Nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern : Bleiben jetzt die Urlauber weg?

"Reisewarnungen" nach AfD-Erfolg. Das Wahlergebnis verunsichert die Touristikbranche an der Ostsee. Ökonomen sehen auch bundesweite Probleme.

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Gestörte Idylle: Auf Usedom – hier Heringsdorf – wählten besonders viele Bürger fremdenfeindliche Parteien.
Gestörte Idylle: Auf Usedom – hier Heringsdorf – wählten besonders viele Bürger fremdenfeindliche Parteien.Foto: picture alliance / dpa

Der Erfolg der rechtspopulistischen AfD bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern bereitet führenden Ökonomen Sorgen. Eine Befürchtung: Die Partei und ihre Politik könnten Investoren aus dem Ausland abschrecken. In zwei Wochen entscheidet die Hauptstadt über die Zusammensetzung des Berliner Abgeordnetenhauses. Sollte die AfD auch hier stärker als erwartet abschneiden, wäre die Signalwirkung wohl noch größer.

"Reisewarnungen" im Netz

An der Ostseeküste fürchtet man um den Tourismus. So kursierten im Internet Boykottaufrufe und Listen mit „Reisewarnungen“ ergänzt um Tabellen, in denen die Zweitstimmenergebnisse von AfD und NPD addiert worden sind. Demnach erreichten die beiden Parteien in den Wahllokalen auf der Ferieninsel Usedom zusammen zwischen 32 und 52 Prozent der Zweitstimmen. Als Direktkandidaten des örtlichen Wahlkreises Vorpommern-Greifswald III schickten die Bürger mit dem Greifswalder Professor Ralph Weber einen Mann ins Schweriner Landesparlament, von dem die Chefin des lokalen Tourismusverbandes sagt, der Mann müsse erst noch begreifen, dass viele seiner Wähler ihre Arbeit im Tourismus hätten. „Ein Verlust an Gästen kann also auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben“, sagte Tourismuschefin Beate-Carola Johannsen dem Tagesspiegel. Eine touristische Kompetenz sehe sie bei dem AfD-Mann Weber nicht.

Erste Reaktionen von potenziellen Urlaubern zeigten bereits, dass das Wahlergebnis Konsequenzen haben wird. „Es wird eine wichtige Aufgabe für uns Touristiker sein, Imageschaden von der Insel, unserer Region und für das ganze Land Mecklenburg-Vorpommern abzuwenden“, meint Johannsen. In der Landeshauptstadt Schwerin sieht man das ähnlich: Der große Zuspruch für die AfD könnte nach Ansicht des Landestourismusverbands die Außenwerbung des Landes behindern. Dies sei in den Regionen, in denen sich das Land noch bekannter machen und die Menschen zu einem Aufenthalt in Mecklenburg-Vorpommern bewegen wolle, nicht förderlich. „Es ist eher ein hemmendes Element“, sagt der Sprecher des Verbands, Tobias Woitendorf.

173.000 Menschen leben vom Tourismus

Mit einem Bruttoumsatz von über 5,1 Milliarden Euro im Jahr und einem geschätzten Anteil von rund zehn Prozent am Primäreinkommen ist die Tourismuswirtschaft in dem Bundesland ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Rund 173 000 Personen bestreiten direkt und indirekt ihren Lebensunterhalt durch den Tourismus. Mit fast 18 000 Übernachtungen je 1000 Einwohner in 2014 verzeichnet der Nordosten die mit Abstand höchste Tourismusintensität bundesweit. Der Bundesdurchschnitt liegt bei rund 5000 Übernachtungen je 1000 Einwohner. Auch in Berlin zählt der Tourismus zu den wichtigsten Stützen der Wirtschaft.

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Ökonomen warnen vor Schaden

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, warnt die ostdeutschen Regionen vor einem Rechtsruck. Die wirtschaftlich schwächeren Gegenden bräuchten Investitionen von Unternehmen, die zunehmend auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen seien. Auch Clemens Fuest, Chef des Münchner Ifo-Instituts, ist besorgt. Der Wahlerfolg der AfD in Mecklenburg-Vorpommern richte wirtschaftlich gesehen zwar noch keinen großen Schaden an, weil die wirtschaftspolitischen Kompetenzen auf Landesebene begrenzt sind, sagte Fuest dem Tagesspiegel. Anders ist das aber, wenn die Wahlerfolge zunehmen und sich auch auf Bundesebene fortsetzen. „Sowohl links- als auch rechtsextreme Politiken sind schädlich für die wirtschaftliche Entwicklung.“

Ärger über geschlossene Kinderklinik

Nicht alle an der Küste glauben, dass der Erfolg der AfD dem Aufschwung nachhaltig schaden wird. Jürgen Mladek, Redaktionsleiter der Zeitung „Nordkurier“ im nahen Anklam, verweist auf den Erfolg der NPD bei der vergangenen Landtagswahl. „Auch damals gab es Boykottaufrufe und die Touristenzahlen sind dennoch jedes Jahr gestiegen.“ Mladek glaubt, dass vor allem regionale Entscheidungen der AfD geholfen haben. Als Beispiel nennt er das Schließen der Kinderstation in Wolgast und ein gescheitertes Volksbegehren zur regionalen Gerichtsreform.

Streit über Flüchtlingspolitik

Die deutsche Wirtschaft sieht dagegen vor allem die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung als Ursache für den Erfolg der AfD. „Wenn es die AfD in guten Zeiten auf zweistellige Wahlergebnisse schafft – was, wenn die Wirtschaft nicht mehr rund läuft?“, sagte der Präsident des Verbandes der Familienunternehmen, Lutz Goebel, der Nachrichtenagentur Reuters. Auch der BDI fordert Nachbesserungen bei der Flüchtlingsintegration. Lars Petersen (CDU), Bürgermeister der Usedom-Gemeinde Ostseebad Heringsdorf, ist dagegen ratlos. Flüchtlinge seien auf der Insel doch gar kein Thema, sagt Petersen. „Warum jemand, der vom Tourismus lebt, die AfD wählt, kann ich beim besten Willen nicht begreifen.“

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