Reinhold Würth im Interview : "Berlin ist immer noch so grausam provinziell"

Schraubenmilliardär und Sammler Reinhold Würth zeigt seine Kunst im Berliner Gropius-Bau. Im Tagesspiegel spricht er über Flüchtlinge, den Wert der Kunst und das provinzielle Berlin.

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Sammler Reinhold Würth vor David Hockneys Gemälde "Gerfällte Bäume auf Woldgate", das in der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau zu sehen ist.
Sammler Reinhold Würth vor David Hockneys Gemälde "Gerfällte Bäume auf Woldgate", das in der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau zu...Foto: Eventpress

Herr Würth, Sie sind im April 80 geworden. Haben Sie nie daran gedacht, in den Ruhestand zu gehen?

Doch, schon mit 40 habe ich mir überlegt: Mit 65 gehst du in Rente und schreibst einen Kriminalroman. Es ist dann in der Praxis anders gekommen.

Sie können nicht aufhören?

Es gibt zwei Seiten. Ich beobachte immer wieder, dass sich Menschen meines Alters, die vor ein paar Jahren in Pension gegangen sind, gnadenlos langweilen. Selbst wenn Sie sich ein komfortables Leben im Süden, mit Strand und Sonne, leisten können.

Sie sind einer der reichsten Männer der Welt. Sie könnten für Abwechslung sorgen.

Zugegeben, ich ärgere mich selbst manchmal über meine Blödheit, heute noch so aktiv zu sein. Wir haben zum Beispiel ein schönes Anwesen auf Schwanenwerder. Meine Frau meint, wir sollten es häufiger nutzen. Es ist ja auch so schön am Wannsee. Man kann ins Grüne fahren. Früher war ich oft mit dem Fahrrädle unterwegs, bis nach Neuruppin raus.

Wie oft sind Sie in Berlin?

Ein bis zwei Mal im Monat.

Sie waren gerade sieben Wochen lang mit ihrer 85-Meter-Jacht in Norwegen. Lassen Sie die Seele baumeln?

Sicher nicht. Auch dort bin ich aktiv. Wir haben jeden Tag Landausflüge gemacht, Museen besucht, Kirchen. Wir haben auch einen Helikopter an Bord.

Den Sie aber nicht selbst fliegen?!

Nein, mein Enkelsohn fliegt ihn. Ihm kann ich voll vertrauen.

Arbeiten Sie an Bord?

Natürlich. Ich bekomme jeden Tag Post aufs Boot gemailt und ich diktiere dann drei bis vier Stunden. Die Korrespondenz wird von meinen Sekretärinnen zu Hause bearbeitet. Wir machen auch Video- oder Telefonkonferenzen. Das ist lustig. Ich bin zwar nicht mehr ins Tagesgeschäft eingebunden, aber um strategische Fragen kümmere ich mich schon noch. Die Rückkehr war ein Freudenfest – für mich, aber auch für meine Geschäftsführer.

Wie haben Sie nach Ihrer Rückkehr die Bilder von Flüchtlingen in Europa wahrgenommen?

Mit Leiden. Und es war gewissermaßen ein Déjà-vu für mich: Ich habe nach dem Krieg selbst noch die Flüchtlingszüge aus dem Osten in Künzelsau ankommen sehen. Wissen Sie, meiner Frau und mir ist das Mitleid mit anderen Menschen ohnehin nicht unbekannt. Nicht zuletzt, weil unser Sohn geistig behindert ist und besonderer Fürsorge bedarf. Meine Frau ist sehr in der Behindertenbetreuung engagiert.

Tun Sie etwas für die Flüchtlinge?

Ja. Wir bereiten gerade ein leer stehendes Gebäude für die Aufnahme von Flüchtlingen vor. Unabhängig von staatlichen Aktivitäten geben wir als erste Hilfe 500 000 Euro dazu. Ich sehe in der Zuwanderung auch eine große Chance für unser Land. Viele, die jetzt zu uns kommen, sind gebildete Menschen voller Tatendrang, Akademiker, Ärzte. Sie sind eine Bereicherung.

