Ökonomie des Teilens : Mitfahren, Mitwohnen, Mitnutzen

Das Web erleichtert es, Dinge zu teilen. Neue Geschäftsmodelle setzen sich durch. Doch ein Jobwunder ist nicht in Sicht.

Christoph Stehr
Nur wenige Klicks entfernt. Ein Ferienhaus mit einer Boeing 727 im Nationalpark Manuel Antionio in Costa Rica. Foto: Airbnb/promo
Nur wenige Klicks entfernt. Ein Ferienhaus mit einer Boeing 727 im Nationalpark Manuel Antionio in Costa Rica. Foto: Airbnb/promo

Christina bietet eine „Wohnung mit Kamin in San Francisco für 460 Euro pro Woche“. Del hat über seiner Surfschule am Strand von Onjuku in Japan ein Studio frei, ab 88 Euro pro Nacht. Wer mit den Bewertungen anderer Gäste auf dem Portal Airbnb zufrieden ist, schickt eine Anfrage, die Vermieter entscheiden, für wen sie das Bett beziehen. Auch sie sehen Bewertungen und ob ein potenzieller Mieter heimlich den Kühlschrank plündert.

Aus der 2008 von Joe Gebbia, Brian Chesky und Nathan Blecharczyk gegründeten Internetplattform Airbnb.com ist eine der weltweit größten Onlinevermittlungen für Privatzimmer und -wohnungen geworden. In mehr als 26 000 Städten und 192 Ländern werden darüber Übernachtungsmöglichkeiten angeboten, vom Feldbett in der Garage bis zum Schloss mit Park.

Damit gehört Airbnb zu den Wegbereitern der sogenannten „Sharing Economy“ – von Marketingstrategen zum englischen Kunstwort „Shareconomy“ verkürzt. Sie ist nicht weniger als der Wandel der Wirtschaft vom Haben zum Teilen. Die Branche ist jung, geprägt von Unternehmen, die meist noch keine fünf Jahre alt sind und Mitarbeiter suchen, die den Start-up-Gedanken mit dem des Teilens verinnerlicht haben. Aber auch Konzerne haben das Geschäftsfeld entdeckt. Ein neues Jobwunder birgt die Wirtschaft des Teilens aber nicht.

Geteiltes Gut ist doppeltes Gut. Das gilt für Wohnungen wie für Autos oder Software. Vor allem die Computerbranche wittert im Teilen von Netz- und Speichertechnik bis hin zu Software das nächste große Geschäft. „Die Grenzen zwischen Unternehmen und Organisationen werden immer durchlässiger“, sagt Frank Pörschmann, Vorstand der Deutschen Messe Hannover, auf der gerade zahlreiche Aussteller ihre Lösungen für Shareconomy präsentiert haben. „Dazu müssen auch Mitarbeiter und Manager umdenken und bereit sein, Wissen, Kontakte und Ressourcen zu teilen.“ Blogs, Wikis oder Online-Abstimmungen verändern die Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen in Unternehmen.

Harald Heinrichs, Professor für Nachhaltigkeitspolitik an der Universität Lüneburg sieht ein „signifikantes Potenzial für die Ökonomie des Teilens“. Das bewiesen neue Geschäftsmodelle wie das von Airbnb, aber auch die seit kurzem entstehenden Bürgergenossenschaften in der Energieversorgung sowie gemeinnützige Initiativen wie Leihbörsen oder Tauschringe. „Die sozialen Medien sind zweifelsohne ein wesentlicher Treiber“, sagt er. Aber auch die Finanz- und Wirtschaftskrise habe zum Umdenken geführt. Jeder zweite Deutsche hat laut einer Studie schon einmal Erfahrungen mit der Wirtschaft des Teilens gemacht. Zu den Pionieren der Sharing Economy in Deutschland gehören die Anbieter von Mitfahr- und Mitwohnzentralen. Sie entstanden, als noch niemand an Nachhaltigkeit dachte, sondern daran, wie er möglichst viel aus einem schmalen, oft studentischen Geldbeutel herausholt. Eine Massenbewegung ist daraus nicht geworden. „Die Nutzerzahlen, beispielsweise im Carsharing, bleiben nach wie vor weit hinter den Prognosen der letzten Jahre zurück“, sagt Gerd Scholl vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung in Berlin. Trotzdem spricht er von einem „realen und relevanten Wandel in den Konsummustern, allerdings derzeit noch auf Nischen beschränkt.“

