Wirtschaft : Peter Röske

Geb. 1940

Kerstin Decker

Er war Galerist und Liebender. Also war er sein bester Kunde. Er sah nicht aus wie ein Galerist. Nichts an ihm war geschmeidig. Außerdem ist es mutig, in Berlin sächsisch zu sprechen. Oder eben die Sprache, die nach dem Sächsisch kommt. Seine Galerie lag dort, wo kein Mensch eine Galerie vermutet. In der Gabelsberger Straße, Friedrichshain, im Exil. Aber er beherrschte eine seltsame Kunst: Man kam aus seinen Ausstellungen mit einem unbestimmten Gefühl des Bedauerns, wieder viel zu viele Bilder dagelassen zu haben. Am liebsten hätte man sie alle gekauft. Das passierte eigentlich nur bei Peter Röske, dem Chemiker auf Abwegen.

Er studierte Chemie in Merseburg. Vielleicht, weil in der Chemie die Zukunft lag. Als Peter Röske jung war, glaubte das gerade jeder, der etwas vom Fortschritt verstand. Er dachte viel über Plaste und Elaste sowie deren Beschichtung nach. Halle-Neustadt, Buna, Leuna – das war seine Welt. Manchmal dachte er: Soll das jetzt alles gewesen sein? Nichts als Benzole?

Einmal kauften er und seine Frau ein Bild von einem Hallenser Künstler. Darauf war ein Inder, der sah ziemlich unterernährt aus. Oder er war ein Fakir. Jedenfalls fanden Peter Röske und seine Frau den spindeldürren Inder sehr exotisch. Indien – das war doch der Beweis, dass es auf der Welt noch etwas anderes geben muss als Leuna und Buna und die Benzole.

Peter Röske, der Galerist, hat später nie mehr über das Bild vom unterernährten Inder gesprochen. Es war ihm peinlich. Denn es war durchdringend konventionell. Peter Röske ahnte, dass die Beschaffenheit der Kunst ganz anders sein muss als die der Plaste und Elaste. Nicht eins hart (Plaste), das andere weich (Elaste), sondern weichhart. Beides zugleich. Vielleicht ist die Kunst nur eine unendlich gehärtete Weichheit. Und Beschichtung ist ganz und gar der falsche Ansatz in der Kunst.

Es gab noch eine Gegenwelt zu Buna und Leuna. Das war Berlin. Der Sachse Peter Röske hatte eine sehr feste Vorstellung von der Stadt: Berlin, das waren seine Theater. Ein Kollege ging nach Berlin. Peter Röske verstand es als Augenblick der Entscheidung. Er ging mit.

Chemie existierte auch hier, vor allem indirekt. Jetzt war er Mitarbeiter im Ministerium. Hauptsächlich wurde Peter Röske aber Besucher des Köpenicker Pädagogenclubs. Denn hier gab es Ausstellungen, Lesungen und einen Kunstprofessor, dem das in die chemische Industrie fehlgeleitete Talent auffiel.

Es gibt Menschen, die fragt man, und sie wissen nie etwas. Und es gibt solche wie Röske. Einen, der immer mehr weiß, als man gefragt hatte. Einen, der immer etwas findet, das keiner gesucht hat, aber unbedingt hätte suchen sollen. Das erfuhren viele, zuletzt auch Inge Jens mit der Thomas-Mann-Werkausgabe. – Er hat da irgend etwas gefunden, sagt seine Frau.

Vorerst machte er bei dem Professor Grafikmappen. Die erste enthielt zehn Radierungen von Hans Vent. Und irgendwann dachte er: Du müsstest eine eigene Galerie haben! Es war nicht einfach, das zu denken. Denn es gab gar keine privaten Galerien in der DDR. Oder sagen wir: Es gab sie nur als absolute Ausnahme.

Eine Ausnahme fand regelmäßig im November statt. Das war der Berliner Grafikmarkt, und Peter Röske war dabei. Zuerst im Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, dann im Johannes-R.-Becher-Club. Richtige Kunstauktionen in der DDR. Peter Röske spürte einen nie gekannten Enthusiasmus, den er mit allen, Künstlern und Käufern, zu teilen schien. So lebte also ein Galerist.

Es war klar, er brauchte eine eigene Galerie. Er hatte einen Mitchemiker, der dachte genauso. Sie würden es zusammen beginnen. Wenn ich meine Galerie habe, schmeiße ich alles hin, sagte Peter Röske sich oft. Im Januar 1990 kam die Gewerbeerlaubnis. Nicht nur er, das ganze Land schmiss gerade alles hin. Und fing neu an.

Zwei entlaufene Chemiker eröffnen eine Galerie, Brunnenstraße, Hinterhof, eine Treppe. Keiner, der draußen vorbeiläuft, sieht etwas. Und trotzdem, es läuft. Alles scheint wahr zu werden. Das Leben als einziger großer Grafikmarkt für immer. Dann trennen sich die beiden Ex-Chemiker, auch weil man in dem neuen Land etwas tun muss, wozu einen in der DDR keiner zwang: Prioritäten setzen. Sie setzten sie, jeder andere.

Natürlich hat das Galeristen-Dasein auch prosaische Seiten: 666 Einladungen schreiben, 666 Briefumschläge beschriften. In den Urlaub fuhr er nicht mehr, denn er war der Meinung, eine Galerie müsse offen sein. Er hatte sich davon überzeugt, dass die Welt hinter den Grenzen der Ex-DDR tatsächlich weiterging. Das genügte, er war zufrieden. Seine Künstler, von Nuria Quevedo über Horst Hussel, Wolfgang Leber bis zu Hans Vent waren auch zufrieden. Es waren meist Maler, die schon in der DDR gemalt hatten, die kannte er am längsten. Die liebte er am längsten. Röske war, was jeder gute Galerist sein muss: zuerst ein Liebender. Seine Frau kleidet diese Tatsache in einen leisen Tadel: Er war sein bester Kunde.

Die Auktionen der Berliner Grafikpresse gingen weiter. Sie waren immer noch etwas Besonderes. Nur gab es nicht mehr so viele, die das merkten.

Andere Galeristen halten längst keine Reden mehr, die Gäste stehen gleich mit dem Glas in der Hand, die Bilder im Rücken. Peter Röske hielt seine letzte Ausstellungseröffnungs-Rede für Hans Vent, den Maler seiner ersten Grafikmappe. Er hatte lang daran gearbeitet, wie immer. Talent zum Reden besaß er nicht, das störte niemanden. Menschen mit Talent zum Reden gibt es genug.

Die Krankheit kam zwischen zwei Ausstellungseröffnungen. Bauchspeicheldrüse, nichts mehr zu machen. Im letzten Krankenhaus lag er neben einem Bibliothekar. Sie sprachen über die Marie-Luise-Kaschnitz-Vorzugsausgabe in blauem Ledereinband. Kaufst du mir die? – Seine Frau versprach es. Was ist die Bauchspeicheldrüse gegen ein Liebhaberobjekt?

Dass seine Tochter die Galerie der Berliner Grafikpresse weiterführen wird, hat er nicht mehr erfahren.

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