Wirtschaft : Mit Weitblick

Mehr als eine Notlösung: Auch Gründer, die sich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbstständig machen, haben gute Chancen, erfolgreich zu sein

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Vielfältig. Stefanie Link (li) und Kathleen Wallner machen mit ihrer Agentur „PublicScience“ auch PR für das Medizinhistorische Museum der Charité. Foto: Uwe Steinert
Vielfältig. Stefanie Link (li) und Kathleen Wallner machen mit ihrer Agentur „PublicScience“ auch PR für das Medizinhistorische...Foto: uwe steinert

Sie hat den Stadtplan von Berlin inzwischen von der Wohnzimmerwand abgehängt. Vida Jamali braucht ihn heute nicht mehr, um sich in Berlin zurechtzufinden. Stadtviertel, Straßennamen, Orientierung, kein Problem mehr für die 42-jährige Iranerin. Die Taxischein-Prüfung ist geschafft. Auch der Taxi-Unternehmerschein ist inzwischen in einem Aktenordner abgeheftet. Im April konnte sie endlich einen Schlussstrich unter ihre Arbeitslosigkeit ziehen, erzählt die energiegeladene Frau. Sie hat damals ein eigenes Taxi-Unternehmen gegründet. „Endlich frei“, sagt sie.

Da nimmt sie gern in Kauf, dass ihr nachts, wenn sie im Bett liegt und an das Geld denkt, das sie in die zwei Taxen gesteckt hat, manchmal etwas unwohl wird. Noch steht sie ganz am Anfang, weiß nicht, ob sich auszahlen wird, was sie jetzt investiert, ob die Firma einmal ihre Existenz sichert.

Laut Statistik aber hat sie gute Chancen, erfolgreich zu sein. Nach einer kürzlich veröffentlichen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin werden Existenzgründungen, die aus der Arbeitslosigkeit heraus erfolgen, von der Wirtschaftspolitik zu unrecht kritisch gesehen: Arbeitslose, die Firmen gründen, schaffen nicht nur langfristig ihren eigenen Arbeitsplatz. Gut zwei Drittel der „neuen“ Selbstständigen sind laut Studie auch fünf Jahre nach der Gründung noch im Geschäft. In bis zu vierzig Prozent der Fälle werden sie selbst zu Arbeitgebern. Nur zehn Prozent stehen danach wieder ohne Job da.

Gerade in Berlin nutzen viele Arbeitslose die Chance, ihr eigener Chef zu werden. Von den mehr als 40 000 Existenzgründungen im vergangenen Jahr ist mehr als jede zweite aus der Arbeitslosigkeit heraus entstanden. Bundesweit war es nur fast jede vierte. Als im Jahr 2003 im Zuge der Hartz-Reform die Ich-AGs eingeführt wurden und es Arbeitslosen durch neue finanzielle Förderprogramme erleichtert wurde, sich selbstständig zu machen, stieg die Zahl der Existenzgründungen sprunghaft an. „In Berlin ist dieser Boom aber auch nach der Umstellung der Förderung im Jahr 2006 nicht abgebrochen“, sagt Sabine Leutenecker von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen. Vor allem in der Kreativwirtschaft in den Branchen Film und Design, Mode und Kultur, Kunst und Verlagswesen, Architektur und Werbung entstehen neue Unternehmen.

Die Probleme der Gründer, die von der Arbeitsagentur kommen, unterscheiden sich dabei kaum von denen anderer Starter. Es geht etwa um die Finanzplanung, um mögliche Förderungen oder Marketing- und Vertriebsstrategien, wenn sie sich bei einer der zahlreichen Berliner Beratungseinrichtungen Hilfe holen.

