Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer im Interview : "Der Einsatz von Antibiotika ist gesunken"

Niedersachsens Landwirtschaftsminister über Fortschritte beim Tierwohl und Versäumnisse des Bundes.

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„Dem Schnitzel sieht man nicht an, wie das Schwein gehalten wurde“, sagt Landwirtschaftsminister Meyer.
„Dem Schnitzel sieht man nicht an, wie das Schwein gehalten wurde“, sagt Landwirtschaftsminister Meyer.Foto: dpa

Herr Meyer, was gab es bei Ihnen Weihnachten zu essen?

Heiligabend lasse ich es immer eher bescheiden angehen. Nach dem Kirchgang gab es einen Gemüseauflauf, an den Tagen danach bin ich mit Freunden und Familie essen gegangen.

Sind Sie Vegetarier?

Nein, aber ich esse sehr wenig Fleisch. Und wenn, dann vorwiegend bio oder aus tiergerechter Haltung wie Neuland.

Sie sind seit fast drei Jahren Agrarminister in Niedersachsen. Das Land steht wie kaum ein anderes für industrielle Massenproduktion. Ist Ihnen während Ihrer Amtszeit der Appetit vergangen?

Schon vorher. Vor allem, was ich bei Hühnern und Puten zu sehen bekommen habe, ist oft nicht tiergerecht. Es gibt ja nicht die Idylle, die in der Werbung beschworen wird – etwa das Huhn, das vor dem Fachwerkhaus Körner pickt. Die Realität sind Großanlagen mit 80 000 Tieren. Jedes zweite Huhn, jede zweite Pute und jedes dritte Schwein kommen aus Niedersachsen. Wenn wir deren Haltungsbedingungen verbessern, hat das Wirkung.

Und: Wie groß ist die Wirkung?

Bei den Legehennen ist der Anteil der Freilandhaltung in den vergangenen zwei Jahren um 20 Prozent gewachsen. Wir haben jetzt doppelt so viele Hennen im Freiland wie in der auslaufenden Käfighaltung.

Was können Sie tun, um die Haltungsbedingungen der Tiere zu verbessern?

Den noch von der Vorgängerregierung stammenden Tierschutzplan setzen wir konsequent Schritt für Schritt um.

Was sieht der vor?

Seit 2014 ist es in Niedersachsen zum Beispiel verboten, die Schnäbel von Enten zu kürzen, Ende 2016 wird das auch für Legehennen nicht mehr erlaubt sein. In zahlreichen Pilotprojekten in Niedersachsen werden aber schon jetzt hunderte Landwirte belohnt, wenn sie ihren Hennen nicht mehr die Schnäbel kürzen oder ihren Schweinen die Ringelschwänze abschneiden. Auf den Eierpackungen der Unternehmen, die mitmachen, steht das dann auch drauf. Solch ein Engagement von Landwirten muss honoriert werden. Deshalb sind Eier drei Cent teurer, für den Verbraucher sind das im Durchschnitt jedoch gerade einmal 6,50 Euro im Jahr. Das muss uns Tierschutz wert sein. Der Handel wird den Verzicht auf das Schnäbelkürzen ebenfalls zur Pflicht machen – auch für Lieferanten aus dem Ausland – und nur noch Eier von Hennen mit intakten Schnäbeln verkaufen.

Was bekommt der Bauer, wenn er den Schweineschwanz in Ruhe lässt?

Der Landwirt erhält 16,50 Euro pro intaktem Ringelschwanz. Das ist der Ausgleich dafür, dass er zum Beispiel Spielzeug kauft, damit sich die Schweine nicht gegenseitig die Schwänze abbeißen. Zudem müssen alle Schweinehalter und Ferkelzüchter eine Schulung machen. Das Geld fließt nur, wenn die Schwänze intakt sind, und das wird zu 100 Prozent kontrolliert.

Die Bauern haben jahrelang gesagt, sie müssten die Schwänze abschneiden, weil die Tiere sich sonst gegenseitig massakrieren. Stimmt das nicht?

Nein. Man muss die Ställe den Tieren anpassen und nicht anders herum. Natürlich geht das. Die Biolandwirtschaft macht es vor. Ich war dieses Jahr in Norwegen. Dort werden seit vielen Jahren die Schweineschwänze nicht mehr kupiert. Trotzdem kommt es nur in ein bis zwei Prozent der Fälle zum Schwanzbeißen. Und: Das Kupieren der Schwänze ist EU-weit ja längst verboten. Deutschland hat das Verbot aber noch nicht umgesetzt. Bundesagrarminister Christian Schmidt macht nichts und dreht Däumchen, obwohl sein eigener wissenschaftlicher Beirat eine auf Niedersachsens Tierschutzplan aufbauende Tierschutzwende empfiehlt.

Woher soll der Kunde wissen, ob die Tiere vernünftig gehalten werden?

Das weiß er nicht. Wir brauchen daher ein bundesweit einheitliches und einfaches Tierschutzsiegel. Bisher ist die Kennzeichnung sehr undurchsichtig. Der Bauernverband macht zwar mit dem Handel eine Tierwohlinitiative, aber dem konkreten Schnitzel sieht man nicht an, wie das Schwein gehalten worden ist. Bei der Tierschutzkennzeichnung könnte man sich an der Kennzeichnung von Eiern orientieren. Seitdem die Unternehmen angeben müssen, ob ein Ei aus Bio-, Freiland- oder Bodenhaltung stammt, ist der Anteil von Bio und Freiland mächtig gestiegen. Handelt es sich aber um verarbeitete Produkte, etwa Kuchen oder Nudeln, werden oft Käfigeier aus dem Ausland verwendet. Wir brauchen auch bei verarbeiteten Produkten eine Kennzeichnung. Da sind wir uns mit der Geflügelwirtschaft einig.

