Ost-Ausschuss der Wirtschaft : Eon-Chef wirft Russland-Kritikern "Selbstgerechtigkeit" vor

Deutsche Unternehmen, die in Osteuropa aktiv sind, monieren sich verschlechternde Beziehungen zu Russland. Die Ergebnisse einer entsprechenden Umfrage nutzt Eon-Chef Johannes Teyssen zu einer Abrechnung.

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Die Ost-Ausschuss-Vorsitzenden Eckhard Cordes (Ex-Metro-Chef) und Johannes Teyssen (Eon-Chef) am Donnerstag, den 11. Juli 2013, bei einer Pressekonferenz in Berlin.
Die Ost-Ausschuss-Vorsitzenden Eckhard Cordes (Ex-Metro-Chef) und Johannes Teyssen (Eon-Chef) am Donnerstag, den 11. Juli 2013,...Foto: Kevin P. Hoffmann

Viele im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft organisierte Firmen registrieren eine deutliche Abkühlung bei den Beziehungen zu den wichtigsten Ländern Osteuropas. Der Verband, der sich nun schon seit 61 Jahren in der Region des ehemaligen Ostblocks engagiert, präsentierte am Donnerstag in Berlin Ergebnisse einer Umfrage unter 40 Unternehmen, die zusammen rund 200 Milliarden Euro jährlich zwischen Polen und Zentralasien umsetzen. Ein Ergebnis: Eine Mehrheit von 54 Prozent glaubt, dass sich das Verhältnis zur wichtigsten Volkswirtschaft Russland im vergangenen Jahr verschlechtert hat. Nur zehn Prozent sehen Verbesserungen. Für die Ukraine sind die Einschätzungen noch pessimistischer (siehe Grafik).

Eon-Chef Johannes Teyssen, stellvertretender Vorsitzender des Ost-Ausschusses nutzte die Vorstellung der Ergebnisse für ein leidenschaftliches Plädoyer. Er appellierte an Politik, Medien und die Bürger insgesamt, mehr Verständnis für die russische Gesellschaft und ihre Traumata aufzubringen. Er erinnerte an 50 Millionen Tote im Krieg und danach. „Da kann ich mich nur wundern, mit welcher Selbstgerechtigkeit manche Deutsche Russland kritisieren, obwohl unsere Gesellschaft nach dem Krieg erst einmal Wirtschaftswunder gefeiert hat, ohne die eigene Geschichte aufzuarbeiten“, sagte Teyssen. Man müsse die langfristigen Entwicklungen sehen. „Heute ist alles, aber auch wirklich alles in Russland besser als im Jahr 1919.“

Grafik: Pieper-Meyer

Er kritisierte, dass Themen wie Beutekunst oder die jüngsten russischen Beschlüsse zur Aktivität ausländischer Stiftungen, die wirklich großen Themen überlagern würde. Teyssen sagte, es sei legitim und richtig solche Punkte anzusprechen. "Dass so etwas wie Pussy Riot alles andere verdrängt, ist vielleicht ein Phänomen der Social Media". Deren Verbreitung ließen kaum Platz für ausgeschlafene Debatten, argumentierte er.

Teyssen sprach sich für ein "Back to the roots" aus, um die Beziehungen mit dem Osten zu verbessern: "Wir brauchen wieder mehr Jugendaustausch, müssen einfach mal drei Wochen lang hinfahren, nicht nur nach Moskau." So könne beidseitiges Verständnis entstehen.

Eckhard Cordes, der ehemalige Metro-Chef und heutige Vorsitzende des Ost-Ausschusses, sagte, dass die Gründe für die Eintrübung nicht zuletzt in Russland selbst zu finden seien. „Russland ist unter Präsident Wladimir Putin in manchen Punkten vom Modernisierungskurs seines Vorgängers Dmitri Medwedew abgerückt.“ Gleichwohl wünsche sich die Wirtschaft von der künftigen Bundesregierung eine Russland-Strategie, die das Land enger an die EU bindet als bisher. Cordes warb für Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen und – wie jedes Jahr wieder – die Abschaffung der Visa-Pflicht auf beiden Seiten. Touristische EU-Länder wie Spanien unterstützen die Forderung, die Bundesregierung sperrt sich dagegen. Cordes kritisierte indirekt die Ostpolitik der aktuellen Koalition: „Früher sagte man ’Wandel durch Annäherung’ oder ’Wandel durch Handel’. ’Wandel durch Konfrontation’ funktioniert in der Regel nicht“, sagte er.

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