Nach dem Putschversuch : Darf man in der Türkei jetzt noch Urlaub machen?

Die Veranstalter meinen ja, auch das Auswärtige Amt warnt nicht vor Reisen. Linken-Politikerin Dagdelen findet das „absurd“ - sie rät von Reisen in die Türkei ab. Nicht allein aus Sicherheitsgründen.

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Istanbul wird derzeit von Touristen gemieden. Bei vielen Veranstaltern können geplante Reisen kostenlos umgebucht oder storniert werden. Foto: AFP
Istanbul wird derzeit von Touristen gemieden. Bei vielen Veranstaltern können geplante Reisen kostenlos umgebucht oder storniert...Foto: AFP

Olaf Bartel ist ein treuer Kunde, seit 20 Jahren schon macht er Urlaub in der Türkei. Für diesen Spätsommer hat der 62-jährige Berliner gleich zwei Reisen hintereinander gebucht in die Küstenstadt Marmaris, vier Sterne, alles inklusive, für jeweils rund 500 Euro pro Person.

Doch am liebsten würde er jetzt gar nicht mehr fahren, vor allem, weil er jeweils in Istanbul umsteigen muss. „Nach dem Putschversuch und mit dem Ausnahmezustand habe ich ein mulmiges Gefühl“, erzählt Bartel dem Tagesspiegel. Ein mulmiges Gefühl allein reicht aber nicht, um eine Reise kostenlos stornieren oder umbuchen zu können.

Ob dies möglich ist, entscheiden allein die Reiseveranstalter. Sie orientieren sich dabei an den Reise- und Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes. Und das hat derzeit keine Warnung für die Türkei herausgegeben. Eine solche wird in der Regel nur ausgesprochen, wenn „aufgrund einer akuten Gefahr Leib und Leben konkret bedroht“ sind, heißt es auf der Seite des Amtes. Und das ist nach seiner Einschätzung in der Türkei derzeit nicht der Fall. Wer umbuchen will, muss das also auf eigene Kosten tun.

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen findet jedoch „inakzeptabel, dass das Auswärtige Amt nicht für die gesamte Türkei eine Reisewarnung herausgegeben hat.“ Sie würde „auch aus Sicherheitsgründen“ von Reisen in die Türkei abraten, sagte sie dem Tagesspiegel.

Bei L'tur ist Antalya das zweitbeliebteste Reiseziel

Vor allem in den Urlaubsregionen gebe es keinerlei Vorkommnisse, heißt es dagegen von Reiseveranstalter Tui. An dem Wochenende des Putschversuches habe Tui 18 000 Urlauber in der Türkei gehabt, gerade einmal 30 hätten vorzeitig abreisen wollen. Seitdem Präsident Recep Tayyip Erdogan den Ausnahmezustand verhängt habe, gebe es jedoch vermehrt Anrufe.

Umbuchen würden aber die wenigsten Kunden wollen, sagte eine Tui-Sprecherin. Das bestätigen auch die Reiseveranstalter L’tur und Thomas Cook. Antalya sei nach Mallorca sogar das zweitbeliebteste Reiseziel, sagte eine L’tur-Sprecherin. Für die Gäste in den Baderegionen gebe es „keine Einschränkungen“, deshalb „auch keine Wünsche, frühzeitig abzureisen“, erzählte ein Thomas-Cook-Sprecher. Eine andere Regelung gilt hingegen für Reisen nach Istanbul. Hier können Kunden von Tui und von Thomas Cook bis zum 31. Juli kostenlos stornieren oder umbuchen.

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Spezielle Regelung für Urlauber mit türkischem Pass

Bei Tui kommt eine spezielle Regelung für türkische Gäste und solche mit türkischem und deutschem Pass hinzu. Sie dürfen gebuchte Reisen zunächst mit Anreise bis zum 31. August kostenlos umbuchen oder stornieren. Damit reagiert der Reiseveranstalter auf den Sicherheitshinweis des Auswärtigen Amtes, dass es für Personen sowohl mit deutscher als auch mit türkischer Staatsangehörigkeit durch die Notstandsregelung Reisebeschränkungen bei der Ausreise geben könne. Zwar hätten deutsche Staatsangehörige Anspruch auf konsularischen Rat und Beistand. Der konsularische Schutz gegenüber hoheitlichen Maßnahmen der türkischen Regierung und der türkischen Behörden könne allerdings nicht gewährt werden, wenn der Betroffene auch türkischer Staatsbürger ist.

Turkish Airlines entlässt 211 Mitarbeiter

Sicherheit ist für viele Urlauber eine der entscheidenden Fragen bei der Reiseplanung. Hinzu kommt in der Türkei aber nun auch eine politische Dimension: Ist es weiterhin politisch korrekt, in die Türkei zu reisen, in der erst am Montag wieder Haftbefehle gegen 42 Journalisten erlassen und bei der staatlichen Turkish Airlines 211 Mitarbeiter wegen angeblicher Nähe zur Gülen-Bewegung entlassen worden sind? Oder unterstützen Urlauber mit einer Reise indirekt Erdogans Regime?

„Die Türkei ist auf dem Weg in eine islamistische Diktatur"

„Die Türkei ist auf dem Weg in eine islamistische Diktatur. Ich sehe nicht, dass dies den Tourismus fördern wird“, sagte die Linken-Bundestagsabgeordnete Dagdelen dem Tagesspiegel.

Jürgen Hardt, Mitglied des Bundestags und außenpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion verweist darauf, dass eine solche Abwägung „individuell zu treffen“ ist. Nicht in allen Ländern, in denen Kultur oder Natur zum Urlaub einladen, sei die politische und menschenrechtliche Lage zufriedenstellend. „Dies ist kein Alleinstellungsmerkmal der Türkei“, sagte Hardt. Dennoch würden häufig die Menschen vor Ort vom Tourismus profitieren, der für viele Menschen „die bedeutendste Einnahmequelle“ sei.

„Die Türkei weiß, wie sensibel Urlauber auf politische Unruhen reagieren“, sagte Hardt. Deshalb erwarte er, „dass die Türkei nicht nur im Interesse der vielen türkischen Gastgeber und Beschäftigten in der Tourismusbranche zu denjenigen rechtsstaatlichen Prinzipien zurückkehrt, zu denen sie sich durch die Ratifizierung der Europäischen Menschenrechtskonvention am 18. Mai 1954 verpflichtet hat.“

Tui verzeichnet 40 Prozent weniger Türkei-Buchungen

Wie sensibel die Urlauber tatsächlich reagieren, hat Tui bereits zu spüren bekommen. Die Türkei-Buchungen liegen bei minus 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, hatte Tui-Chef Fritz Joussen noch im Juni gesagt. Wie sich die aktuellen Unruhen auf Buchungen auswirken, dazu gibt es von Tui keine konkreten Zahlen. Derzeit befinden sich nach Angaben des Auswärtigen Amtes insgesamt etwa 200 000 deutsche Urlauber in dem Land.

Auch Olaf Bartel träumt weiterhin von seinem Türkei-Urlaub am Meer. Er hofft nun, dass er seinen Flug über Istanbul in einen Direktflug umwandeln kann. Dann würde sein „mulmiges Gefühl’“ schon etwas weniger werden.

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