionen Räder verkauft, weil damals Mountainbikes auf den Markt kamen und weil die Ostdeutschen ein Rad mit Shimano-Schaltung fahren wollten. Seit Mitte der 90er Jahre liegt das Volumen konstant bei rund vier Millionen Rädern.

Gibt es keinen Trend zum Zweitrad?

Doch. Zum Beispiel ein Rad für die Fahrt ins Büro und ein weiteres für die Freizeit, als Rennrad oder Mountainbike.

Was ist mit Firmenkunden? Die Mifa baut Räder für die Post und immer mehr Unternehmen schaffen E-Bikes für Mitarbeiter an.

An die Post liefern wir seit 2007, und zwar zunehmend E-Bikes. Die Post hat Probleme, in den Städten mit dem Auto zum Kunden zu kommen. Mit Lastenrädern ist das deutlich einfacher. Überhaupt ist das Elektrofahrrad die ideale Antwort auf die Situation in Europa – steigende Spritpreise, Parkplatznot und Verkehrsinfarkte in immer dichter besiedelten Innenstädten.

Aber weniger als zehn Prozent der neuen Räder sind elektrisch.

Der Durchbruch der E-Bikes hängt entscheidend von der Präsenz im Markt ab. Die Hemmschwelle wird reduziert, wenn die ersten im Familien- oder Bekanntenkreis ein E-Bike fahren.

Von Ihnen stammt die Bewertung des Elektrofahrrads als Alte-Leute-Rad.

Das war eine Fehleinschätzung. Inzwischen wissen wir, dass uns die ältere Generation geholfen hat, einen Markt aufzubauen. Wenn nun die Jüngeren das E-Bike als Lifestyle-Produkt entdecken, ist der Durchbruch geschafft.

Wie entsteht ein Lifestyle-Produkt?

Das Wichtigste ist das integrierte Design. Zum Beispiel verschwindet der Akku künftig vollständig im Rahmen. Wie großartig die Räder inzwischen aussehen, sieht man bei unseren Grace-E-Bikes oder dem Smart-E-Bike. Zum Lifestyle wird es, wenn man nicht nur ein E-Bike, sondern eine Marke verkauft.

Ein solches Smart-E-Bike hat neulich Daimler-Chef Dieter Zetsche dem Papst geschenkt.

Ja, das Rad haben wir in Sangerhausen gebaut.

Wie viel hätte der Papst dafür im Laden ausgeben müssen?

Etwa 2850 Euro. Das ist natürlich nur für eine bestimmte Käuferschicht, die Mehrheit gibt weniger aus. Für uns als Branche ist aber ganz wichtig, dass Daimler/Smart da mitmachen und ein cooles Rad bauen lassen.

Im kommenden Jahr liegt der Börsengang der Mifa zehn Jahre zurück. Eine Dividende gab es bislang nicht. Werden die Aktionäre – darunter Carsten Maschmeyer mit gut 30 Prozent – nicht ungeduldig?

Nein. 1996 haben wir angefangen mit 35 000 Rädern, 2004 waren es 700 000. Wir waren die Jäger. Mit dem Börsengang ging der Wettbewerb richtig los. Ein gutes Dutzend Firmen ist seitdem vom Markt verschwunden, heute gibt es noch eine Handvoll Hersteller in Deutschland. Wir haben den Preiskampf nur überlebt, weil wir die Produktion neu organisiert und automatisiert haben. Das war aufwendig und hat Zeit gekostet. Unsere Aktionäre verstehen das. Jetzt haben wir die Struktur und die Marken, um organisch zu wachsen. Und irgendwann gibt es auch eine Dividende.

Das Gespräch führte Alfons Frese

KARRIERE

Peter Wicht (57) studierte Betriebswirtschaft und Ingenieurwissenschaften in

Ilmenau. Mit 26 wurde er Leiter der Gießerei im Kombinat Robotron, später Direktor für Produktion. 1996 übernahm er die Mitteldeutsche Fahrradwerke GmbH. Wicht hält rund ein Viertel an der seit 2004 börsennotierten Mifa und führt sie als alleiniges Vorstandsmitglied.

UNTERNEHMEN

Mifa mit Sitz in Sangerhausen (Sachsen-Anhalt) hat im ersten Halbjahr 400 000 Fahrräder verkauft. Mit den 2012 übernommenen Marken Steppenwolf und Grace soll das

Billigimage überwunden werden. Größter Aktionär (28 Prozent) ist der frühere Finanzunternehmer (AWD) Carsten Maschmeyer.

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