Wirtschaft : Ohne Patentrezept

Bayer droht im lukrativen Geschäft mit Verhütungsmitteln ein Umsatzeinbruch – die Aktie gibt nach

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Milliardengeschäft. Noch verdient Bayer gut an seinen Verhütungspillen. Doch nun droht auch in Europa Konkurrenz von Herstellern günstigerer Nachahmerpräparate. Foto: p-a/dpa
Milliardengeschäft. Noch verdient Bayer gut an seinen Verhütungspillen. Doch nun droht auch in Europa Konkurrenz von Herstellern...Foto: picture-alliance/ dpa

Berlin - Der Pharma- und Chemiekonzern Bayer muss auch in Europa mit mehr Wettbewerb im Geschäft mit Verhütungsmitteln und deshalb mit sinkenden Umsätzen rechnen. Das Europäische Patentamt hat den Schutz für die umsatzstarken Bayer-Antibabypillen Yaz, Yasminelle und Yasmin aufgehoben. Nun können wie in den USA auch in Europa Hersteller von billigeren Nachahmerpräparaten die Pillen produzieren und Bayer Umsätze wegnehmen. Für die Aktionäre war es keine gute Nachricht: Die Aktie des Konzerns ging am Montag auf Talfahrt und verlor im Dax 2,3 Prozent.

Noch 2006 hatte das Europäische Patentamt den Patentschutz für die Bayer-Pillen bestätigt, der Konzern war davon ausgegangen, dass er bis 2020 weiterläuft. Der Generikahersteller Hexal, der zum Schweizer Pharmakonzern Novartis gehört, legte jedoch Beschwerde ein – und bekam nun recht. Ob Bayer jetzt selbst rechtliche Schritte gegen die Aufhebung des Patentschutzes einlegt, ist noch offen. Vorher wolle das Unternehmen „zunächst die Entscheidungsgründe der Behörde prüfen“, hieß es in der Mittelung des Konzerns. Analysten der Unicredit sind skeptisch: „Wir glauben nicht, dass Bayer in der Lage sein wird, bei dieser Entscheidung in die Berufung zu gehen“, erklärten die Experten.

Die Pillen der Yaz-Gruppe gehören zu den umsatzstärksten Mitteln des Konzerns. 2010 erlöste Bayer 1,1 Milliarden Euro mit Yasmin, Yaz und Yasminelle. Allerdings waren die Umsätze in den vergangenen Jahren bereits geschrumpft – in erster Linie wegen der Konkurrenz durch Nachahmerpräparate in den USA. Der israelische Generikahersteller Teva hatte dort – ebenfalls nach einem Rechtsstreit mit Bayer – ein billigeres Nachahmerpräparat der Yaz auf den Markt gebracht.

Außerdem macht dem Konzern die Diskussion um ein möglicherweise erhöhtes Thrombose-Risiko bei diesen Pillen mit dem Wirkstoff Drospirenon zu schaffen. In den USA sind deshalb bereits mehrere tausend Klagen anhängig. Für 2011 rechneten Analysten der LBBW schon vor der Entscheidung des Patentamtes mit weiter sinkenden Erlösen bei der Yaz-Gruppe auf deutlich unter eine Milliarde Euro.

Nun könnte es noch weniger werden. Die Analysten von Jeffries gehen davon aus, dass Bayer mit den drei Antibabypillen der Gruppe 2010 in Europa Umsätze von rund 400 Millionen Euro erwirtschaftet hat. „Wir erwarten nun eine anhaltende Erosion der Umsätze im EU-Geschäft“, erklärten sie. Analysten der DZ Bank rechnen mit Umsatzeinbußen von 50 Prozent innerhalb eines Jahres durch den Wettbewerb. „Das ist eine schlechte Nachricht für Bayer, aber sie wird den Konzern nicht aus der Bahn werfen“, sagte LBBW-Analyst Karl-Heinz Scheunemann. Die Gesundheitssparte sei produktmäßig breit aufgestellt.

Der Bayer-Konzern, der die Antibabypillen seit der Übernahme des Berliner Pharmaunternehmens Schering 2006 vermarktet, zeigte sich aber optimistisch. Man sei zuversichtlich, die „europäische Führungsposition im Bereich Frauengesundheit beizubehalten“, teilte der Konzern mit und verwies auf neue Produkte, die bereits in der späten Entwicklungsphase seien – darunter ein Verhütungspflaster.

Ob die Entscheidung auch Einfluss auf den Berliner Standort hat, kommentierte Bayer am Montag nicht: „Zur Marktentwicklung können wir noch nichts sagen, und wir wollen auch nicht spekulieren“, sagte eine Sprecherin der Berliner Tochter Bayer Health Care Pharmaceuticals. In der Hauptstadt, in der 5000 Mitarbeiter für den Konzern tätig sind, werden die Antibabypillen verpackt und in mehr als 100 Länder weltweit verschickt.

Unterdessen hat Bayer im Konflikt um den Abbau von Arbeitsplätzen Zugeständnisse gemacht. Vorstand und Gesamtbetriebsrat hätten sich darauf verständigt, die bis Ende 2012 in Deutschland geltende Vereinbarung zur Beschäftigungssicherung bis Ende 2015 verlängern zu wollen – um Planungssicherheit für die Mitarbeiter zu schaffen, teilte Bayer mit. Sie schließt betriebsbedingte Kündigungen aus. Bis Ende 2012 will der Konzern deutschlandweit 1700 Stellen abbauen, unter anderem durch Fluktuation oder Aufhebungsverträge. 700 Stellen sollen in der Sparte Health Care wegfallen, zu der auch die Berliner Pharmatochter gehört. Wie viele Stellen in der Hauptstadt abgebaut werden, ist offen. mit rtr

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