Wirtschaft : Rudolf Heltzel

Geb. 1907

David Ensikat

Was nützt Verkündigung, wenn niemand sie entziffern kann? Sein Glaube war ein einfacher: Gott ist gut, alles wird gut.

Wer so denkt, braucht keine Lebensversicherung und keine Rente. Wer so denkt, malt nicht abstrakt. Die Welt ist schön, warum soll man sie anders darstellen?

In einem Radiointerview vor 16 Jahren wusste der Moderator nicht so recht, ob er Rudolf Heltzel einen Künstler nennen sollte. Dabei lebte der seit seinem 19. Lebensjahr für kaum etwas anderes als für die Kunst. Nur eben für die Kunst, wie er sie verstand, für die schöne, die verständliche. Für eine Kunst, deren höchster Wert der Wiedererkennungswert ist. Viele nennen so etwas voll der Verachtung: Kunsthandwerk.

Manchmal dachte Rudolf Heltzel: Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn ich Kunst studiert hätte. Ein schöner Gedanke war ihm das nicht. Studierte Künstler können heutzutage gar nicht tun, was sie wollen, und was sie wirklich können, so dachte er. Die müssen vor allem immer anders sein als alle anderen. Originell, überraschend. Er erzählte gern die Geschichte von den knallenden Tüten. Als Kinder haben sie Leute erschreckt, indem sie Tüten aufbliesen und mit lautem Knall zerschlugen. Nach drei Knallen aber habe sich niemand mehr erschreckt.

Rudolf Heltzels Kunst hat nie geknallt. Er kam zwar zu ihr, weil er gar nicht anders konnte – mit einem existenziellen Entäußerungsdruck hatte das aber nichts zu tun. Er hatte Schneider gelernt, wurde mit 19 arbeitslos und traf auf einen Pfarrer, der eine neue Kirche auszugestalten hatte. Indem er Messgewänder schneiderte und Wandteppiche bestickte, verdiente der junge Mann das Geld zum Überleben – und gelangte in ein Kunstsegment, in welchem es tatsächlich um Schönheit, frohe Botschaft und Erkennbarkeit ging. Was nützt denn die Verkündigung, wenn niemand sie entziffern kann? Ein Jesus ist ein Jesus, eine Krippe eine Krippe. Ein Glück für Rudolf Heltzel, dass die Nutzer dieses Kunstsegments, die Kirchgänger, das genauso sahen.

Mit einem unglaublichen Geschick gesegnet, war der junge Künstler in der Lage, die unterschiedlichsten Bedürfnisse zu stillen. Er ging nicht nur mit Stoffen virtuos um, sondern er malte auch, und er lernte, wie man einem Holzblock so behaut und beschneidet, dass eine Maria übrig bleibt. Bedarfsgerecht eignete er sich noch eine andere Technik an (die außerhalb der Kirchen kaum noch jemanden interessierte): die Intarsienarbeit. Millimetergroße, hauchdünne Holzplättchen, sortiert nach Form, Farbe und Maserung, aneinander gelegt und in größere Holzstücke eingeleimt, ergeben ein Bild, welches schon durch die ungeheure Kunstfertigkeit beeindruckt. Kunst oder Kunsthandwerk, wo ist die Grenze?

Für Rudolf Heltzel war das ganz egal. Er erfreute seine Auftraggeber, die Kirchgänger erkannten die Motive, er konnte sich ein Atelier einrichten und von seiner Arbeit leben. Sein Herrgott meinte es gut mit ihm.

Selbst im größten Unglück, verfolgte ihn das Glück: Den Soldaten an der Ostfront schickte man immer wieder ins Hinterland, damit er dort aquarelliere. Wie durch ein Wunder sind die Bilder erhalten geblieben. Schöne Bilder, was sonst. Russische Schlösser und Kirchen in blühenden Landschaften, Idyllen, wenige Kilometer von der Hölle entfernt.

In der einjährigen Gefangenschaft malte Rudolf Heltzel, was er sonst nie malte: Porträts lebender Menschen. Kirchen waren hier weder auszuschmücken noch abzumalen, die Lagerlandschaft war nicht schön; was blieb ihm übrig?

Zurück in Berlin, fand er schnell die neuen alten Auftraggeber: Dutzende Kirchen, ausgebrannte, zerbombte, geplünderte, mussten ausgestattet werden. Wenn Rudolf Heltzel jetzt Menschen darstellte, dann endlich wieder die überirdischen aus den Christenmythen, die Muttergottes, den Sohn Gottes, die Könige aus dem Morgenland. Krippen produzierte er in Serie, jede Vierte ging für wenig Geld in die diesbezüglich besonders bedürftige DDR.

Altäre, Kreuzwege, Weihnachtskrippen von Rudolf Heltzel stehen in hunderten von Kirchen. Seinen Ruhm in West-Berliner gebildeten Kreisen verdankte er aber vor allem seinem riesengroßen Atelier. Die Räume im Dachgestühl der Elisabethkirche, Kolonnenstraße, Schöneberg, hatte er in den fünfziger Jahren ausgebaut. Bis in die späten Neunziger lud er regelmäßig zu einem Kunstsalon ein. Lesungen, Konzerte, Diskussionen gab es da, dazu Orangensaft und Kekse von Bilka um die Ecke. Rudolf Heltzel freute sich, dass er das Privileg der wunderbaren Räume teilen konnte. Was für eine absurde Vorstellung, so etwas allein zu nutzen!

Ein Künstler, der ein Künstler sein will, malt ein Bild und zeigt es irgendwann vorsichtig den Leuten, die es gefälligst mit der notwendigen Demut würdigen sollen. Rudolf Heltzel reichte den Leuten ganze Mappen mit seinen Aquarellen – „Ach, und dann hätte ich da noch was.“ Einer, der sein Werk geschickt verkauft, das war er wirklich nicht. Überhaupt verkaufen – wozu denn, wenn man den lieben Gott an seiner Seite weiß? Mit 65 hörte Rudolf Heltzel auf, Kirchenfiguren zu schnitzen, obwohl er nie für eine Rente gespart hatte. Es ging auch ohne, irgendwie: Durch seine Ehe war der Lebensunterhalt gesichert, die Miete für das Atelier war günstig, Aquarellfarben kosteten nicht viel.

Und es gab ja noch so viel Schönes, das er malen konnte! Er unternahm Reisen und malte fremde Landschaften, er unternahm Spaziergänge und malte die vertrauten. Vier Jahre vor dem Mauerfall entstand ein möglicherweise trauriges, auf jeden Fall schönes Bild vom toten Winkel am Brandenburger Tor: Links der leicht verwilderte Tiergarten, vorn die Mauer, hinten das Tor und nirgends eine Menschenseele. Als dann die Mauer fiel und er auch die schönsten Ecken des Berliner Umlands malen konnte, sah er sich ein weiteres Mal bestätigt: Es wird alles gut.

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