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Probleme mit ICEs und ICs : Die Krux mit der Bahncard

Fernbusse und der billige Sprit setzen der Bahn zu, nun will sie das Geschäft auf neue Füße stellen. Eine Abschaffung der Bahncard bezeichnete Konzernchef Grube aber als "Quatsch".

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Zu teuer. Der Staatskonzern will dem Bericht zufolge im Fernverkehr drastisch sparen und die Kosten bis 2019 um 1,5 Milliarden Euro senken.
Zu teuer. Der Staatskonzern will dem Bericht zufolge im Fernverkehr drastisch sparen und die Kosten bis 2019 um 1,5 Milliarden...Foto: dpa

Nora Rocholl kam für die Deutsche Bahn wie gerufen. Jung, blond, hübsch, nicht dumm – und dann hatte sie sich auch noch eine Bahncard gekauft, als fünfmillionste Kundin. Da konnte Ulrich Homburg, 59, nicht widerstehen. „Besonders stolz sind wir auf die wachsende Zahl der jungen Bahncard-Besitzer“, säuselte der Personenverkehrsvorstand der Deutschen Bahn, ließ sich grinsend mit der Dame ablichten und überreichte ihr zur Belohnung eine Netzcard, mit der Rocholl ein Jahr lang gratis quer durchs Land fahren kann. Wert: 4090 Euro.

Das war im September. Am Donnerstagmorgen sah es für kurze Zeit so aus, als sei es mit Homburgs Leidenschaft für die Bahncard und ihre Käufer nicht mehr so weit her. Die Bahn plane die Abschaffung der Bahncard und drastische Einschnitte im Fernverkehr, berichtete der Hessische Rundfunk. Er berief sich auf eine Vorlage für den Aufsichtsrat. Das sei eine Folge der Konkurrenz durch den Fernbus. Doch die Bahn reagierte rüde: Eine „dreiste Falschmeldung“ sei das, ließ der Vorstand ausrichten.

Bahncard abschaffen - das kommt nicht gut an

Dabei beschäftigen sie sich bei der Bahn sehr wohl mit der kleinen Karte. Man mache sich Gedanken „über Kundengruppen, die sich von der Bahncard nicht angesprochen fühlen“, sagte Homburg in einer eilig einberufenen Telefonkonferenz. Offenbar schreckt es viele Kunden ab, 62 Euro für die Bahncard 25 oder 255 Euro für die Bahncard 50 auszugeben – ohne zu wissen, ob sich die Anschaffung auch rechnet. Andere Anreize sind in der Diskussion – ähnlich dem Rabattsystem von Fluggesellschaften, bei denen der Preis sinkt, je häufiger Reisende unterwegs sind. Geprüft werden auch Ermäßigungen für weitere Angebote, etwa das Car-Sharing, das die Bahn ebenfalls anbietet.

Alles andere hätte Homburg wohl in arge Bedrängnis gebracht. Die Streichung der seit 22 Jahren existierenden Bahncard wäre in Deutschland ungefähr so beliebt wie die Einführung eines Tempolimits. Homburgs Vorgänger hatten sich 2002 an dem Thema versucht, sie wollten den Rabatt auf 25 Prozent begrenzen und die Kunden mit einem neuen Preissystem zum Frühbuchen zwingen. Ergebnis: Unruhe bei den Kunden, im Bundestag und sogar im Kanzleramt. Ein halbes Jahr später war die alte Bahncard wieder da und die Manager mit der fixen Idee weg.

Dass mit dem wirren Preissystem vieles nicht stimmt, ist dem Vorstand gleichwohl bewusst. Man müsse die Tarifstruktur überprüfen, sagte Bahn-Chef Rüdiger Grube. Es soll einfacher und verständlicher werden, ein Ticket zu kaufen.

Die Konkurrenz im Fernverkehr steht nicht besser da

Bleiben die Einschnitte bei ICs und ICEs. Am Fernverkehr hat die Bahn derzeit nicht viel Freude, vor allem die Fernbusse machen Ärger. Mit Kampfpreisen von nicht einmal zehn Euro für die Fahrt von Berlin nach Hamburg kann der Konzern nicht mithalten. Um 2,8 Prozent war die Sparte im ersten Halbjahr geschrumpft, 120 Millionen Euro Umsatz könnten die Busse der Bahn 2014 abnehmen. „Drastische Einschränkungen“ werde es aber nicht geben, wiegelte Homburg ab. Vielmehr werde das Angebot in den kommenden Jahren enorm ausgeweitet durch die Freigabe der neuen ICE-Strecke Berlin-München bis 2017.

Trotzdem reagiert die Bahn, und das nicht erst seit gestern. Heute haben 100 Städte weniger einen ICE-Halt als noch 1999. Und in 122 Städten hat sich die Zahl der Zughalte seither mindestens halbiert. Auch das Nachtzug-System schrumpft: Gab es 1999 noch 29 Linien quer durchs Land und darüber hinaus, nach Prag, Paris, Rom und Pisa, hat der Konzern seither das Angebot deutlich zusammengestrichen. Derzeit werden nur noch 17 Linien bedient, weitere Kürzungen sind geplant. Die Nachtzüge von Berlin nach Amsterdam und Kopenhagen etwa wird es ab übernächstem Sonntag nicht mehr geben. Grund: Das Zugmaterial ist alt, zugleich sind Busse, Flugzeuge und auch ICEs entweder billiger oder schneller. Probleme hat die Bahn auch mit den Autoreisezügen – auch sie werden gestrichen.

Immerhin, nicht nur die Bahn hat Probleme mit ihren Zahlen. Die Konkurrenz im Fernverkehr steht nicht besser da: Veolia stellt den Interconnex zwischen Leipzig, Berlin und Rostock ein. Auch der Hamburg-Köln-Express kommt nicht aus den roten Zahlen. Offenbar müssen die Eisenbahner noch viele junge Leute wie Nora Rocholl vom Bahnfahren überzeugen, bevor es besser wird.

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