Keine Belastung?

Es ist eine unsinnige Lüge, zu behaupten, die Ausländer lägen unserem Sozialsystem nur auf der Tasche. Sie zahlen im Gegenteil Steuern und Sozialversicherungsbeiträge und tragen zum Gelingen unseres Systems bei. Gerade in Baden-Württemberg sehen das übrigens viele Unternehmer so, die nach Fachkräften suchen.

Empfinden Sie Ihren Reichtum angesichts des Flüchtlingsdramas auch als Bürde?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe in meinem Leben geschuftet wie kaum ein anderer und meinen Reichtum nicht verschwendet. Würth hat heute fast 67 000 Beschäftigte. Der Staat hätte für die Schaffung dieser Arbeitsplätze fünf Mal so viel Kapital verbrannt.

Eigentum verpflichtet.

So sehe ich das auch. Die Sozialverpflichtung des Eigentums sehe ich sehr wohl. Wenn ich mir dann nach 65 Berufsjahren eine Jacht leiste, ist das im Gesamtkontext eine Petitesse.

Ein Teil ihrer großen Kunstsammlung ist jetzt in Berlin im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Sie besitzen 15 Museen und Kunsthallen in ganz Europa. Der Eintritt ist überall frei. Ist das auch eine Form des Teilens für Sie?

Ja, sicher. Ich könnte meine Kunst ja auch im Tresor lassen. Es ist aber Philosophie unseres Unternehmens, dass wir mit diesem Pfund auch wuchern wollen. Das Engagement ist nicht nur selbstlos.

Welcher Gedanke steckt dahinter?

Die Sammlung macht uns bekannt, sie treibt das Unternehmen voran. Würde ich nicht meinen Holbein im Martin-Gropius-Bau zeigen, würden Sie und Ihr Blättle auch kein Interview mit mir führen wollen.

Sie täuschen sich.

Wissen Sie, ich werde oft gefragt: Warum geben Sie einen dreistelligen Millionenbetrag für Kunst aus? Dafür könnte man doch Firmen kaufen, Hallen bauen, investieren. Was soll das? Ich kann auch nicht genau sagen, ob es richtig oder falsch war. Eines weiß ich auf jeden Fall: Würth war vor 40 Jahren ein Nobody im Markt, heute sind wir Weltmarktführer. Die Kunst kann also mindestens nicht geschadet haben.

Was hat sie dem Unternehmen gebracht, das mit Schrauben und Befestigungstechnik groß geworden ist?

Die Beschäftigung mit der Kunst hat Würth zu einem kosmopolitischen Unternehmen gemacht, dem man eine gewisse Eloquenz und Leichtigkeit zuschreibt. Wir sind nicht fanatisch nur auf Umsatz und Gewinn fixiert. Ich bin natürlich auch Kaufmann und weiß, dass meine Sammlung an Wert gewonnen hat. Aber ich verkaufe nichts. In der Bilanz stehen auch nur die Anschaffungskosten, nicht der Wertzuwachs. Besonders freut mich, wenn unsere Mitarbeiter etwas von der Kunst haben. Auch die, die vorher nichts damit am Hut hatten. Das ist eine emotionale Rendite für mich.

Was bringt das den Mitarbeitern?

Die Kunst schafft Leichtigkeit, sie fördert die Kreativität, schafft Identität. Wer mag, kann sich zum Beispiel aus unserer Artothek Kunstwerke ausleihen und mit nach Hause nehmen. Viele sind auch stolz auf ihren Job, wenn sie sehen, wie viele Besucher von draußen kommen, um sich die Ausstellungen in unserem firmeninternen Kunstmuseum in Künzelsau anzusehen. Ich sage manchmal scherzhaft: Wir führen das Unternehmen eher wie einen Kegelverein. Bei Würth herrscht eine fröhliche Atmosphäre.

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