Wirtschaft : Mit einem hingenuschelten Satz bestimmt der Chef der US-Notenbank das weltweite Börsengeschehen

Robert von Rimscha

Der Kampf gegen die Schaumschläger beginnt um halb sechs. Bis halb acht liegt Alan Greenspan jeden Morgen in der Badewanne. Das hat ihm sein Hausarzt vor 25 Jahren zur Linderung eines Rückenleidens verschrieben, und er hält sich noch immer daran. Obwohl der Papst der Weltwirtschaft auf jeden Schaumzusatz verzichtet, ist das zweistündige allmorgendliche Eintauchen nicht freudlos. Greenspan tut, was er am liebsten macht. Er schreibt. Im Wasser. Nass.

"Der unbekannte Held der Zentralbank ist jener Assistent, der seine aufgeweichten Kritzeleien entziffern muss", sagt Greenspans Frau, die Fernsehjournalistin Andrea Mitchell. Wenn er dem physischen Nass entstiegen ist, macht sich Alan Greenspan ans Abschütteln des ökonomischen Schaums - der Kampf gegen Seifenblasen bleibt. Zwei Stunden nach dem Bad sitzt Greenspan am Mittwoch dem Bankausschuss des US-Senats gegenüber. Solche Anhörungen sind es, die die Märkte zittern lassen.

Der typische Greenspan-Auftritt in Washington geht so: Der Fed-Chef huscht fast unbemerkt in den Raum, im Laufschritt hinter ein Pult mit schwerem grünem Tuch. Die wuchtige Brille läßt den schmalen, gebückt laufenden Mann noch mehr nach Eule aussehen, als er dies dank schütteren Haares und eingefallener Wangen ohnedies schon tut. Manche sagen, er sei eine Sphinx, weil er die Öffentlichkeit meidet, wo er nur kann. Andere erinnert er an Woody Allen. Er hat nicht nur etwas Gehetztes an sich, er hetzt auch im wörtlichen Sinne.

"Sie sind der größte Zentralbankchef in der Geschichte der USA und damit per definitionem auch der größte Zentralbankchef der Welt", huldigt ihm Phil Gramm, republikanischer Senator aus Texas und Chef des Banken-Ausschusses. "Wenn Greenspan redet, lauschen die Menschen", weiß der Demokrat Paul Sarbanes. Dann stülpt er die Hand über sein Mikrofon und raunt dem Nachbarn zu: "Ich hoffe, er lächelt heute." Neben Sarbanes sitzt Senator Chuck Schumer aus New York. Auch der hat eine Floskel parat, die Respekt zollt: "Ihre gesammelten Zitate sind zu einer Bibel geworden", versichert er "dem Vorsitzenden". "Egal, für oder gegen was jemand argumentiert, er muss sich bei Ihnen die Autorität borgen."

Der so Gepriesene bückt sich beim Vortrag tief hinab und ringt Begriffen wie "Grenzsteuersatz" oder "Zuwachs im Arsenal arbeitsvermeidender Technologien" mittels seiner ausdifferenzierten Betonungen so viel Eros ab, wie der Durchschnittspolitiker ihn nur bei der Schilderung der eigenen Siegeschancen aufbringt. Als "den führenden Experten für milchigtrübe Ausdrucksweisen" hat die "New York Times" ihn einmal bezeichnet. Nach seinem leicht nasalen, sonoren Vortrag beantwortet Greenspan die Fragen der Senatoren. Wenn er zuhört, hat er stets eine Hand vor die Stirn geschlagen oder unters Kinn geschraubt; ein oder zwei gespreizte Finger verdecken den Mund, aus dem dann die Milch der Weisheit sprudelt.

Der fragenden Öffentlichkeit entzieht er sich durch einen weiteren Dauerlauf mit schleppenden Schritten, doch für ein paar Erinnerungsfotos mit Touristen, ein Lächeln nach rechts und ein Autogramm nach links bleibt Zeit. Die Straßen überquert der schlaksige Mann stets bei Rot oder abseits der Zebrastreifen. Etwas Graues fliegt an hupenden Autos vorbei und verschwindet im Eingang einer Anwaltskanzlei. Das war Greenspan in Washington.

Die sozialen Verpflichtungen eines Zentralbankchefs sind ihm ebenfalls ein Graus. Zu Parties und Empfängen erscheint er fast unsichtbar seiner Frau hinterhertrabend. Small Talk hasst er, Repräsentieren auch, öffentliche Räume desgleichen. Wenn ihm von den Häppchen etwas zwischen den Zähnen stecken bleibt, bohrt er mit einem Fleischspieß nach, egal, ob sich das nun gehört oder nicht. Dabei hat ihn die "Süddeutsche Zeitung" einmal erspäht. Wenn es sein muss, kann er ein Fachreferat über die Marktchancen für neunachsige Lkw in Lateinamerika halten. Meist indes steht er gesenkten Hauptes wie verloren umher, läßt den Blick in die Ferne schweifen und wünscht sich das schaumlose Morgenbad herbei.

