Wirtschaft : Polen sind mutiger als Deutsche

Unternehmensgründungen in Berlin nehmen zu.

Markus Fischer

Berlin - Die Pädagogin Barbara Nowak ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder. Und auch wenn Nowak nicht ihr richtiger Name ist, ihre Geschichte ist beispielhaft: In ihrer Heimat Polen musste sie trotz ihrer Hochschulausbildung mit 400 Euro im Monat auskommen und weil das nicht reichte, ging sie nach Deutschland. Gern hätte Nowak als Pädagogin gearbeitet und Jugendliche betreut, doch ihre Deutschkenntnisse reichen dafür nicht aus. Deshalb gründete sie vor einem Jahr eine Reinigungsfirma. „Das ist typisch für Polen in Deutschland“, sagt Witold Kaminiski, einer der Gründer des Polnischen Sozialrats in Berlin. „Egal welche Ausbildung sie einmal hatten: Sie enden im Pflege- oder Reinigungsbereich.“

Wenn es darum geht, ein Unternehmen zu gründen, dann sind Migranten mutiger als die Deutschen. 16 278 Einzelunternehmen gründeten sie 2011 in Berlin, das sind knapp 1000 mehr als 2010 und mehr als 40 Prozent der gegründeten Unternehmen insgesamt. Bei den deutschen Gründungen stagnieren die Zahlen seit Jahren. Unter den Zugewanderten wiederum sind die Polen Spitze: Nach den aktuellsten Daten des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg haben im Mai dieses Jahres 453 Polen ein Einzelunternehmen gegründet – fast doppelt so viele wie von Berlinern mit türkischem Pass.

Gemeinsam mit dem Land Berlin und der Investitionsbank Berlin versucht das Bildungswerk Kreuzberg, ausländische Existenzgründer zu unterstützen. Im September und Oktober wird es deshalb zahlreiche Seminare in ganz Berlin geben. „Wir hoffen, dass die Migranten irgendwann nicht nur in der Fußball-Nationalmannschaft spielen, sondern auch Dax- Unternehmen führen“, sagt Nihat Sorgec vom Bildungswerk in Kreuzberg.

Denn es gibt noch viele Probleme, das größte sind mangelnde Deutschkenntnisse: Die Formulare für die Firmengründung auszufüllen und Anträge zu stellen, überfordert die meisten Migranten. Das lockt viele Betrüger an, die sich als Helfer und Vermittler tarnen, warnt der Polnische Sozialrat. Sie inserieren in polnischen Zeitungen oder sprechen Neuankömmlinge in Berlin beim Kirchgang an. Wer kein oder nur schlecht deutsch spricht, wird schnell ihr Opfer. Gegen Gebühr vermitteln die Betrüger Kunden oder kümmern sich um das Kindergeld. Dem Polnischen Sozialrat sind zahlreiche Fälle bekannt, in denen die scheinbaren Helfer bis zu 40 Prozent Vermittlungsgebühr kassieren. Wer nicht mehr zahlen will, dem kann es passieren, dass die Familie in Polen bedroht wird.

Barbara Nowak wusste um solche Betrüger, sie hat mit dem Wörterbuch in der Hand alle Anträge und Formulare selbst ausgefüllt. Für sie ist die Reinigungsfirma nur eine Notlösung. Nach einem Zehn-Stunden-Tag lernt sie abends Deutsch, um später doch als Pädagogin arbeiten zu können. Markus Fischer

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