Und was sagt Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt dazu?

Der weigert sich, solche Pflichtkennzeichnungen durchzusetzen. Der Bund setzt auf freiwillige Unverbindlichkeit.

Die Bauern arbeiten an ihrem Image. Zeigt die jahrelange Kritik jetzt Wirkung?

Ja. Die Bauern sind weiter als der Bundeslandwirtschaftsminister. Die Landwirte wollen mehr Tierschutz, aber sie erwarten dafür – ich sage: zu Recht – einen finanziellen Ausgleich. Für die Initiative Tierwohl, die der Bauernverband mit dem Handel vereinbart hat, haben sich mehr Bauern beworben, als Geld im Topf ist. Das zeigt die hohe Bereitschaft unserer Landwirte für mehr Tierschutzleistungen. Die Hälfte der Landwirte ist jedoch leer ausgegangen. Es wäre daher gut, wenn der Handel seine Zahlungen aufstocken würde.

Foto: picture alliance / dpa

Sollte man die Agrarförderung an das Tierwohl knüpfen?

Ja, unbedingt. Ich schlage schon seit Langem vor, dass 15 Prozent der EU-Agrargelder zusätzlich für Umwelt- und Tierschutzleistungen von Landwirten vergeben werden. Bislang sind nur 4,5 Prozent umgeschichtet. Das wären rund 800 Millionen Euro, mit denen wir die Bauern unterstützen könnten, ihre Tiere besser zu halten. Und die Landwirte machen gerne mit. Unsere Entenhalter wollen zum Beispiel bis Ende nächsten Jahres freiwillig ihre Ställe so umbauen, dass die Tiere baden können. Mit dem Bauernverband haben wir vereinbart, dass Milch von Weidekühen, die draußen sind und nicht im Stall stehen, besser gefördert werden soll. Mit den Schlachtbetrieben und dem Bauernverband hat das Ministerium überdies verbindlich geregelt, dass keine hochträchtigen Kühe mehr geschlachtet werden dürfen. Solche unethischen Praktiken sind nämlich leider erlaubt, die Föten sind nicht geschützt. Das zeigt: Landwirtschaft und Handel sind bereit für die Wende, nur der Bund ist es nicht. Wir brauchen verbindliche Gesetze – bei Tierwohl, Düngeverordnung oder Antibiotikareduzierung. Aber Minister Schmidt sitzt alles aus.

Der Einsatz von Antibiotika geht in der Landwirtschaft aber doch zurück.

In Niedersachsen wird immer noch jede sechste Pute täglich mit Antibiotika behandelt. Dieser Anteil ist viel zu hoch. Aber es stimmt, die Zahlen gehen erfreulicherweise zurück. Im ersten Halbjahr ist der gesamte Antibiotikaeinsatz in Niedersachsen um 20 bis 30 Prozent gesunken. Das liegt vor allem daran, dass die Landwirte auf prophylaktische Anwendungen verzichten. Und die Haltungsbedingungen sind besser geworden. Wir wollen den Antibiotikaeinsatz in Niedersachsen in fünf Jahren um 50 Prozent reduzieren. Ich glaube, das schaffen wir. Was mir große Sorge bereitet: Die Gesamtmenge der verkauften Antibiotika ist zurückgegangen, aber der Absatz von Reserveantibiotika ist gestiegen.

Also die Stoffe, die für den Menschen reserviert sind.

Genau. Der Absatz von Fluorchinolonen ist um 50 Prozent gestiegen. In Europa und China gibt es eine neue Resistenz gegen das Antibiotikum Colistin, das bisher als letztes Mittel für den Menschen galt, wenn andere Mittel nicht mehr helfen. Es wird in großen Mengen in der Geflügel- und Schweinehaltung eingesetzt. Jetzt gibt es dagegen eine gefährliche Resistenz, so dass es für die Humanmedizin unbrauchbar wurde. Jedes Jahr sterben rund 15 000 Menschen an antibiotikaresistenten Keimen. Die industrielle Massentierhaltung hat hieran einen Anteil. Die Agrarminister der Länder haben deshalb den Bund aufgefordert, eine Liste mit Reserveantibiotika vorzulegen, die in der Tierhaltung gar nicht mehr oder nur noch mit hohen Auflagen verwendet werden dürfen.

Mitte Januar beginnt in Berlin die Grüne Woche. Wo findet man Sie dort? In der Halle des Bauernverbands oder auf der Protestdemo der Agrarkritiker?

Ich werden viele Termine wahrnehmen. Dialog heißt für mich: Ich bin für alle Seiten offen und weiche auch einem Konflikt nicht aus. Daher werde ich sowohl in als auch vor den Hallen zu finden sein. Die Niedersachsen-Halle mit ihren Ständen gehört natürlich zum Pflichtprogramm. Außerdem werde ich mit Milchbauern sprechen und nehme an einer Tagung zu Antibiotika teil. Und ich werde mit den anderen grünen Agrarministern, vielen Landwirten und Tierschützern an der Demonstration für die notwendige Agrarwende teilnehmen.