Öko-Baumwolle : Alles bio oder was?

Handelsketten wie C&A und H&M verkaufen immer mehr Textilien aus Öko-Baumwolle. Doch ein einheitliches Gütesiegel fehlt.

Evelyn Steinbach

Die Textilbranche setzt auf Biobaumwolle. Der weltweite Jahresumsatz mit Biotextilien hat sich von 2006 bis heute beinahe vervierfacht auf geschätzte vier Milliarden Dollar. Die Produktion ist binnen vier Jahren von 20 000 auf 178 000 Tonnen gestiegen.

Daran haben auch die großen Textilketten mitgewirkt. H&M startete 2004 mit fünf Tonnen Biobaumwolle. 2009 waren es schon 8500 Tonnen, die zu ökologischer Kleidung verarbeitet wurden. Konkurrent C&A hat sich inzwischen sogar weltweit an die Spitze der Einzelhändler gesetzt, die Textilien aus nachhaltig angebauter Baumwolle vertreiben. Wie das Unternehmen am Freitag mitteilte, hat C&A im vergangenen Jahr 18 Millionen Teile aus Biobaumwolle verkauft, für 2010 sind rund 23 Millionen Textilien geplant. „Wir möchten zu den führenden Abnehmern von Biobaumwolle gehören“, sagt Sprecher Thorsten Rolfes.

Die Zahlen versprechen schnelles Wachstum, täuschen aber darüber hinweg, dass selbst dann nur zehn Prozent der C&A-Baumwollkollektion aus zertifizierter Biobaumwolle stammen werden. „Der Handel hat ein Problem“, meint Steffi Ober, Referentin vom Naturschutzbund Nabu. „Er kann der Biobaumwolle nicht all seine Aufmerksamkeit widmen. Sonst fragen die Kunden, was mit der konventionellen Ware nicht stimmt.“

Ökologische und fair gehandelte Kleidung war lange Zeit ein Nischenprodukt aus dem Eine-Welt-Laden: Schlabberhosen und Natursocken für die alternative Szene. Doch plötzlich begannen sich auch ganz normale Käufer dafür zu interessieren, woher ihre Garderobe kommt. Kaufhäuser, Modeketten und Internetgeschäfte reagierten und nahmen schicke Kleidungsstücke aus Biofasern in ihr Sortiment auf. Das Versandhaus Otto war eines der ersten, das sich mit ethischem Konsum beschäftigte. Es folgten H&M, C&A, Aldi, Tchibo, Adler und viele andere Händler.

Genaue Zahlen, wie hoch der Anteil von Biomode hierzulande ist, gibt es nicht. Produktmanagerin Nurcan Alinc vom Verband Transfair schätzt, dass 15 bis 20 Prozent der fair gehandelten Textilien auf dem deutschen Markt aus Biobaumwolle sind. Die Organisation unterstützt Bauern in Afrika, Asien und Lateinamerika, einen gerechten Preis für ihre Erzeugnisse zu erhalten.

„Wer Biotextilien kaufen möchte, sollte das im Geschäft signalisieren“, rät Monika Büning vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Momentan sind es vor allem Frauen, höher Gebildete sowie 28- bis 47-Jährige, die den nachhaltigen Konsum vorantreiben. Das geht aus einer von Otto initiierten Studie des Hamburger Trendbüros hervor. Die Ökobewussten wollen keine Kleidung mehr kaufen, die aus genmanipulierten Fasern stammt, Pestizide enthält und von Kindern gefertigt wurde. Die Wirtschaftskrise hat daran nichts geändert – im Gegenteil. „Die Krise hat das Verlangen nach Fair play enorm gesteigert“, sagt Zukunftsforscher Peter Wippermann vom Trendbüro.

Nach Erfahrungen der Agrarexperten der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit ist der Bio-Anbau kaum teurer als konventionelle Methoden. Die Bioware müsse aber in großen Mengen produziert und besser vermarktet werden, heißt es. Zurzeit bringt sie den Händlern nicht mehr Umsatz als andere Textilien. Dafür aber den Bauern in Entwicklungsländern einen besseren Preis auf dem Weltmarkt. C&A verkauft seine Biojeans für 29 Euro. „Wir haben uns bewusst entschieden, den höheren Rohstoffpreis nicht an unsere Kunden weiterzugeben“, betont Rolfes. Auch bei anderen Händlern sind Biofasern nicht grundsätzlich teurer. „Ein Bio-T-Shirt kostet zwischen 3,99 und 73,99 Euro, ähnlich wie herkömmliche T-Shirts“, berichtet Heike Scheurer vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft.

Ein herkömmliches T-Shirt aus Baumwolle ist mit rund 150 Gramm Pestiziden belastet und fliegt einmal um die halbe Welt, bevor es im Geschäft landet. Die Fasern des T-Shirts stammen aus der Malvenpflanze und verbrauchen 2000 Liter Wasser. Bei einer Jeans sind es rund 8000 Liter. Normale Niederschläge reichen nicht aus, um die Felder zu bewässern. Die Bauern benötigen künstliche Bewässerungsanlagen. Die Malvenpflanze wird vorwiegend als Monokultur angebaut. Von 23 Millionen Tonnen jährlicher Baumwollernte stammen 13 Millionen aus gentechnisch verändertem Saatgut. Das liegt daran, dass das Saatgut in Entwicklungsländern als besonders effektiv beworben wird. Monsanto und andere Gentechnik-Firmen versprechen den Bauern schnelle Ernten und hohe Renditen. Was kurzfristig gelingt, zerstört langfristig die Böden und macht die Bauern abhängig von teurem Saatgut und chemischen Düngern. Biobaumwolle dagegen arbeitet mit Fruchtfolgen. Auf demselben Feld werden zwischen zwei Baumwollsaaten Obst oder Gemüse angebaut. Für Schädlinge sind Fangpflanzen vorgesehen, damit die Malven verschont bleiben. Verwendet wird nur organischer Dünger.

Das Problem: Menschen, die Biotextilien kaufen wollen, können sich bisher nicht auf ein einheitliches verbindliches Gütesiegel verlassen. Der Internationale Verband der Naturtextilwirtschaft vergibt das Siegel „Global Organic Textil Standard“. Um das zu erhalten, muss das Textil aus mindestens 90 Prozent Naturfasern bestehen. Für alle an der Produktionskette beteiligten Arbeitskräfte gelten soziale Standards. Auch Transfair garantiert mit dem „Fairtrade“-Siegel, dass die zertifizierten Produkte nicht durch Ausbeutung entstanden sind. Allerdings besteht nur die Hälfte der angebotenen Fairtrade-Kleidung aus Biofasern. Der Rest stammt aus konventionellen, genfreien Hochkulturen.

Etwa 20 Gütesiegel für Textilien dürften auf dem deutschen Markt sein. Einige sind Eigenkreationen von Herstellern und Händlern. 100 Prozent Bioqualität verbirgt sich nur hinter wenigen Kennzeichen. Eines davon ist das Emblem „Naturtextil zertifiziert Best“. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen würde die Siegelflut gern vereinheitlichen und liebäugelt mit einem alten Bekannten – dem „Blauen Engel“.

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