Ob daran neue Anbieter wie Carzapp etwas ändern, bleibt abzuwarten. Das gerade mit einem Innovationspreis ausgezeichnete Start-up betreibt eine private Carsharing-Plattform, auf der jeder sein Auto an andere Teilnehmer vermieten kann – ohne Verabredungen zur Schlüsselübergabe. Dank einer kleinen Box im Auto können zahlende Nutzer den Wagen mit ihrem Smartphone öffnen. Acht Mitarbeiter beschäftigen die beiden Gründer aktuell, fünf weitere werden sie in diesem Jahr wohl noch einstellen.

Ob aus diesem Segment einmal ein Gigant von der Größe Facebooks heranwächst? Derzeit sieht es nicht danach aus, auch wenn sich die Anbieter optimistisch geben. „Die Shareconomy hat eine große Zukunft, verfolgt sie doch einen nachhaltigen wirtschaftlichen Ansatz“, sagt Homecompany-Geschäftsführer Holger Bockholt. Der Verband der Mitwohnzentralen, den er führt und der Agenturen in Europa und den USA betreibt, hat in Deutschland nach eigenen Angaben 150 Mitarbeiter. Darunter sind viele Immobilienmanager, aber auch Leute aus der Hotellerie.

Konkurrent Airbnb hat weltweit eine dreistellige Mitarbeiterzahl und sich nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr verzehnfacht, verrät aber für Deutschland keine Details. Und beim Gehalt lassen sich Start-ups generell nicht gern in die Karten schauen. "Es gibt weltweit nur ein paar Start-ups, die eine ganze Branche, vielleicht sogar die Gesellschaft dauerhaft verändern“, sagt Eugen Miropolski, Regional Director Europa bei Airbnb. Zur Start-up-Kultur passt das niedrige Durchschnittsalter der Mitarbeiter, typisch ist die hohe Identifikation zwischen Mitarbeitern und Firma, der „Culture Fit“, wie es Miropolski nennt: „Jedes Teammitglied muss zu uns passen und die Ideen der Shareconomy im Generellen sowie von Airbnb im Speziellen sehr leidenschaftlich vertreten.“

Auch in etablierten Unternehmen kann man sich dem Prinzip des Teilens widmen, etwa bei großen IT- und Beratungshäusern wie Siemens Enterprise Communications, Datev oder IBM. Das Forschungs- und Entwicklungszentrum von IBM in Böblingen, in dem 2000 Informatiker, Elektroingenieure und Physiker arbeiten, befasst sich intensiv damit, wie Software, Rechenleistung oder Speicherkapazität nicht mehr auf Servern in den Unternehmen, sondern bei einem Dienstleister in der sogenannten Wolke abgerufen werden – Cloud-Computing nennt sich das.

Aus den Kinderschuhen heraus sind auch einige IT-Unternehmen, die sich auf Konzepte des Teilens spezialisiert und eine beachtliche Marktstellung erreicht haben – und allein deshalb interessant für Bewerber sind. Dazu gehört zum Beispiel Salesforce.com, ein 1999 gegründeter US-Anbieter von Cloud-Computing für Geschäftsanwendungen, etwa in Marketing und Vertrieb. Das Unternehmen hat weltweit 8 700 Mitarbeiter und plant mittelfristig 750 Neueinstellungen in Europa. Den Titel „Innovativstes Unternehmen der Welt“ holte Salesforce.com 2012 zum zweiten Mal in Folge.

Dass die Wirtschaft des Teilens die „erste Wirtschaft“ gefährden und sogar viele Arbeitsplätze kosten könnte, gilt unter Experten als unwahrscheinlich. „Die Shareconomy wird eine Rationalisierung mit sich bringen, aber in der Summe keine Arbeitsplätze vernichten, denn es werden auch neue Geschäftsmodelle geschaffen“, sagt Christoph Lütge, Professor für Wirtschaftsethik an der TU München. Viele davon ließen sich aber nicht sofort verwirklichen, weil sie technische Innovationen voraussetzten. Merke: Teilen braucht Zeit. (HB)

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