Pflanzenanbau in der Großstadt : Gemüse ohne Sonnenlicht

In einer ehemaligen Fabrik in Kreuzberg wachsen Pflanzen unter LED-Leuchten. Die Firma Infarm betreibt erfolgreich Indoor Farming. Auch die Gastronomie entdeckt die Großstadtgärtner.

Marius Münstermann
Pflanzen im Regal. Die Photosynthese ermöglichen LED-Leuchten.
Pflanzen im Regal. Die Photosynthese ermöglichen LED-Leuchten.Foto: Marius Münstermann

In einem Kreuzberger Innenhof gedeiht die Zukunft der urbanen Lebensmittelversorgung. Davon jedenfalls sind drei junge Unternehmer überzeugt, die hier auf unkonventionelle Weise Gemüse anbauen: ohne Erde und Sonnenlicht.

Das Vorhaben mag zunächst seltsam anmuten: Gemüse anbauen in der Großstadt. „Wir wollten unser eigenes Essen anbauen“, sagt Guy Galonska. „Aber wir wollten nicht aufs Land ziehen, sondern in der Stadt leben.“ Gemeinsam mit seinem Bruder Erez Galonska und dessen Frau Osnat Michaeli gründete er deshalb das Unternehmen Infarm, kurz für: Indoor Farming.

Bei diesem System wachsen Pflanzen ohne Erde und Sonnenlicht. Die Pflanzen keimen in einem saugstarken Substrat aus Hanffasern, die Wurzeln hängen in Wasserbecken, die zu einem geschlossenen Kreislauf verbunden sind. So lassen sich im Vergleich zur herkömmlichen Landwirtschaft 90 Prozent Wasser einsparen.

In abgeschirmten Räumen gibt es keine Schädlinge

„Wir benötigen keine Schädlingsbekämpfungsmittel, da unsere Pflanzen drinnen wachsen“, erklärt Guy. Sein Blick schweift durch die ehemaligen Fabrikräume in der Glogauer Straße in Kreuzberg, die Infarm vor einem Jahr bezog. „Die meisten Pilze und Insekten lauern in der Erde. Da wir keine Erde benutzen und in abgeschirmten Räumen arbeiten, hatten wir bisher auch keine Probleme mit Schädlingen.“ Im Innenhof fällt wenig Tageslicht durch die Fenster. Die Photosynthese der Pflanzen ermöglichen LED-Leuchten von Valota, einem Hightech-Hersteller aus Finnland. Das übrige Zubehör kann man in jedem Baumarkt kaufen.

Das größte Problem ist der hohe Stromverbrauch, auch wenn LEDs immer effizienter werden. Eine Lösung wäre, die Glasfassaden von Bürotürmen zu begrünen. Die Pflanzen verschatten das Gebäude und nutzen zugleich die ansonsten brachliegende Fläche zur Nahrungsmittelproduktion.

Firmen in Japan oder den USA treten mit Indoor Farming bereits in Konkurrenz zu konventionellen Farmern. „In Deutschland hingegen steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen“, sagt Matthias Arlt vom Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie. „Die Erträge in der Landwirtschaft sind hierzulande sehr hoch. Die Frage lautet, wie konkurrenzfähig sich das Indoor Farming entwickelt. Da wird in den kommenden Jahren einiges passieren.“ Bis 2050 werden schätzungsweise 80 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. „In Megastädten hat Indoor Farming bereits heute enormes Potenzial“, sagt Arlt.

Urbane Farmer. Osnat Michaeli, Erez und Guy Galonska von Infarm.
Urbane Farmer. Osnat Michaeli, Erez und Guy Galonska von Infarm.Foto: Marius Münstermann

Doch der Geschmack sei getrübt, erklärt Arlt: „Der Geschmack von Gemüse vom Feld lässt sich unter künstlichen Bedingungen nicht nachahmen. Das sehen wir schon an den Tomaten aus den holländischen Gewächshäusern.“ Unter LED- Licht wachsen die Pflanzen indes doppelt so schnell wie auf dem Feld. Und das ist noch nicht alles: „Je nachdem, wie wir die Wellenlänge des Lichts einstellen, können wir sogar den Geschmack des Gemüses beeinflussen“, sagt Guy Galonska.

Die ersten Versuche für Infarm machten Guy und Erez Galonska im elterlichen Wohnzimmer in Tel Aviv. Die Brüder waren so begeistert, dass Guy sein Studium der Chinesischen Medizin abbrach, Erez und seine Frau gaben ihre Karriere als Filmemacher auf. Dass sie eigentlich fachfremd sind, sieht Guy als Vorteil: „Manche sagen, wir hätten kein biologisches oder technisches Know-how. Das mag am Anfang gestimmt haben. Dafür haben wir stets einen offenen Blick, über den Tellerrand der einzelnen Disziplinen hinaus.“ Wir tief Guy Galonska inzwischen in der Materie steckt, merkt jeder, der sich von ihm das futuristische Gewächshaus zeigen lässt. Er referiert dann beinahe atemlos. Nebenbei zupft er ein paar Blätter Kresse zum Probieren, wirft einen prüfenden Blick in die Wassertröge, mischt an der Bar eine frische Limo, begrüßt Freunde aus Israel.

Bald wird das 25hours-Hotel im Bikini-Haus beliefert

Das Konzept von Infarm hat sich herumgesprochen. Per Crowdfunding finanzierten sie den Aufbau ihres Start-ups, bald konnten sie einen Investor für ihr Vorhaben gewinnen. Nun steht der große Coup bevor: Infarm beliefert bald das 25hours-Hotel im Charlottenburger Bikini-Haus, weitere Hotel- und Restaurantküchen sollen folgen. Auch Supermärkte seien an dem futuristischen Gemüse interessiert. Außerdem kann man das Gemüse ab Ende November online bestellen oder vor Ort kaufen.

Bis es so weit ist, verkosten die Unternehmer ihre Ernte jeden Samstag bei einem Brunch in ihrem Kreuzberger Gewächshaus, das sie als „eine Mischung aus Labor und Restaurant“ bezeichnen. Die Gäste sitzen im violetten Schein der LED-Leuchten an rustikalen Tischen, an denen Guy, Erez und Osnat Michaeli sonst über den pH-Wert des Wassers oder ihre Businesspläne diskutieren. Zehn Stunden verbringen sie jeden Tag zwischen den Gemüsekästen.

Infarm beschäftigt inzwischen acht Angestellte, vor allem in der Küche. Viele Zutaten stammen bereits aus dem eigenen Anbau. Der Rest kommt vom Markt – noch. Wenn es nach den Stadtgärtnern geht, sollen nämlich bald auch Reis oder Soja unterm LED-Licht wachsen. Forscher Matthias Arlt bleibt da skeptisch: „Der Anbau von Grundnahrungsmitteln in großer Menge wird wohl auch in Zukunft nur auf Feldern möglich sein.“

Die Kreuzberger Unternehmer jedenfalls wollen ihre Pflanzen übereinandergestapelt in Regalen anbauen. Vertical Farming nennt sich dieses Konzept, mit dem Infarm auf gerade einmal 25 Quadratmetern täglich 80 bis 100 Salatköpfe ernten will – das ganze Jahr über. Später sollen Maschinen die Ernte übernehmen. Ehrgeizige Pläne. Doch Guy Galonska ist überzeugt: „Indoor Farming ist die Zukunft der urbanen Lebensmittelversorgung.“

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