Seine Emotionen gelten eben der Wirtschaft. Früher, in den 60er Jahren, hat er die Wiedereinführung des Goldstandards gepredigt und den "fast hysterischen Antagonismus" all jener gegeißelt, die einfach nicht wahrhaben wollten, dass der Verzicht auf den Gegenwert Gold allein ein Ziel habe: Defizithaushalte zuzulassen. "Defizite aber sind nichts weiter als ein Komplott zur Konfiszierung von Wohlstand." Das war 1966. Heute kämpft er gegen die von Amerikas Republikanern beschlossene Steuersenkung um 800 Milliarden Dollar. Erstens seien die Prognosen über die Finanzierung aus künftigen Etatüberschüssen zu vage. Zweitens zwinge ihn so viel neues Geld doch nur zur Zinserhöhung, um den Markt künstlich zu verknappen, argumentiert der Marktwirtschaftler und Subventionsgegner, der im Zentralbankrat zwischen Falken (sie wollen Inflationsverhinderung um jeden Preis) und Tauben (sie wollen Rezessionsvermeidung um jeden Preis) auszugleichen hat.

"Irrationaler Übermut hat Anlagewerte unzulässig aufgebläht", hat er einmal, in der Mitte einer ansonsten unscheinbaren Rede versteckt, gesagt. Der Dow Jones verlor 120 Punkte in sieben Minuten. Beim Gongschlag am Ende des Parketthandels waren es 150. "Unhinterfragte Ausgelassenheit" hat er ein andermal verdammt, und in vier Minuten war der Aktienindex um 83 Punkte runtergerattert. Seine Orakel gelten als ebenso kryptisch wie definitiv.

Sein offizieller Titel lautet: "Chairman, Board of Governors of the Federal Reserve System." Der "Vorsitzende des Rates der Gouverneure des Bundes-Rücklagensystems" steht einer Institution vor, die nach 150 Jahren Dauerstreit entstand. Ob die amerikanische Bundesregierung überhaupt das Recht hat, in Wirtschaftsfragen mitzumischen, darüber wird in Washington gestritten, seit es Washington gibt. Als Antwort auf die Große Depression wurde die Trennung zwischen Geschäftsbanken und Investmenthäusern vertieft und die ursprünglich dezentrale "Federal Reserve", die Notenbank, als Währungshüterin installiert. Die dafür maßgeblichen Gesetze stammen aus der Zeit von 1913 bis 1935. Heute wird die zunehmende Verflechtung von Banken und Anlage-Firmen zwar wieder geduldet, die "Fed" ist indes so mächtig wie noch nie.

Denn heute bestimmt sie mit ihren Vorgaben zur Geldmengen- und Zinspolitik nicht nur die Richtung der amerikanischen Wirtschaft, sondern des Globus. Wenn Greenspans heisere Stimme warnt, wackeln die Börsen. Wenn Greenspan die "für Friedenszeiten einmalige Erfolgsgeschichte der letzten zehn Jahre" lobt und von "nachhaltigen Expansionskräften" spricht, kippen die Chefredakteure britischer und deutscher Wirtschaftsmagazine ihre geplanten Titel zur "Seifenblasen-Ökonomie" der USA. Wem Greenspan traut, dem traut die Welt. Derzeit traut er weiter seiner Nationalökonomie.

Greenspans Mischung aus fanatischem Arbeitseifer, persönlicher Unnahbarkeit und exzentrischer Großstadtneurotik verrät den typischen New-Yorker. 1926 wurde er im "Big Apple" geboren. Dort wuchs er nach der Scheidung der Eltern, eines Börsianers und einer Verkäuferin, in bescheidenen Verhältnissen auf. Dort ging er auf dieselbe High School, die kurz danach Henry Kissinger besuchte. Dort entdeckte er seine Liebe zur Musik, die er ein Jahr lang ausprobierte, ehe es ihn nach Soliderem gierte. Dort studierte er Wirtschaftswissenschaften, dort arbeitete er als Berater. Von 1974 bis 1977 war er unter Präsident Ford Vorsitzender des Rates der Wirtschafts-Sachverständigen. Heute hat er dutzende Aufsichtsratsposten, Doktorwürden und Ehrenämter von der Schwerindustrie über akademische Einrichtungen bis hin zum Magazin "Time".

Zentralbankchef ist er seit 1987. Er war gerade zehn Wochen im Amt, da kam es zum Oktober-Crash, dem schlimmsten Einbruch der Aktienmärkte seit 1929. Greenspan forderte die Bereitstellung der nötigen Liquidität. Das half. Greenspan hatte die Macht des Wortes entdeckt und bald auch die dazugehörige Formel geprägt: "Ich murmele in großen Zusammenhängen."

