Mit dem Elektro-Motorrad nach Marrakesch (1) : Lautlos und von Null auf Hundert in Sekunden

Jörn Ehlers und Frank Krippner haben da so eine Idee: Sie wollen pünktlich zum Höhepunkt des Weltklimagipfels in Marrakesch mit dem Elektro-Motorrad dort ankommen. Auf dem Weg wollen sie die Energiewende in Aktion besuchen. Einblick in eine ungewöhnliche Reise.

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Tanken zwischen Steinway-Flügeln. Mit einem "normalen" Motorrad wäre das nicht passiert.
Tanken zwischen Steinway-Flügeln. Mit einem "normalen" Motorrad wäre das nicht passiert.Foto: Frank Krippner

Morgens um 8.30 Uhr vor dem Kanzleramt. Das Gefährt sieht aus wie ein Motorrad. Aber es hat ein paar Besonderheiten, zum Beispiel hat es keinen Tank und keinen Auspuff und auch keine Kupplung. Dafür soll das Zweirad in 3,5 Sekunden von Null auf 100 Stundenkilometer beschleunigen können. Am zweiten Tag schreibt Jörn Ehlers, Pressesprecher der Umweltstiftung WWF, dazu: "So richtig getraut habe ich mich noch nicht." Er habe "20 Jahre nicht mehr auf dem Bock gesessen", hatte er am Donnerstagmorgen berichtet. Vor dem Kanzleramt sollte die Reise von Ehlers und seinem Sprecherkollegen des Ökostromanbieters Lichtblick, Frank Krippner, beginnen. Für die Kameras sind sie noch ein paar Runden um den Block gekurvt - und dann sind sie Richtung Süden abgebogen.

4000 Kilometer wollen Ehlers und Krippner in etwa zwei Wochen zurücklegen. Das Ziel ist der Weltklimagipfel in Marrakesch. Vor fünf Wochen hatten sie die Idee, berichten sie vor der Abreise. Ehlers fährt, Krippner fährt mit. Sie haben zwei Elektro-Motorräder zur Verfügung, denn die Reichweite einer Batteriefüllung bringt sie - je nach Gelände - etwa 200 Kilometer weit. "Unterwegs wollen wir so oft wie möglich Ökostrom tanken", sagte Krippner vor der Abfahrt. Und zumindest an den ersten beiden Tagen hat das auch geklappt. In Feldheim, ihrer zweiten Station nach einem kleinen Gruselausflug ins Braunkohlenrevier Jänschwalde, haben sie ihre Maschine aufgetankt, während sie mit dem Bürgermeister und anderen Akteuren der energieautarken Gemeinde in Brandenburg gesprochen haben.

Feldheim hat sich komplett selbstständig gemacht. Das Dort, ein Ortsteil von Treuenbrietzen im Süden Brandenburgs, hat sein Strom- und sein Gasnetz gekauft, um von Eon unabhängig zu werden. Die Energie liefern ein Windpark, eine Solaranlage, eine Biogasanlage und die Systemstabilität garantieren ein Batteriespeicher und eine Holzhackschnitzelanlage zur Wärmeversorgung. Feldheims Energieautarkie ist ein Mitmachprojekt der ganzen Gemeinde, berichtet Krippner aus dem Gespräch mit den Akteuren. Und deshalb sind die meisten damit auch sehr zufrieden. Übernachtet haben die Marakesch-Fahrer dann in Erfurt.

Zwei Schichten unter der Motorradkluft müssen es mindestens sein, weiß Jörn Ehlers (links) vom WWF. Sein Sozius Frank Krippner von Lichtblick sieht weniger verfroren aus.
Zwei Schichten unter der Motorradkluft müssen es mindestens sein, weiß Jörn Ehlers (links) vom WWF. Sein Sozius Frank Krippner von...Foto: Dagmar Dehmer

Am Folgetag ging die Reise nach Ludwigsburg. Und da trauten Ehlers und Krippner zum Aufladen des E-Motorrads den öffentlichen Ladesäulen nicht so recht. Sie gehören den Stadtwerken Ludwigsburg - "Das ist ja erst mal gut", sagt Krippner - aber ob da nur Ökostrom rausfließt, darüber waren sie sich nicht so ganz im Klaren. Also haben sie "einen Lichtblick-Kunden um Hilfe gebeten". Die Besitzer eines Tonstudios in Ludwigsburg, die gerade eine Musikaufnahme mit zwei Konzertflügeln abgeschlossen hatten, luden die beiden Marrakesch-Fahrer zu sich ein - und zwar direkt ins Tonstudio. "Dort haben wir dann getankt. Das war großartig", schwärmt Krippner.

Die Ladeinfrastruktur immer noch ein Problem, sagt Krippner. Bundesweg gebe es etwa 5600 Ladesäulen, in Ludwigsburg seien es etwa 20. Aber selbst wenn sie gewollt hätten, ihr Elektro-Motorrad hätten sie dort nicht aufladen können. "Wir hätten einen Adapter gebraucht. Es gab nur die Stecker für Elektroautos", berichtet Krippner.

Ein paar Proberunden haben Ehlers (vorn) und Krippner vor ihrer Abreise nach Marrakesch vor dem Kanzleramt in Berlin gedreht.
Ein paar Proberunden haben Ehlers (vorn) und Krippner vor ihrer Abreise nach Marrakesch vor dem Kanzleramt in Berlin gedreht.Foto: Dagmar Dehmer

Weniger großartig findet Ehlers die Kälte. Sie sind in Berlin bei zwei Grad gestartet. In den Mittelgebirgen war es nicht wärmer. Und richtig Sorgen macht sich Ehlers, wenn er an die Pyrenäen denkt. Zur Not fahren sie dann eben eine Etappe mit dem Begleitfahrzeug, in dem auch das zweite Motorrad transportiert wird. "Aber wir hoffen, dass es weiter im Süden sonniger und wärmer wird", sagte er hoffnungsfroh, bevor er auf das Motorrad stieg.

Am Samstag wollten sie einen weiteren Energie-Dinosaurier besuchen, nämlich das uralte Atomkraftwerk Fessenheim im Elsass an der deutsch-französischen Grenze.

Der Tagesspiegel begleitet die beiden Marrakesch-Fahrer in seiner Online-Ausgabe und fragt regelmäßig nach, was Jörn Ehlers und Frank Krippner unterwegs gesehen haben - und wie die Reise auf dem Elektro-Motorrad voran geht. Sie finden die Texte auf den Themenseiten: E-Mobilität und Klimagipfel.

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