Projekt Moia in Berlin : Volkswagen will mit neuer Marke Städte lebenswerter machen

Elektrische Moia-Shuttles, bestellt per Smartphone-App, sollen künftig Menschen in der Stadt von A nach B bringen. Das neue VW-Projekt operiert in Berlin, Autos werden hier aber nicht hergestellt.

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Mobilität per App: Moia vor Hamburg-Kulisse.
Mobilität per App: Moia vor Hamburg-Kulisse.Foto: Promo

Der Hipster, der sich vor dem Berliner Sommergewitter ins Trockene gerettet hat, ist der Chef der 13. Marke des VW-Konzerns: Moia. Ole Harms – Vollbart, Undercut-Frisur, T-Shirt und Röhrenjeans – ginge als Start-up-Unternehmer durch, wenn er nicht Angestellter des größten Autoherstellers der Welt wäre. Aber Wolfsburg ist weit weg. Moia, Ende 2016 in Berlin mit 50 Mitarbeitern gestartet, soll alle Freiheiten haben. „Wir wollen eine international starke Marke mit einer starken eigenen Identität schaffen, die die Menschen in den Städten anspricht“, sagt der 42-Jährige im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Moia baut keine Autos, Moia produziert Mobilität. Von VW mit einigen hundert Millionen Euro ausgestattet, soll das junge Unternehmen „ganzheitliche Transportlösungen anbieten, die den Individualverkehr und den öffentlichen Verkehr effizienter gestalten“. So hatte Harms Moia im Dezember auf der Technologie-Konferenz „TechCrunch Disrupt“ in London vorgestellt. Elektrische Moia-Shuttles, bestellt per Smartphone-App, sollen künftig Menschen in der Stadt von A nach B bringen. Dabei werden unnötige Einzelfahrten im eigenen Auto ersetzt, weil mehrere Fahrgäste zusteigen, die in eine ähnliche Richtung unterwegs sind. Moderne Sammeltaxis, die digital vernetzt und von einem intelligenten Algorithmus geführt, weniger Stau verursachen und Parkraum beanspruchen. Die Routen sowie An- und Abfahrtzeiten werden individuell berechnet. „Die Preise liegen zwischen einem ÖPNV-Ticket und einer Taxi-Fahrt“, sagt Harms.

Pooling, Sharing, Ridehailing, Shuttle-on-Demand

Aufgerufen sind die neuen Zauberworte der Branche: Pooling, Sharing, Ridehailing, Shuttle-on-Demand. Mobilitätsdienstleistung auf Abruf. „Wir sehen eine Bewegung dahinter, die Städte lebenswerter zu machen“, formuliert Harms den Anspruch. Praktisch heißt das, ein Großteil des Alltags soll abgedeckt werden: morgens zur Arbeit fahren, mittags zu einem Termin, abends nach Hause, auch wenn es mal später wird. Harms: „Das heißt nicht, dass die Leute kein eigenes Auto mehr haben. Aber eben nicht, um damit in die Stadt zu fahren.“

Aufgebaut werden soll ein engmaschiges Netz von festen, virtuellen Haltepunkten, das sich über die Stadt legt. „Diese Punkte werden gut erkennbar und für die Nutzer in wenigen Minuten erreichbar sein.“ Von Tür zu Tür wird Moia also – anders als die in Berlin experimentierenden Anbieter Clever Shuttle oder Allygator – nicht unterwegs sein. „Das würde das ganze System ineffizient machen“, sagt Harms. Das Geschäftsgebiet solle aber schon zum Start so groß sein, „dass wir nicht nur die Nutzer im Zentrum ansprechen“.

Moia ist bislang ein Versprechen, die Marke kennt kaum jemand, es gibt noch keine App, keine Autos. „2017 ist für uns das Jahr der Vorbereitung“, sagt Harms. Mitte 2018 soll es soweit sein. Anders als vermutet wird Moia nicht in Berlin starten, sondern in Hamburg. Kürzlich hat das Unternehmen eine Kooperation mit der Hamburger Hochbahn angekündigt. „Wir sehen uns als Partner der Städte“, sagt Harms. „Wir können es nur zusammen machen.“ Auch, weil die Gesetze privaten Mobilitätsanbietern bislang enge Grenzen setzen. Nach einer Testphase sollen in Hamburg rund 200 Elektro-Shuttle-Fahrzeuge starten.

Aus dem Nichts an die Spitze. Was Volkswagen anfasst, muss groß werden. Bei der Vorstellung von Moia hatte Konzernchef Matthias Müller angekündigt, die 13. Konzernmarke solle schon in einigen Jahren mehr als eine Milliarden Euro umsetzen und den Markt der „Shared Mobility“ dominieren. Für 300 Millionen Euro kaufte man zum Auftakt den israelischen Fahrdienst Gett. Sonst ist der Autokonzern bislang nicht mit innovativen Mobilitätsdiensten wie etwa Carsharing aufgefallen. So ist auch Moia noch ein gutes Stück vom Ziel entfernt.

Firmensitz am Potsdamer Platz

Am vorläufigen Firmensitz am Potsdamer Platz forscht und entwickelt man an mehreren Stellen. „Wir wollen die gesamte Wertschöpfungskette kontrollieren: von der App und dem dahinter liegenden Pooling-Algorithmus über den Flottenbetrieb bis hin zum passenden elektrischen Fahrzeug“, sagt Harms. Über das Auto verrät er noch wenig. Zusammen mit Volkswagen plant Moia einen speziell für die Marke konfigurierten Elektro-Minibus mit bis zu sechs Sitzen, der wesentlich aus dem Baukasten des Autoherstellers stammt. „Wir brauchen für unterschiedliche Einsatzgebiete perspektivisch unterschiedliche Fahrzeuge, die aber alle auf einer elektrischen Plattform basieren“, sagt Harms. In die Entwicklung einbezogen werden auch potenzielle Nutzer. „Wir veranstalten alle vier Wochen Co-Creation-Days, wo wir Leute aller Altersschichten einladen, sich die Modelle anzusehen, Probebuchungen zu machen und zu testen wie man in das Auto ein- und wieder aussteigt“, berichtet der Moia-Chef. In Wolfsburg heißt es, man wolle das Fahrzeug, das unter der Marke Moia fahre, „auf jeden Fall noch dieses Jahr zeigen“.

„Das Herz unseres Pooling-Systems“, sagt Harms, ist der Algorithmus, High-end-Technologie, die derzeit nur wenige IT-Experten beherrschten. Zur Verstärkung hat Moia Anfang Juni das finnische Tech-Unternehmen Split gekauft. Probleme, die richtigen eigenen Leute zu finden, hat Moia aber offenbar nicht. „Wir bekommen jeden Tag Bewerbungen aus der ganzen Welt und haben noch keinen Cent für Headhunter ausgegeben“, sagt Ole Harms. Bis Ende des Jahres soll sich die Zahl der Beschäftigten auf mindestens 100 verdoppeln.

Irgendwann will Moia auch in der Hauptstadt starten. „Wir würden sehr gerne nach Berlin kommen, hier haben wir angefangen“, versichert Harms. Doch hört man zwischen den Zeilen heraus, dass es noch eine Weile dauern wird. „Wir führen erste Gespräche und es ist Interesse erkennbar.“ Moia frage nicht nach Geld, sondern nach „ideeller und politischer Unterstützung“, sagt Harms und klingt wie ein Hipster, nicht wie ein Manager, der irgendwann in Wolfsburg Gewinne abliefern muss.

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