Amerikas aktueller Greenspan-Streit stellt die höchste Form der Schmeichelei dar. Es geht um das Mandat des Fed-Chefs. In einem knappen Jahr, im Juni 2000, läuft seine dritte Amtszeit aus. Die Republikaner verlangen nun, Bill Clinton solle sich bereits jetzt auf eine Verlängerung festlegen - als Signal der Konsistenz und um zu verhindern, dass aus der Greenspan-Nachfolge ein US-Wahlkampfthema werden könnte. Beim letzten Mal nominierte Clinton Greenspan vier Monate vor dem Ablauf seiner Amtszeit erneut. Noch ist unklar, ob der Präsident seinem Wirtschaftsguru diesmal zehn Monate Vorlauf zubilligt.

So viel Ehre wird Greenspan zuteil, weil die USA seit Jahren eine volkswirtschaftliche Einmaligkeit stemmen. Die Zinsen sind niedrig, die Inflation ist auf Rekord-Tief, der Haushalt ausgeglichen, die Arbeitslosigkeit so gering wie seit 30 Jahren nicht mehr, die Wirtschaft wächst und wächst. Der Fed-Chef hat auch eine Theorie, was hinter dem Dauerboom der US-Ökonomie steckt. "Wir sind in eine Phase der technologischen Innovation eingetreten, wie sie nur alle 50 oder 100 Jahre passiert", sagt er. Das wichtigste Maß dieses Fortschritts ist die Zunahme der Produktivitätssteigerung, also der Zuwachs der Zuwachs-Rate. Von einem hat sie sich auf fast drei Prozent jährlich erhöht. "Dass wir weitere, radikale technologische Weiterentwicklungen erleben werden, ist klar. Unklar ist nur die Geschwindigkeit des Umbruchs." Greenspan hält es für möglich, dass die Beschleunigung der Zuwächse sich auf vier Prozent emporschrauben läßt. Jetzt solle der Staat seine aufgelaufenen Altschulden tilgen; die große Steuersenkung sollten die Politiker sich für den Moment aufsparen, wo der Boom kippt.

Noch hält er an. 80 Millionen Amerikaner besitzen mittlerweile Aktien. 19 Millionen neue Jobs sind seit Clintons Antritt geschaffen worden - die Mehrzahl mit überdurchschnittlicher Entlohnung, also keine "McJobs". Solche Umstände sind es, die dafür sorgen, dass selbst der "kleine Mann" seinen Notenbankchef kennt und dessen Orakelsprüche verfolgt. Es ist so viel Geld da, dass die USA über ihre satten Handelsbilanzdefizite sogar die Krisenstaaten Ostasiens wieder in Gang bringen können. Wessen Verdienst das ist? Die Durchschnittsmeinung Amerikas lautet ungefähr: Bill Clintons, weil er sich von den Republikanern zum ausgeglichenen Etat hat überreden lassen, seines langjährigen Finanzminister Robert Rubins, weil er der Verlockung des Aktivismus widerstand - und also und an erster Stelle Alan Greenspans.

Warum Greenspan kultisch verehrt wird, kann Senator Phil Gramm leicht erklären. "In meiner Heimatstadt in Texas haben wir ein Prozent Arbeitslosigkeit. Da können die College-Studenten abends nicht mal in die Kneipe gehen, ohne dass Schlepperbanden von Kopfjägern auftauchen und versuchen, sie in irgendeine Fabrik zu zerren." Greenspan weiss, was er angerichtet hat. Und er mahnt. "Die Geschichte lehrt uns, dass wir unsere Fähigkeit zur Prognose künftiger Produktivitätszuwächse als sehr bescheiden einschätzen sollten."

Am Mittwoch vor dem Senat hielt er eine ausgeglichene Rede - keine düsteren Prophezeiungen, keine dramatischen Warnungen, kein versteckter Fingerzeig. Aus zwei Stunden Greenspan-Talk suchten sich die Wirtschaftsblätter der USA jedoch den einen Satz aus, der umschreibt, was für ein Problem der Arbeitskräftemangel darstellt. "Wenn die Knappheit des Arbeitsmarktes nicht durch weiter steigende Produktivitätszuwächse ausgeglichen wird, übersetzt sie sich notwendigerweise in inflationäre Tendenzen", hat Greenspan gesagt. Dann würden die Löhne und die Preise steigen, und das Greenspan-Wunder wäre futsch. Nun führt Greenspan den Kampf gegen die drohende Geldentwertung seit jeher vorbeugend, da er, wie er gern betont, nur zu genau weiß, dass "jetzt vernachlässigte leichte Korrekturen umso drastischere Schritte zu einem späteren Zeitpunkt nötig machen würden". Droht also nun eine weitere vorsichtige Zinserhöhung? Weil Greenspan der Produktivitätsmaschine doch nicht traut? Gesagt hat er es nicht. Nur nebulös gewarnt. Am Donnerstagmorgen stand es in den Zeitungen. Am Donnerstagnachmittag hatte der Dow Jones 200 Punkte verloren. Auch so kann man Luft aus Seifenblasen lassen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben