Nach dem Putschversuch : Turkish Airlines steht vor schweren Zeiten

Jahrelang ging es für Turkish Airlines aufwärts - doch die jüngsten Unruhen könnten dem Wachstumskurs des Flugunternehmens ein jähes Ende setzen.

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Nach dem Putschversuch kommen schwere Zeiten auf Turkish Airlines zu.
Nach dem Putschversuch kommen schwere Zeiten auf Turkish Airlines zu.Foto: Reuters

Auf der internationalen Luftfahrtmesse im britischen Farnborough wurden Turkish Airlines gerade im sechsten Jahr in Folge als beste europäische Fluggesellschaft ausgezeichnet. Doch die Ereignisse in ihrer Heimat drohen den rasanten Aufschwung des halbstaatlichen Luftfahrtunternehmens, bisher das Synonym für eine moderne und weltoffene Türkei, zu bremsen.

Kotils Ziel: Die beste Airline der Welt zu erschaffen

Seit Jahren nehmen Turkish Airlines einen rapiden Aufschwung. Dabei galten türkische Fluggesellschaften vor nicht allzu langer Zeit noch als desolat und unsicher. Den Wandel hat das Unternehmen nicht zuletzt Temel Kotil zu verdanken, der 2005 den Chefposten übernahm und seitdem konsequent sein Ziel verfolgt, die beste Airline der Welt zu erschaffen. Waren zuvor vornehmlich die Luftverkehrsgesellschaften aus den eher fernen Golfstaaten die Angstgegner von Lufthansa & Co, sind die Türken längst dabei, den europäischen Konkurrenten bereits auf halber Strecke zu den Hubs in Dubai, Doha und Abu Dhabi einen ernsthaften Wettbewerber vor die Nase zu setzen. Auch via Istanbul geht es oft schneller und bequemer nach Asien, Afrika oder Australien als via Frankfurt, Wien oder Zürich.
Damit die Passagiere die türkische Metropole bevorzugen, hat sich Kotil viele Innovationen einfallen lassen. In Istanbul können die Reisenden je nach Anschlusszeit eine schnelle Stadtbesichtigung unternehmen oder, sofern sie die Business-Class gebucht haben, die Wartezeit in riesigen, luxuriösen Lounges mit eigenem Kino, Golfsimulator, Duschen und Massageangeboten verbringen.

Die Flotte wächst von 282 auf 329 Maschinen

So stieg die Zahl der Passagiere, die in Istanbul nur zwischenlanden, um in ein Drittland zu reisen, in der ersten Jahreshälfte um 18,5 Prozent auf 9,85 Millionen. Innerhalb der vergangenen zwölf Monate wuchs die Flugzeugflotte von 282 auf 329 Maschinen, kamen 14 Städte neu ins Streckennetz, das jetzt 290 Ziele in 166 Ländern umfasst. Im gesamten Jahr 2015 hatte man auf 453 000 Flügen gut 61,2 Millionen Reisende verzeichnet. Der Nettogewinn überstieg erstmals die Grenze von einer Milliarde Dollar. Turkish Airlines ist damit eine der profitabelsten Fluggesellschaften der Welt.

Aggressiv gibt sich die Fluggesellschaft auch auf dem deutschen Markt

Aggressiv gibt sich die Fluggesellschaft auch auf dem deutschen Markt und somit gegenüber der Lufthansa, obwohl sie deren Partner sowohl in der Star Alliance als auch bei der gemeinsamen Tochter Sun Express ist. In der Bundesrepublik werden nicht weniger als 14 Flughäfen angesteuert, von denen man Reisende in die Türkei befördert. Ein Drittel davon sind Umsteiger, die den mitteleuropäischen Hubs verloren gehen. So hat der Atatürk International Airport in Istanbul mit 61,8 Millionen Passagieren im vergangenen Jahr die Lufthansa-Homebase Frankfurt (61,0 Millionen) erstmals überrundet und vom elften auf den zwölften Platz der Flughafen-Weltrangliste verdrängt. In Europa ist man jetzt die Nummer 3 hinter London Heathrow und Paris Charles de Gaulle.

Die Hotels verzeichnen drastische Buchungsrückgänge

So platzen der Atatürk International Airport auf der europäischen und der Sabiha Gökcen International Airport auf der asiatischen Seite von Istanbul mit zusammen 90 Millionen Passagieren (2015) zuletzt aus allen Nähten. Deshalb hat rund 35 Kilometer nordwestlich der Bosporus-Metropole der Bau des größten europäischen Flughafens begonnen, der selbst die Mega-Hubs der Golfregion in den Schatten stellen soll.

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Doch jetzt müssen Turkish Airlines mit zunehmenden Schwierigkeiten kämpfen. Der Fremdenverkehr in der Tourismusmetropole Istanbul ist nach diversen Terroranschlägen weitgehend zum Erliegen gekommen. Selbst die Hotels in den bisher nicht betroffenen Touristenhochburgen an der Mittelmeerküste verzeichnen drastische Buchungsrückgänge. Am 28. Juni erreichte die Terrorwelle auch den Atatürk International Airport, wo 41 Tote und 239 Verletzte zu beklagen waren. Anders als in Brüssel ging man in der Türkei zwar bereits kurz nach dem Attentat wieder zum normalen Flugbetrieb über, doch dürften viele Passagiere abgesprungen sein. So waren die Fluggastzahlen im Juni um acht Prozent rückläufig.

Die USA untersagte alle Türkei-Flüge

Nur zweieinhalb Wochen später gingen beim gescheiterten Putschversuch Bilder von Panzern vor dem Flughafen um die Welt. Die USA untersagten für zwei Tage alle Türkei-Flüge. Zum zweiten Mal binnen kürzester Zeit musste Turkish Airlines ihren Kunden ein kostenloses Rücktrittsrecht einräumen. Die Verhängung des Notstandsrechts dürfte noch längerfristig für eine Verunsicherung der Fluggäste sorgen und den Aufschwung der Luftverkehrsgesellschaft bremsen.

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