Neue Arzneimittel : Umstrittener Mehrwert

Die Pharmahersteller kritisieren die Nutzenbewertung neuer Medikamente. Durch nicht aussagekräftige Studien verschwinde wichtige Arznei vom deutschen Markt.

von
Geforscht wird auch in Dresden. Nicht alle Arzneien des Pharmakonzerns Glaxo-Smith-Kline kommen auf den deutschen Markt.Foto: rtr Foto: picture-alliance/ dpa
Geforscht wird auch in Dresden. Nicht alle Arzneien des Pharmakonzerns Glaxo-Smith-Kline kommen auf den deutschen Markt.Foto: rtrFoto: picture-alliance/ dpa

Berlin - Der Verband forschender Arzneihersteller sieht seine Befürchtung bestätigt, dass die frühe Nutzenbewertung neuer Medikamente die Patientenversorgung verschlechtert. Die Prüfer beurteilten die Produkte nach Kriterien „fern von der Versorgungsrealität“, sagte Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer dem Tagesspiegel. Und aus der Sorge heraus, aufgrund dieser Bewertungen keine kostendeckenden Erstattungspreise mehr erzielen zu können, nähmen Hersteller wichtige Medikamente vom deutschen Markt. Für die Behauptung, durch das im Jahr 2010 eingeführte Verfahren „die Spreu vom Weizen trennen“ und überteuerte Scheininnovationen aussortieren zu können, gebe es dagegen keinen Beleg.

Die Krankenkassen wiesen die Kritik zurück. Es sei „nicht verwunderlich, dass die oberste Pharma-Lobbyistin versucht, die Neuregelung schlechtzureden“, sagte Spitzenverbands-Sprecher Florian Lanz. „Das neue Gesetz schaut aus der Patientenperspektive auf den zusätzlichen Nutzen eines Medikaments für kranke Menschen, die Pharmalobby dagegen schaut aus der Aktionärsperspektive auf die zusätzlichen Gewinne, die ein neues Medikament verspricht.“

Bisher wurden 26 neue Medikamente daraufhin bewertet, ob sie gegenüber bereits auf dem Markt befindlichen Produkten einen Zusatznutzen bringen. Nur 18 davon schnitten positiv ab. Allerdings sei für sechs der acht aussortierten Produkte der Zusatznutzen „noch gar nicht untersucht“, betonte Fischer. Die Negativbewertung sei „aus rein formalen Gründen und ohne inhaltliche Prüfung“ erfolgt, weil man sich nicht auf eine Vergleichstherapie habe einigen können.

Zuständig für die Tests ist das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Die Ergebnisse beeinflussen den Erstattungspreis, den die Kassen am Ende für die Mittel bezahlen. Im Zusammenhang damit wurden bereits vier neue Produkte vom deutschen Markt genommen: das Diabetes-Medikament Trajenta, das Epilepsie-Mittel Trobalt, der Blutdrucksenker Rasilamlo und das Mittel Xiapex gegen Sehnenverhärtung.

Wie zweifelhaft die Behauptung sei, dass es hierzulande gleichwertige Produkte gebe, zeige sich an Trobalt, sagt Fischer. Nachdem es negativ bewertet und vom Hersteller Glaxo-Smith-Kline vom Markt genommen wurde, hätten gleich zwei große Krankenkassen angekündigt, das Mittel bei Bedarf aus dem Ausland zu beschaffen – die AOK und die Techniker. Trobalt sei seit Monaten auf dem Markt, rechtfertigt Lanz dieses Vorgehen. Um Patienten die Umstellung zu erleichtern, werde es teilweise noch weiter bezahlt. „Dass die Pharmalobby aus diesem Entgegenkommen der Kassen einen Beleg für Mängel an dem Gesetz konstruiert, geht meilenweit an der Realität vorbei.“

Doch Fischer hat noch ein zweites Beispiel in petto. Auch zu dem ebenfalls vom Markt genommenen Pfizer-Medikament Xiapex gebe es keine Arznei-Alternative. Patienten bleibe nur die Operation. Lanz bestätigt dies, sieht aber darin kein Problem. Er vermute, „dass viele Menschen eine bewährte Operation einem nicht bewährten Arzneimittel vorziehen würden“, sagt er . Entscheidend müsse „die Qualität der Therapie sein und nicht die Frage, welche Methode gewählt wird“.

Doch Fischer bezweifelt, dass Qualität mit dem neuen Verfahren wirklich zu ermitteln ist. Es handle sich dabei um „nur eine Notlösung“, sagt sie. Die Nutzenbewertung fuße lediglich auf der Basis erster Studien und Prognosen. Das sei „so aussagekräftig wie die Zehn-Kilometer-Zwischenzeit beim Marathon“. Jeder wisse, dass sich ein wesentlicher Teil des Nutzens von Arzneimitteln erst mittelfristig erweise. „Grault man aber neue Medikamente früh aus dem Markt, wird man diesen Nutzen niemals sehen können.“

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben