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Nord Stream : Ostseepipeline längst in Betrieb, Gerhard Schröder kassiert weiter

Seit gut zwei Jahren strömt russisches Gas durch die Ostseepipeline nach Deutschland. Es gibt kaum etwas zu tun. Daher baut der Betreiber Nord Stream nun zwei Drittel der Stellen ab. Der Aufsichtsratschef Gerhard Schröder aber ist noch da - für viel Geld.

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Deutsch-russische Freundschaft: Gerhard Schröder begleitet das Projekt Ostseepipeline seit seiner Zeit als Bundeskanzler.
Deutsch-russische Freundschaft: Gerhard Schröder begleitet das Projekt Ostseepipeline seit seiner Zeit als Bundeskanzler.Foto: dpa

Berlin - Altbundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) dürfte bald einer der am großzügigsten bezahlten Aufsichtsratschefs Europas sein – zumindest wenn man sein Honorar ins Verhältnis zur Mitarbeiterzahl des Unternehmens setzt, dessen Geschäfte er kontrollieren soll: die Nord Stream AG, dem Betreiberkonsortium der Ostseepipeline.

Die Gasleitung zwischen dem russischen Wyborg und Lubmin bei Greifswald in Vorpommern ist seit gut zwei Jahren ohne nennenswerte Vorfälle in Betrieb, daher baut das Unternehmen mit Sitz im Schweizer Steuersparkanton Zug nun drastisch Personal ab: von einst 170 und derzeit noch 132 Mitarbeitern sollen am Ende des Jahres nur noch 50 in Zug bleiben, sagte Nord-Stream-Sprecher Ulrich Lissek auf Anfrage. Ein Stellenabbau in diesem Umfang sei im internationalen Pipelinegeschäft überhaupt nicht ungewöhnlich, es handele sich um ausgewiesene Spezialisten, die für wenige Jahre beschäftigt würden und dann beim nächsten Projekt anheuerten. „Unbefristete Verträge gibt es bei uns nicht“, erklärt Lissek.

Das gilt für das Unternehmen selbst, offenbar aber nicht für das Kontrollgremium der Nord Stream AG, den Aktionärsausschuss, wie man in der Schweiz sagt, also den Aufsichtsrat. Dessen Vorsitzender Schröder ist unbefristet berufen, wie sein Berliner Büroleiter Albrecht Funk mitteilt.

Schröder hatte den Job 2006 übernommen – wenige Monate nachdem er als Bundeskanzler mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin die Absichtserklärung zum Bau der Pipeline unterzeichnet hatte. Seither leitet er die Sitzungen des etwa vier Mal im Jahr tagenden Gremiums. Die finden in der Regel am Flughafen in Zürich statt. Schröder habe Probleme, die zwischen den Vertretern der Anteilseigner Gazprom, Wintershall, Eon, Gasunie und GDF Suez aufgekommen seien, „extrem gut gemanagt“, berichtet Lissek. „Wir wären ohne ihn an vielen Punkten heute nicht da, wo wir sind.“

Für seine Tätigkeit erhält der Altkanzler eine Vergütung in Höhe von 250 000 Euro pro Jahr, wie sein Büro mitteilt. Damit liegt Schröder unter dem Durchschnitt der Aufsichtsratsvorsitzenden der im Leitindex Dax gelisteten 30 Großkonzerne. Die lassen sich ihre Tätigkeit im Schnitt mit gut 303 000 Euro vergüten, wie aus einer Übersicht der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) für das Jahr 2012 hervorgeht. Die Spanne reicht von gut 79 000 Euro für Rolf Krebs, den Chefkontrolleur des Darmstädter Chemiekonzerns Merck, bis hin zu VW-Patriarch Ferdinand Piëch, der 1,1 Millionen Euro erhielt.

Allerdings kontrollieren diese Herren das Geschäft von Konzernen mit jeweils vielen tausend Mitarbeitern weltweit. Teilt man ihre Höhe der Vergütung durch die Zahl der Angestellten, erhält Krebs bei Merck 2,08 Euro pro Kopf. Milliardär Piëch scheint mit 1,92 Euro Aufsichtshonorar je VW-Mitarbeiter regelrecht bescheiden. Gerhard Schröder erhält, sofern er bis Jahresende das Nord-Stream- Mandat behält, 5000 Euro pro Jahr und Kopf. Er und die anderen zehn Mitglieder des Aktionärsausschusses kontrollieren künftig 50 Mitarbeiter: Buchhalter, die transportierte Gasmengen abrechnen, einige Ingenieure, die die Leitwarte steuern, und zudem ein paar Umweltspezialisten, die die Auswirkungen der Pipeline auf Flora und Fauna der Ostsee überwachen und protokollieren. Das war’s.

Schröder gibt in der Regel „Rechtsanwalt“ als Tätigkeit an und bezieht als Kanzler a.D. noch eine Pension in Höhe von 7750 Euro im Monat. Es heißt, er sei als Lobbyist und Berater unter anderem für Auftraggeber aus China, Libyen und der Schweiz tätig. Schröder habe außer dem bei Nord Stream kein weiteres Aufsichtsratsmandat, teilt sein Büroleiter Funk mit. Und offenbar kann auch Nord- Stream-Mehrheitsaktionär Gazprom, Russlands größter Konzern mit knapp 450 000 Mitarbeitern, den Altkanzler mit keiner neuen anspruchsvolleren Aufgabe locken. „Herr Schröder ist als Vorsitzender des Aktionärsausschusses der Nord Stream AG an keinen weiteren Aufgaben in Unternehmen der Anteilseigner der Nord Stream AG interessiert“, erklärt Funk dieser Zeitung.

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