Wirtschaft : Modell Ost

In der ostdeutschen Chemie wird ein Arbeitszeitmodell für den demografischen Wandel ausgetüftelt

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Der westdeutsche Linde-Konzern hat auch eine Produktion in Leuna, am historischen Chemiestandort. In Sachsen-Anhalt gibt es knapp 16 000 Chemiebeschäftigte. Foto: dapd
Der westdeutsche Linde-Konzern hat auch eine Produktion in Leuna, am historischen Chemiestandort. In Sachsen-Anhalt gibt es knapp...Foto: dapd

Berlin - Im Raum „Sorbonne“ des Seminaris-Hotels in Berlin-Dahlem findet ein bisschen deutsche Vereinigung statt. Die Tarifpartner der chemischen Industrie wollen sich bis Mittwoch auf eine Angleichung der Arbeitsbedingungen im Osten verständigen. Es geht, wie fast immer im Tarifgeschäft, um Geld. Und um die Länge der Arbeitszeit. Das ist an sich eher banal, doch die IG Bergbau, Energie, Chemie (IG BCE) will die Gelegenheit nutzen, um mit den Chemiearbeitgebern ein ganz neues Arbeitszeitmodell zu kreieren: In den Chemiefirmen sollen Fonds eingerichtet werden, „aus denen heraus für belastende Arbeitssituationen und in bestimmten Lebensphasen eine verringerte Arbeitszeit finanziert werden kann“, heißt es bei der Gewerkschaft.

Der Osten als Experimentierfeld, um die Arbeitszeit besser auf Jung und Alt, auf stark und weniger stark Belastete zu verteilen. Damit könnte die Ostchemie zum Trendsetter werden und Tarifgeschichte schreiben, denn in Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden zerbricht man sich seit langem die Köpfe, wie man einerseits einen gleitenden Übergang in die Rente ermöglichen und andererseits ältere Beschäftigte so lange wie möglich in der Arbeit halten kann.

Nach Angaben der IG BCE arbeiten knapp 36000 Personen in der ostdeutschen chemischen Industrie. Sie arbeiten nicht schlechter, aber länger und preisgünstiger als im Westen: Die tarifliche Wochenarbeitszeit beträgt im Osten 40, im Westen 37,5 Stunden. Ein Chemiebeschäftigter bekommt im Westen 95 Prozent eines Monatslohns als Weihnachtsgeld, im Osten sind es 65 Prozent. Und schließlich gibt es noch Unterschiede in der Struktur der Entgeltgruppen. Nach Angaben der Arbeitgeber summiert sich das alles auf 11,6 Prozent. Anders gesagt: Wenn am Mittwoch die hundertprozentige Angleichung der Arbeitsbedingungen Ost an die Arbeitsbedingungen West vereinbart würde, arbeiteten die Beschäftigten weniger und bekämen mehr Geld. Und die Betriebe müssten ihre Personalausgaben um 11,6 Prozent erhöhen.

Das ist nicht möglich. Und das weiß die IG BCE. Beim Geld hat man fast schon eine Lösung: Identische Eingruppierungen wie im Westen würden mit knapp 2,5 Prozent zu Buche schlagen, und das Weihnachtsgeld auf Westniveau mit weiteren 2,4 Prozent. Das ist überschaubar und für die Firmen kalkulierbar, wenn es eine Angleichung in mehreren Schritten gibt. Komplizierter ist die Sache mit der Arbeitszeit. „Der dickste Klopper“, wie Paul Kriegelsteiner, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Nordostchemie sagt. Rein rechnerisch machte es 6,7 Prozent aus, wenn die Arbeitszeit im Osten von 40 auf 37,5 Stunden verkürzt würde.

Die Verkürzung der Arbeitszeit ist indes schon lange nicht mehr im Fokus der Gewerkschaften – spätestens seit 2003 nicht mehr, als die IG Metall den Streik um die 35-Stunden-Woche im Osten abblasen musste. Seitdem hat sich im größten deutschen Industriebereich nichts verändert: In der westdeutschen Metallindustrie wird 35, im Osten unverändert 38 Stunden gearbeitet. Bei den Tarifeinkommen dagegen hat die Einheit geklappt: Der Ost-Metaller verdient so viel wie der West-Metaller. Nun versucht die IG BCE mit ihrem Fondsmodell zwei Ziele gleichzeitig zu erreichen: Die Arbeitszeit (virtuell) verkürzen und gleichzeitig den Beschäftigten mehr Wahlmöglichkeiten geben.

Konkret könnte das so funktionieren: Aus der 40- wird (formal) eine 39-Stunden-Woche. Die Leute arbeiten weiter 40 Stunden und im Gegenzug zahlen die Arbeitgeber den Gegenwert von einer Stunde (2,5 Prozent) in den Fonds. Später können dann mithilfe des Fondsvermögens die Arbeitszeiten für schwer belastete Gruppen wie Schichtarbeiter reduziert werden. Zum Beispiel sinkt dann die Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden, der Kollege bekommt aber so viel bezahlt, als habe er 35 Stunden gearbeitet.

„Wir müssen zu solchen Modellen kommen“, sagte Peter Hausmann, Verhandlungsführer der IB BCE, dem Tagesspiegel. Und die Arbeitgeber versprechen sich durch die „Arbeitszeit nach Wahl“ eine größere Arbeitsbereitschaft älterer Menschen. „Jeder, der länger bleibt, ist wertvoll.“ Weil es auch in der Chemie demografischen Wandel gibt.

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