Wirtschaft : Nachwuchs-Schmiede

Amazon, Google und Microsoft reißen sich um die IT-Absolventen der University of Washington in Seattle. Die Hochschule gehört zu den besten öffentlichen Universitäten weltweit.

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Spitzenplatz. Die Hochschule ist eine der größten und forschungsstärksten Universitäten der Vereinigten Staaten. Foto: picture alliance/All Canada Ph
Spitzenplatz. Die Hochschule ist eine der größten und forschungsstärksten Universitäten der Vereinigten Staaten. Foto: picture...Foto: picture alliance / All Canada Ph

Seattle – Verlässt man die alte Bibliothek der University of Washington im amerikanischen Seattle, geht die wenigen Stufen am Haupteingang hinunter und dreht sich dann nach links, sieht man meistens: nichts, außer einem Springbrunnen. Der 4000 Meter hohe Mount Rainier, der höchste Berg des Bundesstaates Washington – und sein Wahrzeichen – bleibt hinter einer Wand aus Wolken verborgen. Nur an den seltenen, ganz klaren Tagen des Jahres, wird er sichtbar.

Ähnlich unsichtbar wie dieser monumentale Vulkan war bislang die Universität, deren Campus rund um eine Panorama-Allee gebaut wurde, um die seltene Sicht auf diesen Mount Rainier freizugeben. Doch das ändert sich, jetzt wird deutlich, worauf die University of Washington (UW) jahrelang hingearbeitet hat: Die Internet- und Computer-Konzerne brauchen dringend gute Programmierer, um weiter wachsen zu können. Das Institut für Informatik in Seattle liefert sie ihnen.

Die Uni hat sich zu einer Pipeline für Silicon-Valley-Größen wie Apple, Facebook und Google entwickelt. Sie gehört zu den fünf Hochschulen, von denen Microsoft, Amazon und Google die meisten Absolventen einstellen. Allein 35 Prozent eines Jahrgangs gehen zu einem der drei Unternehmen. Darüber hinaus schafft es die größte Hochschule im Nordwesten der USA immer wieder, hervorragende Nachwuchsforscher anzulocken und sich selbst gegen Konkurrenten wie die Elite-Unis Stanford oder das Massachusetts Institute of Technology (MIT) durchzusetzen.

Das erstaunliche daran: Die UW, oder „Ju-dab“, wie sie genannt wird, ist eine der wenigen öffentlichen Hochschulen, die dabei gegen die privaten bestehen kann. Sie ist mit über 50 000 Studenten eine der größten und besten, weil forschungsstärksten, öffentlichen US-Universitäten. 1,5 Milliarden Dollar erhält die Uni pro Jahr für die Forschung, 73 Prozent davon zahlt die Bundesregierung. Die UW wird damit so stark vom Staat gefördert wie keine andere öffentliche US-Hochschule.

Mit 43 000 Angestellten ist die UW der drittgrößte Arbeitgeber des Staates Washington, nach Boeing und Microsoft. 2011 schaffte es die Uni auf Platz 16 der 500 besten der Welt im Ranking der Shanghai Jiao Tong University. Der U.S. News and World Report bezeichnete das Grundstudium an der UW als zehntbestes der öffentlichen Unis in den USA. Die Informatik-Absolventen erreichten sogar Platz 7.

Mit verantwortlich dafür ist Dieter Fox. „Wir arbeiten daran, unser Programm in die Top 5 zu pushen“, sagt er. Der Professor leitet das Intel Science and Technology Center, einen Forschungsverbund von sechs der besten Unis der USA, unter anderem Cornell aus New York und Stanford, das der Chiphersteller Intel mit 2,5 Millionen Dollar im Jahr sponsert. Fox hat sein Büro im sechsten Stock des Paul Allen Center für Informatik und Maschinenbau. Benannt ist das Institut nach seinem größten Spender – Allen gründete seinerzeit mit Bill Gates Microsoft.

Fox ist Experte für künstliche Intelligenz und Roboter. Vom Schreibtisch aus blickt er auf den Lake Washington und die Skyline von Seattle. „Wir wollen den Maschinen das Lernen beibringen“, sagt der Forscher, der in Jeans und Turnschuhen im Büro sitzt, auf einem Sessel, den Laptop auf den Knien. Seine Roboter sollen nicht nur ausführen, was Menschen programmiert haben, sondern selbst herausfinden können, wie etwas funktioniert – wie Kinder.

Die Kinder von Fox und ihrer Generation sind es auch, die bald davon profitieren werden, was sich in Seattle tut: Dem Arbeitsmarkt hier geht es dank der Uni und den großen Unternehmen gut. Laut Informatik-Professor Ed Lazowska betrug die Wachstumsrate am amerikanischen Jobmarkt zwischen 1999 und 2008 nur sechs Prozent. Hingegen verzeichneten die Informationstechnologie-Jobs einen Zuwachs von 26 Prozent, obwohl in diesem Zeitraum die Internetblase platzte. Bis 2018 prognostiziert Lazowska ein Wachstum von mehr als 20 Prozent. Der Bedarf für die Absolventen des von Fox geleiteten Instituts ist riesig.

Um diese auszubilden braucht die Uni die besten Dozenten und Professoren. „Gerade haben wir einige unglaublich gute Leute eingestellt, die konnten sich ihren Arbeitsplatz aussuchen“, sagt Fox und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er selbst hat sich die USA auch ausgesucht, Informatik hat er in Bonn studiert, wo er auch aufgewachsen ist. Die Entscheidung in den USA zu leben und zu arbeiten, hat auch mit dem Gehalt zu tun. Er verdient 173 000 Dollar (140 000 Euro) im Jahr. Zum Vergleich: Selbst die am besten bezahlten deutschen Kollegen mit einer W3-Professur kommen meist nicht einmal auf 100 000 Euro, inklusive aller Zulagen.

Daniela Witten ist 28 und Statistik-Professorin. Sie ist einer der Gründe, warum die University of Washington sich auch langfristig einen Namen machen wird.

Witten hatte die Idee, sich Algorithmen wie sie Google und Amazon verwenden zunutze zu machen, um damit DNA-Stränge zu untersuchen. Daniela Witten arbeitet mit gigantischen Datenmengen, seit es die technische Möglichkeit gibt, die Informationen aus dem Erbgut – den DNA-Strängen – auszulesen. Sie filtert mit ihren statistischen Modellen die Informationen heraus, die zum Beispiel für Krebs-Therapien interessant sein könnten: „Bisher hat man Brustkrebs bei zwei unterschiedlichen Patienten gleich behandelt. Aber mit der DNA können wir nun untersuchen, wem welche Therapie wirklich hilft“, sagt sie und spricht immer schneller, während sie die komplizierten Zusammenhänge der Mathematik und Biologie erläutert.

Sie hat beide Fächer in Stanford studiert und hätte sich danach aussuchen können, wo sie arbeitet. Die 28-Jährige entschied sich für Seattle, weil die Stadt auch für ihren Mann ein interessantes Umfeld bietet. Ari Steinberg hat hier das erste Facebook-Büro außerhalb des Silicon Valley eröffnet. Und konkurriert nun mit den Großunternehmen vor Ort um die UW-Absolventen. HB

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