Oxfam-Studie : Nahrungsmittel-Wetten bringen Finanzkonzernen 116 Millionen Euro

Allianz verdient prächtig an Nahrungsmittelfonds, behaupten Menschenrechtler. Doch auch andere deutsche Finanzinstitute machen Geld, indem sie auf die Preisentwicklung von Mais oder Weizen spekulieren.

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Im Münchener Olympia-Park haben sich Oxfam-Aktivisten postiert, um anlässlich der Allianz-Hauptversammlung gegen Nahrungsmittelspekulation zu demonstrieren.
Im Münchener Olympia-Park haben sich Oxfam-Aktivisten postiert, um anlässlich der Allianz-Hauptversammlung gegen...Foto: dpa

Las Vegas in München: Vor der Olympiahalle, in der die Allianz an diesem Dienstag ihre Hauptversammlung abhält, steht ein Roulette. „Casino Allianz“ heißt die Installation, mit der die Menschenrechtsorganisation Oxfam gegen Nahrungsmittelspekulationen protestieren will. Ihr größter Gegner: die Allianz.

Von allen deutschen Finanzkonzernen, die Nahrungsmittelfonds anbieten, haben die Münchner am meisten verdient, heißt es in einer neuen, am Dienstag vorgestellten Studie von Oxfam. Mindestens 62 Millionen Euro soll die Allianz im vergangenen Jahr allein an Gebühren für die Verwaltung der Fonds eingenommen haben, hat David Hachfeld, Autor der Studie, ausgerechnet. Insgesamt hätten deutsche Finanzinstitute mindestens 116 Millionen Euro mit den Gebühren der Anleger eingestrichen, auf Platz zwei – so Oxfam – liegt die Deutsche Bank mit mindestens 40,84 Millionen Euro.

Insgesamt legten die Kunden deutscher Geldhäuser im vergangenen Jahr rund 11,6 Milliarden Euro an, um auf die Preisentwicklung von Agrarrohstoffen wie Mais oder Weizen zu wetten. Die Anlage ist umstritten: Kritiker wie Oxfam werfen den Nahrungsmittelspekulanten vor, dass sie die Preissprünge auf den Nahrungsmittelmärkten verschärfen und damit die Not in den Entwicklungsländern verstärken.

Die Menschen dort würden 80 Prozent ihres Einkommens für Essen aufwenden, betont Hachfeld, steigende Preise würden daher schnell zu einer lebensbedrohlichen Katastrophe. Sinkende Preise würden im Gegenzug die Kleinbauern in den Ruin treiben.

Eine Studie der Universität Halle kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis. Ein Team unter Leitung des Wirtschaftsethik-Professor Ingo Pies hat 35 Studien und Veröffentlichungen ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass die Spekulation mit Lebensmitteln keinesfalls Teufelszeug ist. Vielmehr diene die Liquidität, die die Spekulanten in den Markt bringen, den Bauern zur Absicherung ihrer Ernten, betont Pies.

Von Organisationen wie Oxfam und Foodwatch, aber auch vom Chef-Ökonomen der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung, Heiner Flassbeck, bekam der Profesor aus Halle umgehend eine Breitseite. Sie verweisen darauf, dass Pies nur ganz bestimmte Studien ausgewertet und wichtige Untersuchungen, die die Schädlichkeit von Spekulation belegen, ausgeblendet habe.

Die Politik schlägt sich auf die Seite der Kritiker. Die Bauern müssten zwar weiter in der Lage sein, sich gegen Risiken abzusichern, sagte Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) vor wenigen Tagen im Tagesspiegel-Interview. An den Warenterminbörsen dürfe es aber nicht zu Verzerrungen durch eine übermäßige Spekulation kommen. Deshalb will die EU mit Positionslimits dem Agieren von Finanzinvestoren Grenzen setzen.

In Deutschland sind das vor allem die Allianz und die Deutsche Bank. Während sich die Commerzbank, die Landesbank Baden-Württemberg, die Deka und die Landesbank Berlin aus dem Geschäft zurückgezogen haben, hat die Deutsche Bank ihr Engagement noch ausgeweitet. Die größte deutsche Bank hat nach Oxfam-Informationen im vergangenen Jahr fünf neue Fonds aufgelegt und verwaltet jetzt ein Anlagevermögen von 3,79 Milliarden Euro, nur bezogen auf den Agraranteil.

Vor allem durch die Fonds ihrer Investmentgesellschaft Pimco kommt die Allianz jedoch noch auf weit größere Summen. Sie führt nach Oxfam-Recherchen mit einem Anlagekapital von 6,7 Milliarden Euro die Liste an. Sehr zum Ärger der Bundesagrarministerin.

„Reis und Weizen gehören nicht ins Casino“, sagte Aigner dem Tagesspiegel. „Mit der Existenzgrundlage von Milliarden Menschen spekuliert man nicht!“ Die Investoren wollen das nicht auf sich sitzen lassen. Sie machen die wachsende Weltbevölkerung und die steigende Nachfrage nach Energiepflanzen für die immer wieder einsetzenden Preisschübe verantwortlich. Zudem bräuchten Erzeuger die Terminmärkte, um ihre Preise langfristig abzusichern. Und auch die Anleger verlangten nach solchen Investments, um ihr Portfolio breiter aufstellen zu können, heißt es.

Doch nicht immer tragen die Spekulationen auch wirklich Früchte. Weizen, Mais, Kakao und andere Rohstoffe sind derzeit um eineiniges von ihren Höchstpreisen entfernt.

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