Riskante Geldgeschäfte : Schattenbanken bunkern 70 Billionen Dollar

Die Finanzindustrie wird seit der Finanzkrise strenger reguliert. Mit einer Ausnahme: In den Büchern von Schattenbanken schlummern noch enorme Risiken.

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Nicht transparent. In Europa, schätzen Ratingagenturen, sind 30 Prozent aller Vermögenswerte in der Finanzwirtschaft bei Schattenbanken.
Nicht transparent. In Europa, schätzen Ratingagenturen, sind 30 Prozent aller Vermögenswerte in der Finanzwirtschaft bei...Foto: AFP

Bundeskanzlerin Angela Merkel schlägt Alarm. Es sei immer noch ein Bereich, der „ziemlich nackt“ dastehe, sagt sie über die sogenannten Schattenbanken. Während Banken immer umfassender reguliert werden, lässt die Politik Hedgefonds oder Finanzinvestoren weiter an der langen Leine laufen, obwohl sich dort, so Experten, gewaltige Risiken ballen. Werde hier nicht genauer hingeschaut, dann, so Merkel diese Woche beim Wirtschafts-Nobelpreisträger-Treffen in Lindau, „ist die Gefahr einer nächsten Finanzmarktkrise bereits vorprogrammiert“. Im November werden sich die G-20-Staaten wieder mit dem Thema befassen, zuvor auch das Jahrestreffen des Internationalen Währungsfonds (IWF). Schnelle Erfolge wird es nicht geben. Schließlich müht man sich schon seit 2008.

Das ist auch deshalb nicht einfach, weil der Begriff „Schattenbanken“ suggeriert, dass es sich um Akteure handelt, die bewusst im Dunkeln und außerhalb der Gesetze agieren. „Der Begriff ist falsch. Es geht nicht um illegale Aktivitäten“, ist bei der Bundesbank zu hören. Gleichwohl müsse das reguliert werden, was Ähnlichkeiten mit Bankgeschäften habe und entsprechende Risiken berge.

Zweifelhafter Ruhm für die Schattenbanken der Landesbanken

Tatsächlich ist der Begriff Schattenbanken vage. Trotzdem hat der bei der Internationalen Bank für Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel – der Notenbank der Notenbanken – angesiedelte Rat für Finanzstabilität (FSB) errechnet, dass Schattenbanken weltweit Ende 2012 über 71 Billionen Dollar verfügt haben sollen – fast dreimal so viel wie 2002. Der Rat summiert unter dem Begriff, das „System der Kreditvermittlung, an dem Unternehmen und Tätigkeiten außerhalb des regulären Banksystems beteiligt sind“. Darunter finden sich Hedgefonds, Geldmarktfonds, Finanzinvestoren, etwa US-Gesellschaften wie KKR, Lone Star oder Carlye, Private Equity Fonds, aber auch Töchter von Banken, die außerhalb der Bilanz agieren. Zu zweifelhaftem Ruhm sind dabei vor zehn Jahren Zweckgesellschaften von Landesbanken gekommen, in die waghalsige Geschäfte ausgelagert wurden, die schiefgingen und für die letztlich auch der Steuerzahler geradestehen musste.

Die Banken müssen ihre Bilanzen von Risiken befreien

In Europa, schätzen Ratingagenturen, liegen 30 Prozent aller Vermögenswerte in der Finanzwirtschaft bereits bei Schattenbanken, in den USA sollen es 40 Prozent sein. Es dürften noch mehr werden. Die härtere Regulierung für Banken und der Druck, ihre Bilanzen von Risiken zu entlasten, stärkt diesen Sektor, wie auch Elke König, Präsidentin der deutschen Finanzdienstaufsicht Bafin einräumt. Hedgefonds oder Private-Equity- Firmen kaufen den Banken riskante Papiere ab, etwa Schiffskredite. „Ich bin natürlich sehr zufrieden, dass wir uns in einer Phase befinden, in der die Banken die Geschäfte, von denen sie sich zu verabschieden haben, zu hoffentlich vernünftigen Preisen verkaufen können“, sagt König. Andererseits finanzieren die Schattenbanken solche Investments nicht nur mit eigenem Geld, sondern nehmen dazu – derzeit besonders günstig – Kredite auf. Bei regulierten Banken. Indirekt sind also die Risiken aus dem Bankensektor nicht vollständig verschwunden. „Wenn man die Anforderungen an regulierte Institute erhöht“, sagt Bafin-Chefin König, „muss man auch einen besseren Einblick in den schwächer oder gar nicht regulierten Sektor bekommen. Sonst ist gar nichts gewonnen, weil das Risiko ja nicht einfach verschwindet, sondern nur woanders ist, und zwar dort, wo wir als Aufsicht nichts ausrichten können.“

Regulierungsvorschläge werden begrüßt, aber nicht umgesetzt

Hedgefonds-Manager verschweigen nicht, dass ihnen die Nöte der Banken Chancen eröffnen. Sie hätten immer noch Posten in ihren Büchern, die sie für „interessante Preise“ verkaufen wollten, ist zu hören. Andere betonen, dass man gezielt in Bereiche investiere, aus denen sich Banken zurückziehen. Die wollen den Schattenbanken nicht wirklich ans Leder.

Regulierungsvorschläge des FSB, der G 20 und der EU-Kommission werden zwar begrüßt und seien, „ein wichtiger Baustein für mehr Stabilität im Finanzsektor“, wie Deutsche Bank-Co-Chef und Bankenpräsident Jürgen Fitschen im September 2013 sagte. Der Schattenbankensektor sei aber auch wichtiger Bestandteil der Finanzmärkte. „Er steigert die Effizienz des Finanzsystems und erhöht so den gesamtwirtschaftlichen Nutzen.“

Für Elke König ist klar, dass Schattenbanken nur durch globale Regeln überwacht werden können. Auch Fitschen plädiert für weltweit gültige Regeln. Und weiß wie König, dass dies dauern wird. Währenddessen wächst der Schattenbankensektor weiter. Und mit ihm mögliche Gefahren, wie nicht nur Kanzlerin Merkel betont. In China, so ist zu hören, wächst der Sektor besonders schnell. Dort sollen einige Geschäfte von Schattenbanken schon schiefgegangen sein.

Ob Angela Merkels Lindauer Appell für eine strengere Aufsicht Gehör findet, bleibt abzuwarten. 2008, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, hatte Merkel betont, dass kein Ort, kein Finanzprodukt und kein Akteur ohne Regulierung bleiben dürfe.

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