Ohne Krawatte und Kostüm : Die neue Kleiderordnung der Top-Manager

Nicht nur bei Hitze im Büro: Immer mehr Top-Manager zeigen bei ihren Outfits neue Lässigkeit – dahinter steckt Kalkül.

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Von gestern. Wie man eine Krawatte mit dem einfachen Windsor-Knoten bindet, kann man sich auf dem Smartphone erklären lassen. Gebraucht wird er immer seltener.
Von gestern. Wie man eine Krawatte mit dem einfachen Windsor-Knoten bindet, kann man sich auf dem Smartphone erklären lassen....Foto: IMAGO

Bei 35 Grad Raumtemperatur kann es eng werden am Hals. Krawatte lockern? Oder gleich ablegen? Hemd aufknöpfen? Aber wie weit?

Im Hochsommer fragt sich mancher Büroangestellte, wie sich Dresscode und Jahreszeit in Einklang bringen lassen. Das muss jedoch nicht sein, wenn der Arbeitgeber umdenkt. Mehr und mehr Unternehmen, die bislang strenge Regeln für standesgemäße Outfits ihres Personals hatten, lockern ihre Kleiderordnungen – nicht nur bei 35 Grad im Schatten.

In einigen, früher reichlich zugeknöpften Branchen fallen auch Top-Manager mit neuen, lässigen Styles auf. Hinter dem Stilbruch steckt Kalkül, denn die Unternehmen stoßen in neue Geschäftsfelder vor, in denen sich die Umgangsformen ändern – zum Beispiel die Autoindustrie. Statt einer streng gebundenen Krawatte präsentiert Daimler-Chef Dieter Zetsche gerne eine Reihe blauer Knöpfe auf weißem Hemd. Der 63-Jährige ist fast nur noch ohne Binder anzutreffen – zuletzt in Berlin bei einer Konferenz, wo er in Jeans, gestreiftem Hemd und Turnschuhen mit Uber-Chef Travis Kalanick plauderte.

Die Klamotten des Chefs sind Programm. Von einer Richtlinie ist bei Daimler zwar nicht die Rede. „Hier ist selbstständiges Denken und Handeln gefragt“, sagt ein Sprecher. Doch es fällt auf, dass Zetsche und andere Manager immer dann die Krawatte lockern, wenn sie mit Start-ups, Silicon-Valley-Größen oder IT-Nerds zusammenkommen.

Auch Lässigkeit muss inszeniert werden

Anbiederung oder neue Lässigkeit? „Auch Lässigkeit muss inszeniert und gekonnt sein“, sagt die Frankfurter Managementberaterin Sabina Wachtel. „Das beherrscht niemand einfach so.“ Dafür gibt es Dresscode-Profis, die Top-Managern sagen, was geht – und was nicht. „Zetsches Turnschuhe markieren die Grenze“, glaubt Wachtel. Es könne aber durchaus sein, dass das Kalkül aufgehe und sein Auftreten positiv auf die Marke Mercedes abstrahle. „Der Chef schafft damit Wert. Kompetenz braucht Sichtbarkeit“, erklärt die Style-Beraterin. Outfit und Kleidung transportierten immer auch „verschlüsselte Botschaften“.

Ganz auf Kleidungsstandards kann natürlich auch Daimler nicht verzichten. In den Niederlassungen, die im direkten Kontakt mit Kunden stehen, seien die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auch an warmen Tagen im Anzug beziehungsweise Kostüm anzutreffen. Bei Volkswagen vollzieht sich der Wandel langsamer – aber auch hier ist er sichtbar. Als VW-Chef Matthias Müller kürzlich in Berlin die Kooperation des Konzerns mit dem Mitfahrdienst Gett präsentierte (im Anzug mit Krawatte), fiel ein Mitarbeiter optisch aus der Reihe: VW-Digitalchef Johann Jungwirth. Nach acht Jahren Silicon Valley habe er sich nach der Rückkehr nur schwer mit formellen Vorgaben wie Krawatte und Anzug anfreunden können, sagte Jungwirth der dpa. „Im Valley ist das deutlich lockerer – und hier in Wolfsburg eben noch nicht üblich.“ In den ersten Monaten habe er Rücksicht genommen. „Einfach, um nicht anzuecken und nicht von inhaltlichen Themen abzulenken.“ Inzwischen habe er aber Krawatte und Sakko wieder abgelegt.

Der Dresscode-Knigge ist kompliziert

Smart Casual, Smart Business oder Business Smart? Der Bekleidungs-Knigge macht die Orientierung nicht leicht. Gut, wenn Chef oder Chefin vorangehen. Werde etwa bei einer Führungskräfteveranstaltung der Dresscode „Business Casual“ vorgegeben, sei es wichtig, „dass auch der Boss den Dresscode beherrscht und eben nicht in Anzug und Krawatte erscheint“, empfiehlt Wachtel. „Oftmals lauert auch hier die Gefahr im Detail.“

Erfahrungen, die man beim Autozulieferer Bosch schon früh gesammelt hat. Die „No Tie“-Politik wird hier bis hinauf zum Vorstandsvorsitzenden praktiziert – „individuell und situationsabhängig“, wie ein Sprecher sagt. „Es geht um ein anderes Mindset, bei uns zieht ein Start-up-Spirit ein.“ In der Zentrale spreche sich das langsamer herum als an den Produktionsstandorten. „Aber wenn der Geschäftsführer den Schlips mal weglässt, gibt es schnell viele Nachahmer.“

Auch in der neuen Siemens-Zentrale in München fällt mancher Mitarbeiter mit Krawatte inzwischen auf, wie Personalvorstand Janina Kugel kürzlich in einem Interview sagte. „Kommt ein Minister zu Besuch?“ Auch im Technologiekonzern mit weltweit 350 000 Mitarbeitern lockern sich Outfits und Sitten. „Es entsteht definitiv eine Duzkultur“, ohne Direktive von oben, sagte Kugel.

Bei Air Berlin wollte es der Vorstand nicht dem Zufall überlassen, wie die Mitarbeiter im Hochsommer aussehen. In einem internen Schreiben definierte der Chef Stefan Pichler präzise „Dos“ und „Don’ts“ für den Büroalltag – vom Spaghettiträger bis zu den Flip-Flops. „Kleidung ist nonverbale Kommunikation“, führte der Air-Berlin-Chef aus, „und hat etwas mit gegenseitigem Respekt zu tun.“

Selbst bei den traditionell gediegen gekleideten Bankern kommt Bewegung in den Kleiderschrank. „Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen, dass von ihnen ein ihrem jeweiligen Tätigkeitsfeld entsprechendes professionelles und geschäftsmäßiges Auftreten erwartet wird“, sagt ein Sprecher der Deutschen Bank. Die Beschäftigten verfügten über ein „gutes Gespür, welche Erwartung unsere Kunden haben“. Diese Erwartungen können freilich auch mal Richtung T- Shirt und Jeans gehen – etwa, wenn ein Berliner Start- up-Unternehmer einen Kredit bekommen will. „Dann sieht das wieder ganz anders aus.“

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