Auch die Betreiberinnen der PR-Agentur PublicScience, Stefanie Link und Kathleen Wallner, haben sich an eine solche Einrichtung gewandt. Die beiden Frauen sitzen in einem weiß gestrichenen, hellen Büro, einen Steinwurf von der Charité entfernt. Im Februar 2007 sind sie mit ihrer frisch gegründeten Agentur für Gesundheits- und Wissenschaftskommunikation hier eingezogen, erzählt Stefanie Link. Sie war damals arbeitslos, hatte lange in der PR-Abteilung eines großen Medizinunternehmens gearbeitet und sich dort von einem befristeten Vertrag zum nächsten gehangelt. Dort lernte sie auch ihre heutige Partnerin, Kathleen Wallner, kennen. Sie waren Kolleginnen.

„Wir haben am Anfang den Fehler gemacht, dass wir alle Aufträge angenommen haben, auch wenn sie nicht zu unserem eigentlichen Angebot passten“, sagt Stefanie Link. „Wir dachten damals bei jedem Auftrag: besser den, als keinen.“ Erst nach und nach haben die Beraterinnen festgestellt, dass ihr Profil unscharf wird, dass sie Kunden betreuen, die eigentlich gar nicht zu ihrer Zielgruppe gehören. Und das sie ein Problem haben, wenn sie ihre Zeit in solche Projekte investieren und plötzlich ein Kunde auftaucht, auf den ihr Leistungsangebot viel besser zugeschnitten ist.

Über das Kreativ Coaching Center der Investitionsbank Berlin wurde ihnen eine Karriereexpertin vermittelt. Mit ihr haben sie daran gearbeitet, ihr Profil zu schärfen. Heute fällt es den beiden PR-Expertinnen nicht mehr so schwer, auch Nein zu sagen – und darauf zu vertrauen, dass der nächste, passende Auftrag kommen wird. Auch das Delegieren von Arbeit mussten sie lernen. „Am Anfang konnten wir kaum loslassen und hatten das Gefühl, immer alles unter Kontrolle haben zu müssen“, sagt Kathleen Wallner.

Die Taxi-Unternehmerin Vida Jamali kennt dieses Gefühl nur zu gut. Behördengänge, Buchhaltung, Versicherung. Als Alleinunternehmerin hängt alles an ihr. Sie ist verantwortlich für die drei Fahrer, dafür, dass die Funkgeräte funktionieren, und Firmenwerbung auf den Autotüren klebt. Vida Jamali sieht das alles als Herausforderung, als Investition in eine neue Zukunft, sagt sie. Im Iran war sie Gymnasiallehrerin. Heute will sie wenigstens wieder Geld verdienen – und endlich ankommen in dieser Gesellschaft.

Vida Jamali hat ihre Gründung bei der Initiative Selbstständiger Immigrantinnen (ISI) in Kreuzberg vorbereitet. Sie hat Kurse in Buchhaltung belegt, sie hat sich in Finanzplanung und in Vertragsrecht fit gemacht. „Das Startkapital für ein Taxi-Unternehmen ist relativ gering“, sagt die Berlinkennerin. Sie musste nicht einmal einen Kredit aufnehmen. Verwandte und Freunde haben geholfen. Das erste Taxi hat sie gebraucht gekauft, das zweite ist neu. Sie zahlt es in Raten ab.

Die PR-Expertinnen aus Mitte haben für die anfänglichen Investitionen einen Gründungskredit bei der KfW-Bank aufgenommen. „Inzwischen läuft die Agentur ganz gut“, sagt Stefanie Link. 15 freie Mitarbeiter helfen je nach Auftragslage dabei, die Projekte zu schultern. Die Agentur macht heute Öffentlichkeitsarbeit für das Medizinhistorische Museum der Charité, für Forschungseinrichtungen und medizinische Verbände. Inzwischen können die PR-Beraterinnen auch Urlaubstage einplanen. Den Schwung, den sie in die Agentur einbringt, kann sie nur aufbringen, wenn sie regelmäßig Freizeit hat, sagt Link.

Alle Berliner Beratungseinrichtungen sind auf der Internetseite www.gruenden-in-berlin.de zu finden

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