Ökonom Günter Faltin : „Stationärer Handel ist nicht zeitgemäß“

Der Professor für Entrepreneurship über Innovation, Arbeitsplätze und Erfolgschancen im Online-Handel.

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Der Ökonom Günter Faltin (68) ist Professor für Entrepreneurship an der FU Berlin. Er selbst ist Gründer der Teekampagne und investiert in junge Unternehmen.
Der Ökonom Günter Faltin (68) ist Professor für Entrepreneurship an der FU Berlin. Er selbst ist Gründer der Teekampagne und...Foto: Thilo Rückeis

Herr Faltin, Online-Shops wie Zalando finden immer mehr Anklang. Doch bringen sie auch der Gesellschaft mehr Wohlfahrt?

Sie fragen im Grunde, ob sich Innovation lohnt. Der Ökonom Josef Schumpeter definierte Innovation als kreative Zerstörung. Für den Einzelhandel hat die Online-Konkurrenz negative Folgen, für die Gesellschaft aber kann es ein technischer Fortschritt sein, der zu mehr Effizienz und Produktivität führt.

Sie definieren den Online-Handel per se als Innovation?

Ja, der stationäre Handel mit dem Verkauf über Geschäfte ist einfach zu teuer geworden und nicht mehr zeitgemäß. Zwischen den Herstellungskosten eines Produkts und dem, was der Verbraucher zahlt, entsteht eine immer größere, unakzeptable Differenz – trotz Rationalisierung vieler Prozesse. Das spüren die Kunden und weichen zu günstigeren Online-Shops aus. So führt das Netz zu sinkenden Preisen, und das ist ein Wohlstandsgewinn für Kunden.

Warum wird der Einzelhandel teurer?

Wer einen Laden hat, ist mit steigenden Mieten, Energiekosten und Löhnen konfrontiert. Online lässt sich dagegen eine unbegrenzte Menge an Informationen zu minimalen Kosten bereitstellen.

Aber im Internet kann ich nichts berühren. Bestelle ich viele Sachen zum Vergleich, ist das unökologisch.

Nur wenn der einzelne 50 Teile ordert und 49 zurückschickt. Wenn man aber das Bestellen – und das ist ein Trend – zu einem geselligen Anlass mit Freunden macht und eine Sammelbestellung aufgibt, kann das sogar ökologischer sein als der konventionelle Einzelhandel.

Online-Händler wie Zalando schaffen viele Jobs, doch oft sind sie auch prekär.

Romantisieren Sie nicht die Arbeitsplätze im Einzelhandel! Die Leute müssen den ganzen Tag stehen, Regale füllen, kassieren.

Hat ein junger Online-Shop bessere Chancen als ein Gründer, der einen kleinen Laden aufmacht?

Ich meine ja. Ich rate Gründern, sehr vorsichtig zu sein, ein Geschäft zu eröffnen. Viele gehen nach sechs Monaten pleite.

Wird der Einzelhandel aus dem Stadtbild verschwinden?

Wir werden städtische Räume anders nutzen. Statt Läden könnten wir mehr Wohnungen bereitstellen oder über mehr Kitas nachdenken. Langfristig werden nur zehn Prozent der heutigen Einzelhandelsflächen überleben.

Kann man denn alles im Netz verkaufen?

Nicht alles. Die Leute kaufen auf dem Wochenmarkt, obwohl Aldi daneben billiger anbietet – weil der Markt einen Unterhaltungswert bietet. Wir werden das meiste künftig in Online-Warenhäusern kaufen, aber besondere Einkaufsformen wie für regionale Produkte wird es immer geben.

Das Gespräch führte Jahel Mielke.

Der Ökonom Günter Faltin (68) ist Professor für Entrepreneurship an der FU Berlin. Er selbst ist Gründer der Teekampagne und investiert in junge Unternehmen.

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