Wirtschaft : Routenpoker: von Gewinnern und Verlierern

Immobilienmärkte stellen sich auf die neue Zeitrechnung rund um den Flughafen BER ein

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Fast acht Wochen nachdem die Flugsicherung (DFS) ihre Routenvorschläge für den künftigen Berlin-Brandenburger Flughafen BER vorgestellt hat, richten sich die betroffenen Immobilienmärkte in Berlin und Brandenburg auf die neue BER-Zeitrechnung ein. Dramatische Preisausschläge sind bisher ausgeblieben, sowohl im Südwesten als auch im Südosten der Stadt. Doch am Horizont dämmern bereits erste Verlierer und Gewinner des Flugroutenpokers.

Die Banner hängen noch immer an den Zäunen vor den Einfamilienhäusern in Kleinmachnow. „Eine Region wehrt sich“, steht darauf geschrieben oder: „Keine Flugrouten über Kleinmachnow“ – selten jedoch: „Zu verkaufen“, wie viele angesichts des zu erwartenden Lärms der geplanten Nordost-Ost-Route vermutet hatten. Eine Region fügt sich, so der Anschein – und hat dabei bisher kaum Blessuren davongetragen.

„Die Nachfrage ist kontinuierlich da“, sagt der Kleinmachnower Makler Joachim Rohde. „Bei Häusern zwischen 300 000 und 400 000 Euro habe ich so viele Interessenten, dass ich immer einen Käufer finde, der den Preis bezahlt.“ Zwar sprächen fast alle Interessenten das Thema Fluglärm an, doch das sei immer erst die dritte oder vierte Frage. Und selbst dann muss der Makler eine klare Antwort schuldig bleiben. „Das sind ja alles bisher nur Spekulationen“, erklärt Rohde, „letztendlich weiß ja kein Mensch, wie laut es tatsächlich werden wird.“

Diese Unsicherheit schlägt sich nach Aussage von Rohde in Kleinmachnow derzeit vor allem im hochpreisigen Segment nieder. „Wenn ich eine Million Euro in die Hand nehme, dann habe ich natürlich auch einen höheren Anspruch an die Immobilie“, weiß der Makler. Dementsprechend zögerlich sei die Käuferschicht in diesem finanziellen Spektrum geworden.

Auch Rohdes Kollegen im Südosten der Stadt wollen offiziell nicht von einem Preiseinbruch sprechen. Réne Bernhardt von Haupstadtmakler24.de hatte bisher noch keine Kunden, die wegen des zu erwartenden Fluglärms verkaufen wollten. Gleiches berichtet auch Oliver Giersch von Engel & Völkers. Doch die Unsicherheit hat angesichts unklarer Flugrouten und eventuell niedriger Überflughöhen in der Müggelseeregion zugenommen.

„In Schmöckwitz sind die Preise leicht abgesackt, aber nicht dramatisch“, so Bernhardts Beobachtung. Und in Müggelheim würden zwar viele verkaufen wollen, fänden aber derzeit kaum Kunden.

Demgegenüber sieht Bernhardt allerdings auch Profiteure in unmittelbarer BER-Nähe: „In Rudow verzeichnen wir eine konstante Preissteigerung. Es ist nahe an Schönefeld, wird aber nicht verlärmt, weil es parallel zu den Startbahnen liegt.“ Selbst in den von Lärm bedrohten Gemeinden gebe es positive Beispiele, die die Hoffnung nährten, dass die wirtschaftliche Strahlkraft des Flughafens letztlich größer sei als der Verlust an Lebensqualität. So hat Bernhardt in Eichwalde bereits einige Eigentumswohnungen an Piloten und Flughafenmitarbeiter verkauft.

Auch David Eberhardt vom Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen sieht die Entwicklung in der Müggelseeregion insgesamt positiv. Er verweist darauf, dass der Leerstand „deutlich zurückgeht, bis hinauf nach Bernau“, und teilweise unter zwei Prozent liege. Einzelne Mitgliedsunternehmen dächten sogar über Neubauten nach.

Dass es sich bei den vielen Lobgesängen auf die von Fluglärm bedrohten Regionalmärkte nicht bloß um Zweckoptimismus handelt, wird allem Anschein nach auch von einer aktuellen Auswertung des Online-Portals Immobilienscout 24 gestützt. Dabei wurden alle auf dem Portal getätigten Miet- und Kaufgesuche in den von Fluglärm bedrohten Regionen in einem Zeitraum von zwei Jahren ausgewertet. Das Ergebnis: In allen potenziell betroffenen Regionen ist die Zahl der Gesuche gestiegen. Wurden etwa im Bezirk Wannsee im Juli 2010 294 Gesuche registriert, waren es im Juli 2011 schon 528, was einem Nachfragezuwachs von 70 Prozent entspricht. Besonders steil waren die Anstiege der zurückliegenden zwei Jahre demnach in Steglitz und Lichterfelde.

Betrachte man die Nachfrage nur für die Monate Juni und Juli 2011, dem Zeitraum also, in dem die DFS ihre Routenvorschläge bekannt gab, falle auf, dass sie auch dort in fast allen Bezirken steige. Lediglich in Großbeeren stagnierte sie, allein in Teltow ging sie leicht von 974 auf 971 Gesuche zurück.

Die anhaltend hohe Nachfrage nach Immobilien in der Hauptstadt und ihren Umlandgemeinden ist nach Ansicht vieler Experten der grassierenden Inflationsangst geschuldet und täuscht möglicherweise darüber hinweg, dass das Thema „Wertverlust durch Fluglärm“ den Berlinern möglicherweise noch bevorsteht.

Friedrich Thießen von der Universität Chemnitz zumindest ist sicher, dass die Berliner Preise fallen werden, wenn der BER erst einmal in Betrieb ist. Der Volkswirt erstellte 2008 eine Studie im Rhein- Main-Gebiet, die sich mit dem Preisverfall von Immobilien als Folge von Fluglärm beschäftigte. „In Berlin wird genau das Gleiche passieren wie in Offenbach, Düsseldorf-Ratingen oder Frankfurt-Lerchesberg“, konstatiert Thießen, „die Preise werden fallen.“

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