Rekordnachfrage im ersten Halbjahr : Der Diesel lebt

Noch nie wurden so viele Diesel-Fahrzeuge in einem ersten Halbjahr verkauft wie 2016. Trotz des angekratzten Images der deutschen Autoindustrie rechnet der Verband mit einem Rekordjahr bei den Neuzulassungen.

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Vitaler Automarkt. Die Zahl der Neuzulassungen steigt schneller als die Branche erwartet hatte. Foto: picture alliance / dpa
Vitaler Automarkt. Die Zahl der Neuzulassungen steigt schneller als die Branche erwartet hatte.Foto: picture alliance / dpa

Der Diesel-Skandal und das angekratzte Image der deutschen Autoindustrie haben die Nachfrage nach neuen Autos nicht gebremst. Im Gegenteil: Noch nie wurden in einem ersten Halbjahr so viele Diesel-Pkw verkauft wie 2016: 812 000. Der Automarkt insgesamt ist äußerst robust. „Wir gehen derzeit von mehr als 3,3 Millionen Neuzulassungen aus“, blickte Matthias Wissmann, Präsident des deutschen Autoverbandes VDA, am Montag in Berlin auf das gesamte Jahr. Zuletzt waren vor zehn Jahren so viele Neuwagen in Deutschland angemeldet worden. Eine Ausnahme bildete das Jahr 2009, als die Abwrackprämie den Neuwagenmarkt auf 3,8 Millionen Fahrzeuge nach oben zog.

„Der Pkw-Inlandsmarkt zeigt eine Vitalität, die manche nicht erwartet hatten“, freute sich Wissmann. Auch die Automärkte in Westeuropa, den USA und in China, die zusammen zwei Drittel des Weltmarktes ausmachen, blieben auf Wachstumskurs. Zum ersten Mal würden 2016 weltweit mehr als 80 Millionen Neuwagen verkauft, schätzt der VDA, drei Prozent mehr als im Vorjahr. Der starke deutsche Markt kommt auch der Beschäftigung zu Gute. Die gute Konjunktur insbesondere in Westeuropa führte dazu, dass die Hersteller in den vergangenen zwölf Monaten hierzulande 15 600 Beschäftigte einstellen konnten – im April waren damit 801 100 Mitarbeiter in den Stammbelegschaften beschäftigt.

Die Branche setzt jetzt auf Transparenz gegenüber Kunden und Behörden

„Ein wenig stolz“ sei man auf die guten Zahlen, sagte Wissmann – trotz des Ärgers über „Selbstverschuldetes und die Politik“. Womit er zwei Themen ansprach, die die Branche eigentlich auch in eine handfeste Krise führen könnten: die Diesel-Affäre bei Volkswagen und der Brexit. „Das Image der Branche hat erhebliche Kratzer bekommen“, räumte Wissmann ein. „Ich will nichts beschönigen.“ Vertrauen sei verloren gegangen und müsse nun zurückgewonnen werden. „Nicht alles, was legal ist, ist auch legitim“, sagt der VDA-Präsident mit Blick auf überhöhte Abgaswerte, nicht nur beim Diesel, sondern auch bei Benzinern. „Hier wurde der Bogen in manchen Fällen überspannt.“ Die Autoindustrie wisse, dass sie ihren Ruf maßgeblich selbst zu verantworten habe.

Um das beschädigte Image zu reparieren und wieder glaubwürdig zu werden, setzt der Verband auf Transparenz – gegenüber den Kunden und den Behörden. Dabei unterstützt der VDA überwiegend Maßnahmen zur Messung von Abgasen und Verbrauch, die der Gesetzgeber ohnehin für die kommenden Monate vorschreibt: den neuen realistischeren Labortest WLTP (Worldwide Harmonized Light Duty Test Procedure) oder Straßentests zur Ermittlung von Emissionen in der Fahrpraxis (Real Driving Emissions). Der VDA kündigte allerdings auch mehr Offenheit gegenüber den Zulassungsbehörden an. „Die Hersteller bieten an, ihre Softwarekonzepte für die Abgasnachbehandlung den Genehmigungsbehörden zugänglich zu machen“, sagte Wissmann. Damit gebe die Branche Einsicht in praktisch alles Wesentliche, was die Software eines Fahrzeugs ausmache. „Wir wollen dabei nichts verschweigen.“ Abschalteinrichtungen blieben damit künftig nicht mehr unentdeckt. Der VDA befürwortet auch eine Reform des Typengenehmigungsverfahrens. So sei denkbar, dass Hersteller ihre Prüflabors regelmäßig wechseln müssten, sagte Wissmann.

Benziner noch stärker gefragt als Diesel

Die Bemühungen der Autolobby, den Diesel salonfähig zu halten, sind allerdings aus Kundensicht nur auf den ersten Blick erfolgreich. Seit Jahresanfang hat der Absatz von Benzinern stärker zugelegt als der von Diesel-Neuwagen. „Der Diesel hat ein Imageproblem und bekommt derzeit kräftig Gegenwind“, sagte Peter Fuß, Partner und Autoexperte beim Beratungsunternehmen EY. Dieselfahrzeuge dürften zudem aufgrund zusätzlicher technischer Maßnahmen zur Abgasreinigung und angesichts strengerer Grenzwerte und neuer Messmethoden teurer werden. „Die deutschen Autobauer müssen umdenken“, sagte Fuß. Jetzt sei mehr Engagement für Elektromobilität und für Innovationen im Bereich Vernetzung und autonomes Fahren gefragt.

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Mit Blick auf den wichtigen Markt Großbritannien setzt sich die deutsche Autoindustrie dafür ein, die Freizügigkeit im Handel auch nach dem Brexit beizubehalten. „Es muss alles getan werden, um den bislang ungehinderten Waren- und Dienstleistungsverkehr zwischen Großbritannien und den anderen EU-Ländern auch künftig zu ermöglichen“, sagte Wissmann. Im vergangenen Jahr exportierten deutsche Hersteller 810 000 Fahrzeuge ins Vereinigte Königreich. Umgekehrt geht jedes zweite exportierte Auto aus Großbritannien an Abnehmer in der EU. Insgesamt stieg die Pkw-Produktion in Deutschland im ersten Halbjahr um vier Prozent auf gut drei Millionen Fahrzeuge.

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